«

»

Beitrag drucken

UTMB 2015

„Es ist erst zu Ende, wenn die dicke Frau gesungen hat“

Diesmal ist alles anders. die Vorbereitung lief nicht optimal, ich war lange verletzt. Ich habe nicht genügend Höhentraining absolviert, dafür aber sehr viele lange Läufe im Mid-Tempo-Bereich. Ob das für einen UTMB reicht? Die Streckenplaner haben die Distanz auf 170km und 10000Höhemeter angehoben. Die paar Meter mehr sind letztlich nur noch auf dem Papier und für die Werbung gut. Beim Lauf ists egal, wenn man auf allen Vieren ins Ziel kriecht. Es wird aber in jedem Fall spannend.

Anreise

UTMB2015_02Ich reise bereits am Mittwoch an und habe unseren Passat-Kombi kurzerhand zum Campingmobil umfunktioniert. Sitze rausgebaut und Übernachten zum Nulltarif auf einem Parkplatz in Nähe zum Centre Sportiv. Frühstück und Abendessen mit Gaskocher, Duschen und Baden im Freibad. Rustikal, aber billig. Ein günstiges Hotel kurzfristig zu finden, hat sich aufgrund der Verweigerungshaltung der Hotelszene gegenüber E-Mails schlichtweg als unmöglich herausgestellt. Man hat’s nicht mehr nötig. Chamonix ist ein teures Pflaster und der UTMB ist eine Gelddruckmaschine, nicht zuletzt für die Hoteliers. Das spiegelt sich auch auf der Läufermesse wieder. Die wird immer größer und lauter, das Angebot aber nicht unbedingt besser. Und wo man früher schon mal ein Schnäppchen machen konnte, muss man für ein paar Prozente feilschen bis aufs Messer. In den Sportshops der Innenstadt hat man sich vermutlich jetzt auch abgesprochen. Manches Hersteller-Sortiment existiert in einigen Läden gar nicht mehr, oder es kostet überall gleich viel. Prozente sind auch hier Fehlanzeige. Das Ende vom Lied, ich kaufe nix. Nur beim neuen Raidlight Olmo12-Rucksack werde ich schwach, da mein alter Olmo12 mittlerweile schon richtig runtergekommen aussieht. Er hat ein paar längst fällige Detailverbesserungen erfahren, sieht gut aus und lässt sich noch angenehmer tragen.
Die Startnummer hole ich am Donnerstag gleich in der Frühe ab und einige Teile meiner Pfichtausrüstung werden ausführlichst kontrolliert. Der Kontrolleur sucht in meiner EVENT-Jacke verzweifelt nach einer Goretex-Membran. Ich kann ihn überzeugen und bekomme trotzdem meine Startnummer.

UTMB2015_41 UTMB2015_42

Ich treffe noch viele bekannte Gesichter (Ich grüße Jörg B., meinen Lieblingsschweizer Guido und viele andere…) Jörg hat den TDS übrigens in einer sagenhaften Zeit gefinisht und ist unverkennbar vom UTMB-Virus infiziert. Mit Guido sitze ich lange an der Promenade und wir philosophieren über den Trail…

Freitag

Am Starttag ist noch einmal richtig easy-going angesagt, es ist bestes Wetter und sehr heiß und so soll es auch die nächsten Tage bleiben. Das klingt wie eine Entschädigung für die letzten Jahre. Ich nehme noch an der Pastaparty teil und koste noch leckerstes Tiramisu. Danach gebe ich meinen Dropbag ab. Auch hier eine Neuerung: Er muss entsprechend einem beiliegenden Zettel in den Startunterlagen gebunden und verknotet werden. Da lässt die Dame am Einlass zur Halle auch nicht mit sich reden. Viele versuchen zu diskutieren und zu erklären, dass sie den Sack mit der Verknotung nicht mehr aufbringen.

P1000727Die Verknotung sieht so aus: Sack zuziehen, einen einfachen Knoten machen, danach 10cm frei lassen und dann einen erneuten Knoten aus beiden Enden machen. Der Hintergrund: Damit könne man in Courmayeur die Säcke einfacher aufhängen. Aha. Ich schlendere zum Start und stehe eine Stunde vor dem Start am Place Triangle de l’Amitié. Die Sonne brennt ordentlich runter und heizt den Laden nochmal richtig auf. Ich ergattere einen Schattenplatz, schwitze aber dennoch schon im Sitzen. Dann die üblichen Ansprachen und Animationsversuche der Moderatoren. Alles französisch, ich verstehe kein Wort, ich will laufen. Das Briefing fällt kurz, wenn auch zweisprachig aus: Seid fair, das Wetter ist und bleibt gut, verausgabt euch nicht schon am Anfang. Haltet die Berge sauber, wer was wegwirft kriegt Haue und bleibt gefälligst auf den Wegen. Nichts Überaschendes, aber immer wieder wichtig für alle Neuen. Dann kommen die letzten Minuten vor dem Start, Vangelis wabert durch den Ort und der Countdown läuft. Man muss schon komplett abgestumpft sein, wenn das einem nicht Schauer über den Rücken laufen lässt.

Start Chamonix (1036m – 18:00 Uhr)

UTMB2015_43Raus gehts, mitten durch die tosende Menge, das ist schon ein Erlebnis. Es dauert wie immer ein paar Minuten, bis der Pulk laufen kann. Danach gibt’s aber kein Halten mehr. Auf der Strecke nach Les Houches wird erst mal ein hohes Tempo gegangen, dabei wird gedrängelt, geschubst, da werden auch gern mal Stöcke ausgefahren und ich bin heilfroh, die Startphase unverletzt überstanden zu haben. Wie war das gleich beim Briefing mit der Fairness? Ich verstehe, es gilt also bereits in der Anfangsphase ein paar Plätze gut zu machen, da es die nächsten 170km scheinbar keine Überholmöglichkeit mehr gibt.
Auf dem welligen aber flachen Weg erreichen wir nach einer Stunde Les Houches, hier tobt der Bär. Alles feuert an, Kinder halten die Hände zum Abklatschen hin.

Kurz am VP in Les Houches was trinken und danach geht’s erst mal hoch zum Le Délevret auf 1764m. Der Hügel ist schon mal zum Einstimmen und es ist in jedem Fall Hiking angesagt. Die Steigung läuft in unserer Leistungsklasse niemand mehr. Mein Höhenmesser hilft mir auch hier wieder, die zu absolvierenden Höhenmeter korrekt einzuschätzen.

Le Délevret (1764m / 13,8km – 20:10 Uhr)

UTMB2015_15Dann geht die Sonne unter und uns bietet sich ein gigantisches Naturschauspiel. Alleine das ist es schon wert hier zu starten. Das Mont-Blanc-Massiv glüht. Ich nehme mir jetzt einfach die Zeit, das zu fotografieren und weiter geht’s. Oben angekommen wird’s auch gleich ein wenig frischer. Ich bin komplett durchgeschwitzt, aber ein Klamottenwechsel macht keinen Sinn, es geht wieder die gleiche Anzahl an Höhemeter runter nach St. Gervais und da wirds wieder warm. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, ist diesmal alles trocken und meine Schuhe haben genug Grip, um ein flotteres Downhill-Tempo laufen zu können. Die letzten Meter vor dem nächsten VP wird’s im Wald eng und finster. Es staut sich, Stillstand. Immer wieder überholen uns welche abseits der Wege. Bescheuert. Was war an „Bleibt auf den Wegen“ so schwer zu verstehen?

St. Gervais (818m / 21km – 21:21 Uhr)

Nach 3:20 erreiche ich den VP in St. Gervais. das ist flott und ich bin schneller als geplant. Ich bekomme leichten Kopfschmerz und überlege schon, ob ich das gleich mit einer Paracetamol im Keim ersticke, vielleicht gibt sich das aber auch wieder. Ich warte mal ab, jetzt erst mal alles auffüllen und was essen. Die Trailkultur lässt auch an den VPs zu wünschen übrig. Es ist ein Kampf. Es wird gedrängelt und geschubst, desöftern spüre ich Stockspitzen am Körper. Keiner macht Platz, ich versorge mich deshalb mit dem Nötigsten und mache mich vom Acker. Es geht zunächst in relativ moderater Steigung durch die Nacht nach Les Contamines. Wir laufen im Wald entlang, mitunter sind’s ein paar ruppige Anstiege, die mich ganz schön fluchen lassen. Vor Les Contamines geht’s dann rechts hoch in den Wald, man lässt uns nochmal richtig leiden. Ein nicht enden wollender Anstieg bis wir dann endlich am VP eintreffen.

Les Contamines (1153m / 31km – 23:27 Uhr)

Circa 05:30 Stunden habe ich bis hierher benötigt, auch das ist planmäßig. Allerdings macht mir der heftig werdende Kopfschmerz schon Sorge. Bei jedem Schritt wummerts an der Schädeldecke. Gut, die Schmerztablette muss ran. Auch an diesem VP das gleiche Spiel: Der Kampf ums Überleben am Buffet – und dann nichts wie weiter. Die Strecke aus der Ortschaft raus ist bretteben, aber ich muss gehen. Mein Kopfschmerz lässt nicht mehr zu und die Tablette wirkt noch nicht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack heute elendig schwer ist. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass ich zu langsam bin. Egal gekämpft wird bis zum Schluss, wieder fällt mir der Spruch mit der dicken Frau ein. Aber dennoch stellt sich mir immer wieder die Frage, wenn ich überholt werde „Wie bringen andere ihre Pflichtausrüstung in einen kleinen OLMO 5?“ Vermutlich gar nicht, man darf sich halt nicht erwischen lassen.

Der breite Weg führt hoch nach La Balme (1699m). Und was jetzt kommt ist so gigantisch, dass es fast schon wieder kitschig ist: Der Vollmond scheint die umliegenden Bergkette mit seinem Licht an, vor mir eine lange Schlange an Stirnlampen. Ganz weit vorne liegt hell erleuchtet der VP La Balme. Er sieht aus wie eine unwirkliche Raumstation und von da aus schlängelt sich die Lichterkette hoch zum Croix de Bonhomme. Über mir der Sternenhimmel. Hier trödle ich und schaue mir das ausgiebigst an. Mit Fotografieren ist nicht, zu dunkel. Da müsst ihr schon selber hoch, das mal zu sehen… in jedem Fall ganz großes Kino (ohne Leinwand).

La Balme (1699m  / 38,8km – 01:40 Uhr)

Ich treffe am VP ein und bin um 01:40 wieder auf der Piste. Abgesehen von meinem Kopfscherz bin ich fit. Die Anstiege machen mir keine Angst, vor dem „Runter“ graut mir gerade mehr. Ich bin außerdem zu langsam, egal, irgendwann komme ich schon noch ins Rennen. Ich habe noch 20 Minuten auf die Cutoffzeit und das motiviert mich nicht gerade, aber noch laufe ich..

Ref. Croix Bonhomme (2441m / 44,2km – 03:35 Uhr)

Beim Aufstieg zum Ref. Croix Bonhomme kann ich ein paar Läufer überholen und erreiche nach ca. 2 Stunden den höchsten Punkt auf 2441m. Jetzt die Schuhe noch mal festschnüren, die Stirnlampe auf höchste Stufe stellen und runter geht’s. Mir ist mein Rucksack heute einfach zu schwer, ich weiß gar nicht, was ich heute wieder alles unnötig mitschleppe. Zumindest bin ich mir sicher, den Gaskocher im Auto gelassen zu haben… Ich bin vermutlich zu viele autonome Freetrail-Touren gelaufen. Außerdem mag mein Kopf noch immer keine Downhill-Eskapaden.

Les Chapieux (1553m / 49,4km – 04:38)

Ich erreiche bald Les Chapieux, esse kurz was, streite mich mit einem anderen Läufer, der behauptet ich hätte seine Stöcke (Später stellt sich raus, er hat sie am VP verlegt und das Stuff-Personal hatte sie für ihn beiseite gelegt). Seine Entschuldigung nehme ich nicht mehr wahr, ich bin in Eile und wieder auf dem Weg.
Die nun folgende Teerstraße ist grässlich. Kilometerlang und permanent leicht ansteigend. Immer wenn ich meine, dass es jetzt gleich vorbei ist, kommt noch eine Windung und das will einfach nicht enden. Mythos hin, Kult her, das sind Abschnitte des UTMB, die einfach nicht schön sind, Punkt.

Ich trotte so gut es geht dahin, die Stirnlampe auf kleinster Flamme hänge ich losen Gedanken hinterher. Am Wegrand schlafen einige Läufer, zum Teil in Ihre Aludecken eingehüllt. Müdigkeit stellt bei mir kein Problem dar, ich bin voll mit Coffein, Adrenalin und dem Antrieb das Ding zu stemmen. Allerdings bin ich zu langsam. Dann endlich hört die Asphaltschinderei auf und es geht hoch Richtung Col de Seigne (2507m).

Der Aufstieg macht mir weniger aus, aber die in den hohen Lagen dünner werdende Luft. Ich bins als Flachländer einfach nicht gewöhnt. Außerdem weht’s hier oben ordentlich. Ich bin komplett nassgeschwitzt und packe jetzt meine Jacke und Mütze aus. Das würden viele meiner Leichtrucksack-Kollegen jetzt auch machen, aber ich vermute bei so manchem, dass die die Jacke einfach nicht dabei haben. Anders kann ich mir leichtbekleidete und zähneklappernde Läufer in dieser Höhe nicht erklären. Mittlerweile kommt die Sonne mit den ersten Strahlen und leuchten die Bergkuppen ringsum an. Die erste Nacht wäre schon mal besiegt. Weiter will ich noch gar nicht denken.

Col de Seigne (2507m / 59,7km – 07:31)

UTMB2015_23Am höchsten Punkt angekommen, werde ich kurz gescannt und dann nix wie runter vom Berg. Als nächstes erwartet mich die neue Streckenerweiterung zum Col des Pyramides Calcaires auf ca. 2500m. Dazu laufen wir auf der Original-TMB-Strecke hinunter, nach circa 1km weist ein Schild die UTMBler links wieder nach oben, TMB-Wanderer dürfen gerade aus.

Was jetzt kommt, verstehe wer mag. „Save the Environment“ und „Don’t leave the ways“ – so hatte man uns beim Briefing nochmal die Leviten gelesen. Der Veranstalter geht da nicht gerade mit bestem Beispiel voran und leitet den Strom gnadenlos durch weglose Botanik nach oben.

Naturgeschützte Silberdisteln wurden für diesen Weg kurzerhand wenig zimperlich abgerissen und alle Gräser und Pflanzen sind komplett niedergetrampelt. Hier gibts keinen Weg, zumindest bis vor kurzem nicht. Die einen finden das geil, definieren sie Trailrunning sowieso erst dadurch, weglos zu laufen. Es gibt aber auch noch Läufer, die hiermit nicht einverstanden sind und nur noch den Kopf schütteln. Durch die unberührte Natur zu laufen, hat sicher seinen Reiz, aber es gibt einfach Grenzen. Ich muss nicht überall laufen, ich hatte die Veranstalter für schlauer gehalten und muss mir deren Ethik-Carta noch mal genau durchlesen. Aber der Trend nach alpinen Höhenmetern und Distanz rechtfertigt scheinbar diese Doppelmoral. Der UTMB hat in dieser Hinsicht zweifelsohne eine Vorbildfunktion und eine Verpflichtug. Ist er sich letztlich der Signalwirkung eigentlich bewusst? Ich glaube nicht. Setzen – 6.

Col des Pyramides Calcaires (2563m)
– Entschleunigung im Geröllfeld

Irgendwann in meinem Groll über diesen Frevel, gelangen wir dann doch noch auf einen begangbaren Weg und wir stehen vor einem Geröllfeld. Dieses Geröllfeld ist die Antwort auf alle Trailveranstaltungen, die dem Trend nach mehr Geröll nachgeben. Wenn das im Trailrunning weiter anhält, werden auch die Mittelgebirgs-Trailläufe bald durch Steinbrüche und Kiesgruben geführt. Das wird noch lustig.
Ich verliere auf den wackligen Steinen viel Zeit und komme nur schwer nach oben. Zudem staut es sich permanent. Wenn einer nicht mehr kann, bleibt er einfach stehen. Wie die anderen daran vorbeikommen, ist deren Sache. Soviel zur Fairness.
UTMB2015_27Oben angekommen, werden wir zwar von einem italienischen Team empfangen, aber nicht gescannt. Überall liegt abgeschnittener Stacheldraht, ein Indiz dafür, dass man hier eigentlich nicht laufen sollte. Es geht wieder runter und wie nicht anders zu erwarten, wieder über ein Geröllfeld der üblen Sorte. Versteht mich nicht falsch, ich kann Geröll nicht sonderlich leiden, weil es eigentlich einen wunderschönen Laufweg zum Lac Combal gibt und sich meine Verletzung bei sowas sich immer wieder aufs Neue meldet. Jetzt kommt auch, was kommen musste – ich verliere Zeit. Ich kann da nicht schneller runter. Man hat uns zwar eine halbe Stunde früher starten lassen, aber mich kostet dieses neue Wegstück bis zum VP fast eine Stunde.

Lac Combal (1964m / 64,4km – 09:23)

Ich komme nur sehr knapp vor der Cutoffzeit am Lac Combal an. Das hatte ich auch anders geplant, ich wollte noch die Gegend genießen, ein paar Fotos machen und dann weiter. Jetzt wird wird nur noch kurz was gegessen, die knapp gewordenen Wasservorräte aufgefüllt und sofort weiter.
Ich rufe meine Frau an, die zuhause das Rennen per Livetrail verfolgt und gebe Zwischenbericht. Ich dämpfe schon mal alle Erwartungen und spreche meine Zweifel offen aus. Es könnte bis Courmayeur eine verdammt knappe Kiste werden. Sie ermuntert mich, ich solle beßen, wenn’s noch geht. Jepp – das tut es auch.

Auf dem Weg hoch zum Arrete du Mont Favre (2409m) mache ich 50 Plätze gut. Ich wundere mich über mich selbst, wieviel Energie ich noch in mir habe und bin jetzt zuversichtlicher. Jetzt beginnt allerdings die Rechnerei. Ich bin mir nicht sicher, obs reicht, ab Courmayeur weiterzulaufen. Ich will jedoch unbedingt vor der Cutoff-Zeit in Courmayeur einlaufen. Eine Frage der Ehre. Viele haben bereits die Segel gestrichen, sitzen in der Morgensonne und genießen die Aussicht. Ein Gedanke, dem auch ich nur schwer widerstehen kann.

Arrete du Mont Favre (2409m / 70,1km – 10:56)

Auf dem Arrete du Mont Favre angekommen, werde ich gescannt und ohne große Pause laufe ich weiter zum Col Checrouit. Es geht zwar tendenziell nur abwärts, aber ich komme nicht so recht voran. Mein Kopf meldet sich wieder und jeder Schritt schmerzt. Dennoch sehe ich den VP schon von weiten und er kommt rasch näher.

Col Checrouit (1919m /75km – 11:49 Uhr)

Nach 55 Minuten Laufzeit treffe ich ein und werde gescannt. Hier sorgt eine afrikanische Rhythmustruppe für „Stimmung“. Warum das jetzt hier sein muss, verschließt sich mir komplett. Der UTMB ist eine laute Veranstaltung geworden. Ich habe es gerne leise, das sind wir der Natur durch die er führt auch schuldig.

Ich habe jetzt noch 70 Minuten Zeit bis zum Cutoff in Courmayeur. Ich bin das schon unter einer Stunde gelaufen, aber dann hätte ich nur noch 10 Minuten Zeit für Klamottenwechsel, Proviant auffüllen, Essen und Trinken. Das wird knapp, also muss ich das Teilstück schneller schaffen. Ich bin körperlich fit und will das jetzt wissen. Die Aufgabe ist klar: Es gilt 800m Vertikaldistanz auf 3km in steilen Serpentinen zu laufen, danach noch 1km durch die Ortschaft zum VP. Ich komme in jedem Fall innerhalb der Zeit dort an. Vielleicht schaffe ich es auch, noch weiterzulaufen, die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Ich überlege während meines Downhills, auf was ich alles im Dropbag verzichten könnte, nur um schnell wieder auf die Piste zu kommen.

Ich hänge mich an eine Gruppe, die auch kämpft. Wir laufen wie die Bekloppten nach unten. Kein Absatz ist zu hoch um nicht runterzuspringen. Der Weg ist steil und staubig, aber er führt größtenteils noch im schattigen Wald runter. Serpentine um Serpentine arbeiten wir uns nach unten, meine Oberschenkel brennen. So habe ich mir schon lange nicht mehr die Kante gegeben. Es gibt den Spruch „Laufen ist kontrollierter Sturz“ – was anderes ist das auch gerade nicht mehr. Letztendlich holt mich die Schwerkraft gerade runter vom Berg und ich muss nur zusehen, dass ich die Landung unverletzt überstehe. In dieser Laufgruppe überholt keiner mehr, alle wissen was auf dem Spiel steht. Dann sehe ich den Ort näher kommen, na endlich, das klappt ja noch. Wir treten aus dem Wald heraus und gelangen auf die Asphaltstraße nach Courmayeur. Ich bin vollkommen am Ende. Der Abstieg hat jetzt 40 Minuten gedauert und es ist heiß hier unten. Die Schenkel brennen und ich kann auf der Geraden gar nicht mehr richtig laufen. Jetzt sitzt auch noch ein Fotograf auf der Lauer und will spektakuläre Fotos von uns machen. Mit seinem Ansinnen macht er sich nicht zu meinem besten Freund. Ich höre schon den Sprecher am VP, aber die Halle will nicht näherkommen. Ich laufe noch ein paar Gassen und Ecken, dann stehe ich an der Halle.

Courmayeur (1191m / 78,8km – 12.43 Uhr)

Jemand schreit italienisch unsere Startnummern und weist uns in eine Gasse mit den auf Ständern aufgehängten Läufersäcken. Ich laufe die Gasse entlang, aber die Helfer finden meinen Läufersack nicht. Na toll, auch das noch. 15 Minuten auf die Cutoffzeit und jetzt sowas. Dann findet ein Junge endlich den Sack und ich renne damit erst mal um die Sporthalle herum. Im Eingangsbrereich muss ich noch über eine Treppe eine Etage höher und finde eine brechend volle Halle vor. Da sind nicht nur Läufer, auch deren Angehörige und einige Kinder laufen hier rum. Die haben hier eigentlich nichts zu suchen, der Bereich ist den Läufern vorbehalten, aber so kurz vor dem Schluss verlieren vermutlich alle Regeln ihre Gültigkeit. Die Suche nach einem freien Platz gestaltet sich schweirig. Ich verliere schon wieder Zeit. Dann in der Ecke der Halle ergattere ich einen Platz.

Houdini und der UTMB

Ich sitze, mir läuft der salzige Schweiß in die Augen, ich kann fast nichts mehr sehen und stehe jetzt vor einer der größten Herausforderung des UTMB: Der Knoten meines Läufersacks. Der bei der Dropbag-Abgabe geforderte obere Knoten hat sich mit dem unteren Knoten zu einem einzigen verbunden und hat sich durch das Gewicht in aufgehängtem Zustand bombenfest zugezogen. Ich bin kurz vorm Durchdrehen. Die Zeit läuft und ich bekomme dieses massive Knäuel nicht auf. Ich bin schon geneigt, den Sack einfach aufzureißen, aber wenn ich ihn wieder für den Rücktransport abgeben muss, fällt alles raus. Ein Sprecher macht die Durchsage, dass noch 10 Minuten bleiben. endlich löst sich der Knoten. Ich bin allerdings so verpeilt, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich zuerst machen soll, ich wechsle das Shirt, finde ein frisches langes für die kommende Nacht, finde sogar noch den Proviant. Ich wechsle die Socken und Schuhe. Noch 5 Minuten. Dann bin ich so halbwegs fertig, bin aber nicht scher, ob ich alles habe. Ich habe Hunger und großen Durst und 3 Minuten vor der Cutoffzeit habe noch nichts gegessen und getrunken. Die Auswahl so kurz vor Schluss ist auch nicht mehr allzu üppig und ich muss mir eingestehen, dass ich es nicht schaffe. Ich war einfach zu langsam. Nichts und niemand hat Schuld, ich war zu langsam – ganz einfach. Dann läuft der Countdown endgültig und der VP wird geschlossen – Zeit abgelaufen. Das ist bitter. Ich habe gekämpft bis zum Schluss, aber es nicht hinbekommen. Ich bin stolz und enttäuscht zugleich.
Mehr ging heute nicht, so bleibt der UTMB nach wie vor eine offene Baustelle. Sei’s drum. Aber als Freetrail-Variante wäre die Tour de Mont Blanc sicher mal ein lohnendes Projekt…

Fazit

Keiner spielt die Klaviatur der Emotionen so gekonnt wie der UTMB. Durch ihn bin ich 2009 zum alpinen Traillauf gekommen. In den letzten Jahren mischen sich allerdings Dissonanzen in dieses Spiel und sinnigerweise ist es jetzt genau diese Laufveranstaltung, die mich solche Großveranstaltungen und meine Rolle darin in Frage stellen lässt.

Der UTMB ist eine laute Veranstaltung geworden, überall wird geschrien und es stehen Lautsprecher. Ich vermisse die Stille und die Demut vor der Natur. Sicher ist das alles nur meiner subjektiven Wahrnehmung geschuldet, aber selten empfand ich einen Wettkampf so daneben wie diesen. Die Situation an den VPs, das zum Teil rücksichtslose Verhalten von Mitläufern, die großzügige Auslegung von Pflichtausrüstung, das hat alles nichts mit Fairness zu tun. Die Streckenerweiterung ist mit meinem ökologischen Verständinis und der vom Veranstalter selbstauferlgten Ethik-Carta nicht vereinbar.

Dass ich ihn wieder nicht gepackt habe, liegt ganz klar an mir. Irgendwie klappt’s mit dem weißen Berg und mir nicht. Die dicke Frau habe ich auch nicht singen hören und der Traum, das Massiv zu umlaufen ist bislang auch nicht Erfüllung gegangen. Aber wie gesagt, der Berg steht nicht nur, wenn der UTMB stattfindet…

Zum Abschluss: Liebe Stockbenutzer!

  • Wenn ihr beim Laufen die Stöcke nicht benötigt, dann nehmt die Stöcke mit den Spitzen nach VORNE. Dann seht ihr wenigstens, wen ihr gerade abstecht. Hinten trefft ihr zwar auch, nur da bekommt ihr es nicht mit, höchstens an den Augäpfeln, die an den Stockenden kleben.
  • Wenn ihr nicht mehr könnt und Pause braucht, dann bleibt nicht einfach auf dem Weg stehen und rammt eure Stöcke großformatig in den Boden. Geht zur Seite, damit kommt man an euch auch vorbei.
  • Am Verpflegungspunkt kann man mit Stöcken prima sein Essen verteidigen, das wussten auch schon die Neandertaler. In einer Hand die Stöcke, mit den Ellbogen kann man sich einen Weg bahnen und mit der anderen Hand kann man locker eine Trinkflasche gleichzeitig mit Wasser auffüllen – natürlich, während man isst… Ihr habt nur zwei Hände? Stellt die Stöcke irgendwo ab.
  • Markiert Eure Stöcke. Das erspart den guten alten Faustkampf an den VPs.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Sorry, aber aufgrund der zunehmenden Spamflut müsst ihr erst diese Rechenaufgabe lösen :-): *