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Trail Verbier St. Bernard 2016

110km – 8500Höhenmeter – alle jahre wieder. Ich fühle mich sauwohl im Wallis und starte deshalb jedes Jahr hier. 2015 bin ich bereits angeschlagen an den Start und bin nur deshalb gelaufen, weil ich das Startgeld schon bezahlt hatte. Ich habe zwar gekämpft und damals gehofft, dass mein lädierter Fuß  Ruhe gibt, aber ich musste in Champex die Segel streichen. Dieses Jahr bin ich fit wie mein Laufschuh und bin frohen Mutes.
Ich reise am Donnerstag an, schlafe im Auto um mich von 7 Stunden Autofahrt zu erholen. Ich hänge den ganzen Freitag relaxt herum und genieße das Nichtstun. Nachmittags bequeme ich mich zur Startnummernausgabe nach Le Chable und versuche am Abend bis kurz vorm Start noch etwas zu schlafen. Das tue ich dann auch tief und fest und es trifft mich wie ein Hammerschlag, als der Wecker läutet. Ich muss einen Vogel haben, jetzt aufzustehen.
Ich trotte zum Start, gebe meinen Dropbag ab, treffe noch Uwe. Mit ihm habe ich schon einige gemeinsame Kilometer abgespult. Er nimmt den Lauf als Trainingseinheit vor dem PTL, den er mit Chris laufen möchte. Er macht mich mit ihm kurz bekannt und dann kommt auch schon der Ruf zur Startaufstellung.

Start

TVSB2016_01Um 01:00 gehts los. Wie immer erst durch Verbier. Unspektakulärer Startschuss, dann hetzt die Meute gen Ortsausgang. Angetrunkene Nachtschwärmer aus den Nobelbars treffen auf schlaftrunkene Exoten. Dann ab in den Wald. Mit ca. 15 Grad und trockener Witterung ideal zum Laufen. Es geht im Laufschritt in den angrenzenden Bergwald und dann erst mal 300 Höhenmeter hoch.
Ich möchte es dieses Jahr etwas flüssiger und schneller angehen, habe viele Höhenmeter trainiert und traue mir Einiges zu. Dem Fluss wird allerdings jäh ein Ende gesetzt, wir stehen. Der Weg ist nunmal bergauf nur einspurig und schon staut es sich  – Stillstand. Dann geht’s weiter und oben haben wir dann schon mal den ersten Peak mit 1750m gemeistert, jetzt geht’s ins Tal nach Sembrancher – das heißt 1000 Höhenmeter runter. Die Strecke ist zu 2015 identisch. Bergab staut es sich an ein paar Stellen immer dann, wenn (sorry, wenn ich schon wieder drauf rumreite…) Läufer mit Hokas steile Passagen übervorsichtig hinuntertorkeln. Ich hätte vorher Wetten drauf abschließen sollen, dass das passiert… Der Waldweg ist wunderschön zu laufen, im Schein meiner Stirnlampe wird mir allerdings erst bewusst, wieviel Staub wir hier aufwirbeln. Das erklärt auch meinen ständigen Hustenreiz.
Als wir aus dem Wald herauslaufen und einer Staublunge nur knapp entkommen sind, wird der Weg breiter. Er führt auf Straßen und durch Wiesen zur Dranse und an ihr entlang nach Sembrancher. Der Weg entlang des Flusses macht Laune. Eines der wenigen Stücke die man laufend vorankommt.

Sembrancher

Sembrancher (715m) erreiche ich um 02:57 und bin damit schon mal deutlich schneller als letztes Jahr. Kurz was trinken, jetzt erst die Trinkflaschen ganz auffüllen und nach 4 Minuten geht’s weiter. Vor mir läuft Uwe, er ist schnell und ich möchte an ihm in Schlagdistanz dranbleiben. Den lege ich mir dann auf der Ziellinie zurecht, so der Plan… :-).
Ab jetzt geht’s unvermeidbar hoch. Der Wald absorbiert uns und ich hike, immer den Blick zu Uwe, der 10m vor mir läuft, er ist flott unterwegs. Ich schwitze unterdessen wie ein Viech und bin mies gelaunt. Morgens um 03:30 ist einfach ein schlechter Zeitpunkt, einen solchen Berg hochzulaufen. Ich versuche mich abzulenken so gut es geht. Nach 01:40 Stunden seit Sembrancher stehe ich auf der Alpage Catogne. Na also, geht doch. Hier wieder volltanken und gleich weiter – es läuft. Die Baumgrenze ist bald überschritten, allerdings werde ich langsamer und muss Uwe ziehen lassen, egal. Ich laufe in steinigem Blockgelände an der Nordflanke hoch, vor mir ein paar Franzosen, die sich lauthals unterhalten. Respekt – hier noch unentwegt reden zu können zeugt von gutem Trainingszustand oder Leichtsinn. Ich verstehe davon kein Wort und hänge wieder meinen eigenen Gedanken hinterher.

Steinschlag

Aus dem Off vernehme ich dann auf französisch das Wort „Attention“ und brauche ein Weile bis ich realisiere, dass sie mich damit meinen. Da sehe ich auch schon einen Stein von der Größe eines Fußballs auf mich zufliegen. Den hat die Gruppe vor mir losgetreten. Ich stehe wie angewurzelt da, ausweichen will und kann ich nicht, es geht auf beiden Seiten ziemlich exponiert nach unten. Ich hoffe insgeheim, dass dieser Kelch an mir vorüberzieht. Tut er nicht. Der Stein streift mich erst am linken Schienbein und landet dann auf meinem rechten Vorfuß. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Mein LaSportiva Raptor fängt zwar einiges ab, aber das ist dann doch des Guten zuviel. Ich laufe erst mal nicht weiter und warte ab. Ganz im Gegenteil zu den Verursachern, die den Stein losgetreten haben. Sie machen sich nach einer Entschuldigung weiter auf den Weg. Ich kann nicht mehr richtig auftreten und hoffe, das sich das mit der Zeit wieder gibt und ich den Schmerz überlaufen kann. Das stellt sich schnell als Irrtum raus und ich arbeite mich mit Stehpausen bis zum Gipfel hoch, umkehren macht überhaupt keinen Sinn.

Catogne 2559m

TVSB2016_06Trotz Aua am Fuß bin ich eine halbe Stunde schneller auf dem Gipfel als im Vergleich zum Vorjahr. Eine Tatsache, die mir im Moment auch nicht viel weiterhilft. Mir graut schon vor dem Abstieg, die haben ja seit letztem Jahr sicherlich nicht geteert, da ist noch alles beim Alten: Scharfe Platten, Geröllfelder, steile und rutschige Abstiege, Klettereien mit Fixseilen. Ich bin zerknirscht und arbeite mich im wahrsten Sinne über 2 Stunden lang nach unten bis Champex. Ich lasse artig alle nach mir kommenden Läufer vorbei, ein Franzose bleibt stehen und frägt, obs mir gut geht und ich solle was essen. Ich erkläre ihm, dass ich verletzt bin und Essen gerade nicht mein Problem ist. Er wirft sein Gesicht mitleidig in Falten, meint aber dann, ich solle trotzdem was essen – das helfe… Es gibt auch nette Menschen.

Champex

Am VP in Champex hadere ich noch mit der Bekanntgabe meiner Aufgabe. Vielleicht geht’s ja doch noch nach einer Pause weiter, aber es fühlt sich nicht gut an. Wenn im Vorfuß was angebrochen ist und ich noch 80km mit ca. 6000HM laufe, mache ich mehr kaputt als nötig. Nach einer halben Stunde im Zweifel das Richtige zu tun, gebe ich auf und fahre mit dem Bus zurück nach Verbier. Ich bin mir auch heute noch nicht sicher, das Richtige getan zu haben, es war halt scheißvernünftig. In Verbier dusche ich, schlafe eine Runde und fahre dann nach Hause. Am nächsten Tag in der Notfallambulanz im Aalener Krankenhaus gibt’s Entwarnung: Nichts gebrochen, nur ordentlich geprellt. Schonung, hochlagern, Salben usw. – was erzähl ich, ihr kennt das ja.

Fazit

Der Catogne und meine Fußverletzungen – das scheint ein Running-Gag zu werden. Ich bin zerknirscht und ebenso zäh, ich werde nächstes Jahr wieder am Start stehen. Die Veranstaltung ist hervorragend organisiert, die Landschaft ein Traum und die Strecke ist klasse (wenn auch mir die ursprüngliche Bouclé besser gefallen hat.

Alles wird gut.

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Sorry, aber aufgrund der zunehmenden Spamflut müsst ihr erst diese Rechenaufgabe lösen :-): *