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Freetrail Lamer Winkel – Tanz in den Mai

Gerhard schreibt mich vor einer Woche an, ob ich am 1. Mai Lust hätte, mit ihm eine Strecke im Bayerischen Wald entlang des Goldsteigs zu laufen. Da ich früher nahezu jedes Wochenende im Bayerischen Wald verbracht habe und dort jeden Baum beim Vornamen kenne, habe ich kurzentschlossen zugesagt. Die von Gerhard geplante Punkt zu Punkt-Strecke von Bad Kötzting nach Bayrisch Eisenstein haben wir zu einem Rundkurs mit Start und Ziel in Lam umgebogen. Laut Navi wirds ein Marathon mit ca. 2000 HM. Das passt, drunter machen wirs nicht, mehr ist aber auch ok.

Die Streckenführung verläuft auf markierten Wanderwegen: Von Lam aus hoch zum Goldsteig bis zum großen Arber, runter zum kleinen Arbersee und hoch zum Zwercheck. Von dort auf dem Grenzkamm entlang zum Großen Osser und zurück nach Lam.

Die Woche zuvor legt der April nochmal richtig mit einem Wintereinbruch los, haut tagelang Schneemassen in die höheren Lagen und sorgt dafür dass alles über 1000m im Schnee versinkt. Wir beobachten das Ganze mit Argwohn und einer Portion Skepsis und hoffen drauf, dass sich der Wettergott doch noch besinnt. Das tut er dann auch und lässt es zumindest nicht mehr schneien. Wir hoffen insgeheim,  dass es zumindest trocken bleibt und die Wege einigermaßen auffindbar und begehbar sind. Gerhard kann Armin aus Regensburg noch überreden (fiel vermutlich auch nicht sonderlich schwer…) sich uns anzuschließen.

Morgenstund, halt endlich Deinen gold’nen Mund

Tags zuvor gebe ich mir noch mit Renovierungsarbeiten am Haus die Kante und schlafe Nachts kaum. Als um 04:30 der Wecker sein Bestes gibt, stehe ich komplett neben mir. Ich fahre hundemüde und voll mit Koffein gen Schwabach um Gerhard aufzulesen, ab da sind’s noch ca. 2 Stunden bis Lam. Am Bahnhofsparkplatz treffen wir Armin und die „eiligen drei Könige“ sind komplett.

Start in Lam – 08:05

Lam2016_01Um 08:05 starten wir in Lam und wie’s nunmal so ist, wenn drei nach Taten strotzende Kerle loslegen, biegen wir bereits nach 20m (!) falsch ab und erklimmen eine Anhöhe, deren Wegführung definitiv in die falsche Richtung weist. Wie sagte Gerhard beim Junut-Briefing so schön: „Navigation is Part of the Challenge“…

Also wieder zurück, auf den richtigen Weg und los gehts. Den Wanderweg LO6 ziehen wir hoch zum Goldsteig. Es ist kühl, ziemlich windig aber trocken, zumindest von oben. Die Wege sind nass ausgewaschen und schmierig. Mit dem Ultra Raptor GTX habe ich schon mal den richtigen Schuh an. Wir queren mehrere Bauernhöfe und in den höheren Lagen liegt vermehrt Schnee.

Nach 1 1/4 Stunden treffen wir auf den Goldsteig und laufen Richtung Gr. Arber. Auf dem Kamm weht ein eisiger Wind, die Sonne kämpft, aber sie schaffts nicht durch die Wokendecke. Die anspruchsvollen Wege sind alles andere als gut zu laufen. Matsch, Schnee und Eis zwingen uns zum Speedhiking, an Laufen ist überhaupt nicht zu denken. Landschaftlich ist es traumhaft, die Vegetation hier oben hängt etwas hinterher, ab und zu kämpfen sich Blumen zum Licht, aber noch schläft die Pflanzenwelt.

Wir erklimmen einen „Tausender“ nach dem anderen. Der Wind zieht uns allerdings die Kraft aus den Gliedern und es geht nicht so schnell voran, wie ich mir das vorgestellt hatte. Je höher wir kommen umso mehr Schnee liegt. Zwei Schritte vorwärts und einen zurück, so fühlt sich das gerade an. Das letzte Stück bis zum Arber hat es in sich und wir versinken stellenweise knietief im Schnee.

Großer Arber – 11:50

Lam2016_77Oben angekommen freuen wir uns auf was zu Essen, aber hier hat aufgrund von Wartungsarbeiten alles zu. Dann eben nur ein Touristengipfelfoto und wieder runter. Wir laufen in einer Schleife wieder bis unterhalb des kleinen Arbers und biegen dann rechts ab zum kleinen Arbersee. Der kleine Arbersee ist mit seinen drei schwimmenden Inseln nicht nur landschaftlich ein Kleinod, es gibt auch eine bewirtete Hütte und der Gedanke an eine heiße Suppe motiviert mich ungemein.

Der Weg runter ist erwartungsgemäß schwer zu laufen. Er ist ein einziger Bachlauf und das Tauwasser rinnt uns in die Schuhe. Wir gelangen auf eine Forstraße und wählen deshalb einen landschaftlich schöneren Abstieg durchs Grün. Ein alter Weg, der nur um diese Jahreszeit begangbar ist, bringt uns rasch nach unten.

Kleiner Arbersee 12:50

Lam2016_43Im Schutzhaus angekommen wird uns leckerste Kartoffelsuppe serviert und wir schlagen uns die Bäuche damit voll. Nach 45 Minuten sind wir wieder auf der Piste und umrunden den See. Sightseeing. Uns ist kalt und wir beginnen zu Laufen. Allerdings kommt mir dabei die Suppe hoch, ich habe mich eindeutig überfressen…

Dann schlagen wir uns aufgrund navigatotrischer Fehlleistungen und Unkonzentriertheiten durchs Gebüsch hoch zum Brennes. Durch den Dickicht kostet uns das nicht nur Zeit, sondern auch Kraft. Von dort an geht’s auf einer Forststraße bis zum Parkplatz „Scheiben“. Wir können zwar laufen und machen so ein wenig Strecke, aber mir kommt ständig die Kartoffelsuppe hoch. Ich fühle mich an den Rennsteig mit seinem widerlichen Schleim erinnert.  Mit ein Grund warum ich den nicht mehr laufe.

Lam2016_49An der Hütte vom Langlaufschizentrum Scheiben prangt ein Schild „Anschlag verboten“. Terrorabwehr im Bayerwald – so einfach ist das.

Dann nehmen wir den Aufstieg zum Zwercheck in Angriff. Alle drei haben wir je ein Navi dabei und verhauen uns komplett bei der Wegewahl. Wir wählen einen wunderschönen Weg durchs Grün, der sich alsbald als Sackgasse entpuppt. Wir schlagen uns durchs Gemüse und nach ein paar unsinnigen Wendemanövern gelangen wir dann doch wieder auf den richtigen Weg. Solche Verhauer sind nicht auch zuletzt das Ergebnis angeregter Unterhaltungen…

Im tiefsten Dickicht hält Gerhard den Zeitpunkt für günstig uns mitzuteilen, dass es laut Proplanta ab 15 Uhr regnet. Eine Info die uns nicht gerade motiviert. Wir wollen ab dem Zwercheck den Grenzkamm entlang laufen, der ist windig und ausgesetzt. Die Vorstellung, mich bei der Kälte auch noch beregnen zu lassen, lässt mich nicht gerade jauchzen. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich ein Wetterdienst irrt und es kommt wie’s kommen musste: Wir erfreuen uns an der zuverlässigen Unzuverlässigkeit einer Wettervorhersage – es bleibt trocken.

Zwercheck – 15:23

Lam2016_54Nach einem Anstieg durch ein wunderschönes Waldgebiet, stehen wir an der Landesgrenze und laufen fortan an den Grenzpfosten entlang in Richtung Großer Osser. Früher konnte es schon mal passieren, dass man als verirrter Wanderer von tschechischen Grenzern abgefangen wurde und eine Nacht in U-Haft verbrachte. Heute ist das Gottseidank nicht mehr.

Den Zwercheckgipfel hatte ich ursprünglich mit auf der Agenda, aber irgendwie sind wir mal wieder an einer Anzweigung vorbeigelaufen. Auf dem Grenzkamm zieht’s wie Hechtsuppe, der Wind ist eisig und ich vermisse den Zwercheckgipfel jetzt auch nicht wirklich. Entgegen unserer Erwartung liegt hier kein Schnee und die Wege sind gut zu „laufen“. Wir sehen die zwei Ossergipfel direkt vor uns und sie scheinen zum Greifen nahe, aber der Schein trügt, es fängt gerade erst an. Links der Blick in den Lamer Winkel und zum Großen Arber, rechts der Böhmerwald im Tschechischen. Vom tiefen Nadelwald bis hin zum absoluten Kahlschlag mit seinen skurrilen Baumgerippen bietet der Weg alles. Die Wege sind ein Traum, aber schwierig zu laufen. Die Steine sind nass und jeder Schritt muss sitzen. Nach 1,5 Stunden folgt der finale Aufstieg über eine mit Fixseilen gesichterte Passage zum Großen Osser. Spätestens hier bereut ein Familienvater, den Babyjogger mitgenommen zu haben.

Großer Osser – 17:05

Lam2016_64Dann sind wir oben. Gipfelfoto – und ab ins Schutzhaus zu Kaffee und Apfelschorle. Ich finde es hier so saugemütlich, dass ich am liebsten hier bleiben würde. Der Schlafmangel der letzten Nacht macht sich jetzt bemerkbar. Ich sacke richtiggehend in mich zusammen und bin schlagartig hundemüde. Ein Koffein-Gel, ein paar Nüsse und die Apfelschorle werfen meinen Verbrennungsmotor wieder an. Nach einer halben Stunde Pause bin ich wieder fit und wir machen uns weiter auf den Weg.

Gerhard stürmt nach unten und bis wir uns versehen, laufen wir wieder den Grenzkamm entlang. Eigentlich wollten wir Richtung Lam, aber Umkehren und wieder hochklettern macht jetzt auch keinen Spaß. Verlaufen ist ohnhein kein Drama, wir wollten es ja sowieso länger. Also machen wir’s Beste draus und vertrauen aufs Navi. Armin findet einen Weg wir laufen dann auch in die richtige Richtung.

Wir treffen auf den Osser-Riesen-Steig und laufen durch einen herrlichen Wald nach unten. Es wird wärmer, ich bin wieder vollkommen hergestellt und könnte ewig so weiterlaufen. Oberhalb von Lam treten wir aus dem Wald und laufen die restlichen Meter durch den Ortskern zum Bahnhof. 45 Sekunden fehlen noch zur 11-Stundenmarke. Keine Brüllerzeit, aber das wollten wir ja auch nicht. Ich sage nur: Spaß pur. Wenn das Wetter ein klein wenig freundlicher gewesen wäre, wäre es sicher perfekt, aber das weiß man vorher nie – auch kein Wetterdienst.

Fazit

45km und 2000HM abwechslungsreiches Terrain in bester Gesellschaft. Das schreit nach Wiederholung :-). Danke an Gerhard für seine Fotos und fürs „Überreden“ – und Armin fürs Mitlaufen.

Der Track bei GPSIES

 

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Sorry, aber aufgrund der zunehmenden Spamflut müsst ihr erst diese Rechenaufgabe lösen :-): *