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Barlatay – Ultratrail 2017

Es ist Freitag, wir sind in Zweisimmen am Campingplatz, noch ein paar Stunden bis zum Start. Das Wetter ist bestens, strahlendblauer Himmel, keine Wolke am Himmel. Die Wetter-App sagt für den Abend und die kommende Nacht aber das genaue Gegenteil voraus, nämlich Dauerregen und Gewitter. Das kann ich gar nicht glauben, aber ein Blick auf die Satellitenfotos spricht Bände. Ja, da kommt was auf uns zu…

Was bisher geschah:

Vergangenes Jahr habe ich in L’Etivaz schon mal am Start gestanden. Ich war am Freitagvormittag losgefahren, war gesundheitsmäßig angeschlagen und bin nach einer 7-stündigen Autofahrt 2 Stunden später an den Start gegangen. Es kam, was kommen musste: Ich musste bereits am ersten VP die Startnummer abgeben. Nichts ging mehr. Selber schuld, aber der bayerische Schwabe in mir hat sich damals gesagt, wenn das Startgeld schon gezahlt ist, machst Du das Ding auch. Tags darauf bin ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren. Wieder eine offene Rechnung, die es zu begleichen galt.

Barlatay-Supertrail

Der Barlatay-Supertrail wird zu Ehren und im Gedenken an die Schweizer Marathonläuferin Franziska Rochat-Moser abgehalten. Sie kam bei einem Lawinenunglück 2002 ums Leben. Die Streckenabschnitte waren Großteils ihre Trainingswege. Einige Streckenposten mit denen ich mich während und nach dem Lauf unterhalte, kennen sie sogar noch persönlich. In deren Schilderungen schwingt eine große Portion Stolz mit und von dieser Idee wird diese ganze Laufveranstaltung hingebungsvoll getragen.

87km, 5500 Höhenmeter in 23 Stunden, Start um 21:00 Uhr (Für die Schnelleren gibt’s noch einen zweiten Start um 23:00). Das ist zu schaffen, wenn mir auch die Vertikaldistanz einigen Respekt einflößt. Ich plane 21 Stunden ein. Ich will finishen, sonst nix. Man sieht es der Landschaft auf den ersten Blick gar nicht an. Alles ist schön grün, weiche Waldwogen und herrliche Wiesen. Aber die Höhenmeter müssen irgendwo herkommen…

Im Angebot sind auch eine 46km- und 24km-Distanz. Die Läufe können auch im Zweierteam über die gesamte Distanz gelaufen werden. Wer seine Ehe auf die Probe stellen will, sollte das machen.

Link zur Webseite

Ich hole meine Startnummer, im Starterpaket ist neben dem gewohnten Kleinkram ein Faltbecher in der Baraltay-Edition und ein abgepacktes Stück Käse aus der Region. Zu schade, dass das meiner veganen Ernährungsform nicht zuträglich ist, Räuchertofu wäre ok :-). Das Briefing um 18:00 muss ich sausen lassen. Ich sitze im Auto und es schüttet derartig, dass ich es nicht wage, auch nur ein Seitenfenster zu öffnen. Das Briefing ist optional und zudem französisch. Ich spreche leider kein Wort Französisch und nutze stattdessen die Zeit mich umzuziehen und bereit zu machen.

21:00 – Startschuss.

Noch nieselt es, aber es ist erträglich, nachher sind wir sowieso komplett nass. Wir laufen aus L’Etivaz und ca. 300 HM auf den ersten „Dorfhügel“. Dann schlittern wir auf nassen und rutschigen Singletrails wieder runter. Zum Aufwärmen schon mal nicht schlecht. Unten angekommen beginnt es verhalten zu donnern und mit einem Male kracht‘s dann richtig. Es gießt wie aus Kübeln. So, jetzt haben wir alle eindeutig die heutige Komfortzone verlassen und sind herzlich willkommen in der Welt des Schlechtwettertrails. Der Aufstieg zum Fenêtre d’Arnen (1865) ist eine einzige Wasser- und Schlammschlacht. Die Wege sind buchstäblich geflutet und es macht keinen Unterschied, ob ich einen Weg oder ein Bachbett hochlaufe. Ich ziehe meine Regenhose über und zusätzlich zur Regenjacke einen Regenponcho aus dem Drogeriefachmarkt. Jetzt bin ich zumindest von oben dicht. Auf dem höchsten Punkt angekommen gesellt sich jetzt auch noch Nebel und Wind hinzu. Die Reflektormarkierungen sind für das gesamte Rennen mehr als vorbildlich, allerdings sind die bei Sichtweiten unter 5 Metern nicht mehr auszumachen. Die Stirnlampe erhellt den Nebel nur kegelförmig, ich laufe nach Gehör. Vor mir unterhalten sich ein paar Franzosen und ich hefte mich an deren Fersen. Wenn wir schon hier oben verenden, dann wenigstens gemeinsam. Irgendwie finden wir immer wieder eine Markierung und freuen uns drüber, bergab läuft‘s dann wieder besser.

Am Lac d’Arnen (1550) angekommen erwarten uns Streckenposten und notieren die Startnummern. Die stehen in strömendem Regen und warten geduldig bis spät nachts. Ich laufe einen Kilometer am Seeufer des Arnensees entlang, von dem ich im Dunkeln und Regen nichts sehe. Zu schade. Dann folgt der Aufstieg zum Col du Voré (1893). Wieder geht’s in Schlamm und Wasser nach oben. Auch hier hat‘s wieder Nebel. Ich konzentriere mich diesmal ganz auf den Weg, mir ist nicht wohl bei dem Gedanken im Nebel umherzuirren. Es gießt immer noch und ich bin froh, dass es jetzt dunkel ist, dann sehe ich dieses Dreckswetter wenigstens nicht.

Oben angekommen werde ich gescannt , dann führt der Abstieg zum Lac Retaud (1689), von dem ich im Dunkeln wieder so gut wie nichts sehe. Ein Jammer. Am Col du Pillon (1541) queren wir die Straße und hoch auf Singletrails zum Pré Jordan (1703). Was jetzt kommt ist ein Singletrail der Extraklasse, zumindest im trockenen Zustand. Der Weg führt wellig durch den Wald, der Dreck ist knöcheltief und ich komme nur langsam voran. Bei jedem Schritt vorwärts rutsche ich einen halben nach hinten. Der Schlamm und das Wasser in den Schuhen quietscht bei jedem Schritt. An Laufen ist nicht zu denken. Vergangenes Jahr konnte ich hier noch laufen, aber jetzt geht für mich definitiv nichts mehr. Auf dieser Passage erwarten uns zudem drei Abschnitte, die nur mit Seilsicherungen zu machen sind, an zweien davon sind Helfer zugange. Sie überwachen diese Passagen und helfen uns. Alles ist glitschig und nicht ungefährlich. Dann folgt endlich der Abstieg im Schlamm zum

VP Les Diablerets (1148 – 26,7km)  – Cutoff 04:30

Ich erreiche den VP um 03:00, ziehe mir was Trockenes an und plündere meinen Dropbag nach Essbarem. Als Veganer ist man bei alpinen Läufen aufgeschmissen, alpine Regionen leben nun mal von tierischen Produkten. Ich werde durch meine Ernährungsform zum Selbstversorger. Nach den ernährungsbedingten DNFs der letzten Läufe (Mozart 100 und Irontrail) habe ich vorgesorgt und Unmengen an leckerem Couscous deponiert. Da an jedem VP die Möglichkeit besteht, einen Dropbag zu hinterlegen, ist mein Überleben schon mal gesichert.

Ich ziehe um 03:38 weiter, ich habe viel zu lange getrödelt. Aber ich will nur ankommen und das im Zeitlimit – mehr nicht. Es hat aufgehört zu regnen und der bevorstehende 1000 HM-Aufstieg zum La Palette (2112) ist nach den Wolkenbrüchen ein echtes Brett. Es ist ein Kampf, diesen Berg hochzukommen. Im letzten Abschnitt wird er so richtig steil und die schlammgefluteten Grastreppen geben keinen Halt mehr. Zwei Stunden habe ich für den Aufstieg verbraten, aber noch ist alles im Zeitplan. (05:40Uhr). Der Weg führt jetzt 200HM nach unten dann nochmal hoch zum Gipfel des La Chaux (2261). Jetzt hat auch der Letzte kapiert wo die Höhenmeter des Rennens herkommen. Oben fegt der Wind kalt über den Grat und ich ziehe die Handschuhe über. Es beginnt zu dämmern, aber die Sicht ins Tal ist aufgrund des Nebels gleich Null.

So, jetzt noch einen Berg, den La Pare mit 2475m und dann geht’s runter zum nächsten VP. Den La Pare muss ich bis 09:00 bestiegen haben, das ist locker zu machen. Umso mehr bin ich überrascht, als uns eine Truppe Helfer anweist, gleich nach unten zu laufen. Vermutlich wurde der Aufstieg aufgrund der Witterung und der Regenfälle der vergangenen Nacht zu gefährlich. Gute Entscheidung, ich hoffe nur, dass man uns die Zeitersparnis an anderer Stelle nicht wieder kürzt.

Zum VP2 La Marnèche führt ein schöner Downhill hinab ins Tal, ich kann es ein wenig laufen lassen. Kurz vor dem VP überholen mich bereits die schnellen Läufer des am Morgen gestarteten 46km-Rennens.

VP2 La Marnèche (1762 – 45,8 km)

Um 08:13 bin ich am VP, auch hier wieder das gleiche Spiel: Jetzt der Klamottenwechsel auf sommerlich-warm. Heute soll‘s noch ziemlich sonnig werden. Danach Essen aus dem Dropbag und weiter geht’s. Auch hier habe ich wieder getrödelt und laufe um 08:55 weiter.

Dann der Aufstieg zum Pic Chaussy (2352). Erst geht’s gemächlich dahin, dann zieht der Weg an und es geht nach oben. Kurz unterm Gipfel haue ich mir zu allem Überfluss die Rübe an einem Steinschlaggitter an, aber nach so einer Nacht bringt mich das auch nicht mehr um. Um 11:00 bin ich oben. Ich habe noch eine Stunde bis zur Cutoffzeit, dass passt. Dann der Abstieg zum Lac Lioson (1938). Der Anblick dieses Sees ist atemberaubend und unbeschreiblich. Das muss man gesehen haben. Mich treibt‘s überhaupt nicht weiter, aber ich habe sprichwörtlich ein Ziel und das liegt noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Nach einem kleinen Aufstieg geht’s auf Trails über wunderschöne Almen hinunter ins Tal zum

VP3 Les Mosses (1510 – 60,1 km)

Ich treffe dort um 12:30 Uhr ein. Ich esse was, packe noch Proviant für die Schlussetappe ein und bin nach 20 Minuten wieder auf der Strecke. Die Hochgebirgsnummern sind jetzt vorbei, die Anstiege sind jetzt moderater. Der Weg führt zum Teil durch dicht bewaldetes und bewohntes Terrain. Das Wetter ist gut, ab jetzt ist‘s bis ins Ziel ein Landschaftslauf in schönster Gegend. Der Weg führt durch Feuchtwiesen, in denen ich mit meinen Schuhen wieder Wasser schöpfe. Mittlerweile ist‘s mir komplett egal. Dann erreiche ich um 13:59 den

Checkpoint La Lécherette – Caserne militaire (65,8 km)

Hier steht ein wackerer Streckenposten, der meine Nummer aufschreibt und mir die Auskunft gibt, dass ich ab hier noch 25 km bis ins Ziel hätte, um 14 Uhr für ihn Cutoff ist und er jetzt nach mir dichtmacht. Aha. Er lässt mich noch durch. Jetzt bin ich etwas geschockt. Seine Kilometerangabe ist definitiv falsch und die von ihm genannte Cutoff-Zeit stimmt auch nicht. Laut Roadbook ist hier Cutoff um 14:30 und es sind noch 20km bis zum Ziel. Egal, ich streite jetzt nicht mit ihm rum, sondern laufe los, wer weiß was ihm noch einfällt. Irgendwie – wenn auch grundlos – werde ich jetzt ein wenig panisch. Ich habe mich nicht durch die Nacht, den Regen und den Dreck gequält, um dann der Eigenmächtigkeit eines falsch gebrieften Streckenpostens zu erliegen.

Ich laufe jetzt einen ordentlichen Zacken schneller. Sollte die Rennorga tatsächlich die Zeiten kurzfristig angepasst haben? Schließlich haben sie ja einen Gipfel aus dem Programm genommen. Ich grüble und bin zerknirscht, komme aber auf keine logische Erklärung. Ich bin richtiggehend sauer und sehe mich schon vor einem Schweizer Gericht, das mich wegen Beleidigung und tätlicher Gewalt gegenüber einem Streckenposten bezichtigt. Ich schalte jetzt zur Beweissicherung im Handy meinen Tracker ein, damit ich beweisen kann, dass ich die Strecke innerhalb der Zeiten gelaufen bin. Freiwillig kriegen die mich heute nicht von der Strecke. Ich haste am Lac de l’Hongrin (1266) vorbei. Für den habe ich jetzt gerade keine Augen mehr, zu sehr bin ich mit den Cutoffzeiten beschäftigt. Die negativen Gedanken treibt mir dann allerdings der Aufstieg zum Col de Sonlomon (1500) wieder aus. Ich gehe den Anstieg in verschärften Tempo an und das kostet Kraft. An Grübeln ist nicht mehr zu denken. Besser so.

Auf halber Höhe des Anstiegs erwartet mich die nächste Streckenkontrolle. Hier erkundige ich mich gleich mal nach den Zeiten: Entwarnung, alle Cutoffzeiten haben noch Gültigkeit. Mir fällt ein Stein von Herzen. Da läuft es sich gleich entspannter zum höchsten Punkt des Les Ecrouvignes (1627). Was jetzt folgt, ist ein Traum von einem Trail. Der Bergrücken offenbart herrliche Aus- und Weitblicke ins Land. Der Weg führt jetzt hinunter zum Checkpoint Les Ciernes. Ich habe bereits in den „Ich-werde-finishen-Wellness-Modus“ geschaltet, als der nette Herr nach Notiz meiner Startnummer unmissverständlich nach oben zeigt. Ich hole sofort mein Höhenprofil raus und sehe, dass da noch was war. Er hat Recht, es geht nicht weiter runter, es sind nochmal 200HM nach oben. Ich stiefle missmutig hoch, was soll‘s. Oben angekommen geht’s auf einer gut laufbaren Forststraße wieder runter zum letzten

VP4 La Rechargère (1239 – 76,5 km)

Hier lasse ich mich von der VP-Crew nochmal richtig feiern und nehme den Weg zum letzten Hügel, dem Contour de la Borne (1341). Ich hike jetzt so vor mich hin und genieße die Landschaft. Überall Leute die mir irgendwas Nettes auf französisch zurufen und mich schon mal beglückwünschen. Dann geht’s bergab ins Tal bis zum Bach Torneresse. Bachaufwärts führt der Weg über touristenfreundliche Bohlen und Holzbrücken. Nach 2km nehme ich im Laufschritt die Ziellinie in L’Etivaz. Meine Frau erwartet mich bereits. 21 Stunden und 29 Minuten sind keine Brüllerzeit, aber ich bin hochzufrieden mit mir und der Welt. Ich werde noch interviewt, bekomme mein Finishershirt und genieße die Abendsonne. Mensch was willst du mehr?

Fazit

Erst mal großes Lob, was da gestemmt wurde. Ein großer Dank an alle Helfer, die sich da wieder die Nacht bei strömenden Regen und an den VPs um die Ohren gehauen haben. Die Strecke ist in den ersten zwei Dritteln alpin-anspruchsvoll und knackig. Leider läuft man das Meiste davon in der Dunkelheit.  Das letzte Drittel ist ein klasse Landschaftstrail mit schönen Ausblicken. Und noch was:

Ich habe während des ganzen Rennens keinen Helfer bzw. keinen Menschen gesehen, der missmutig gewesen wäre. Selbst die Bauern, durch deren Kuhweiden wir einen unübersehbaren Pfad gefräst haben, feuerten uns an und wünschten uns alles Gute. In Deutschland hätten sie mir die Mistgabel hinterhergeworfen…

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Sorry, aber aufgrund der zunehmenden Spamflut müsst ihr erst diese Rechenaufgabe lösen :-): *