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K78 – Nachtstart-Edition

Die Hitzewelle in diesem Sommer drohte mich zum Wenigtrainierer mutieren zu lassen. Laufen war nur noch am frühen Morgen oder späten Abend möglich und Langstrecken auch nur, wenn die Wasserversorgung unterwegs gesichert war. Zumindest ist’s mir gelungen, jedes Wochenende einen 50km Lauf zu machen. Mein mittlerweile genesener Fuß macht das alles wieder mit. Nach Verbier war mir klar, dass ich unbedingt noch ein paar alpine Höhenmeter machen muss. Am besten im Alleingang, wenn ich unterwegs unerwartet Probleme mit dem Fuß bekomme, ziehe ich mit meinem Wehwehchen nicht eine ganze „Seilschaft“ in den Abgrund.

Spontane Idee:

Der K78 in der Sertigpass-Variante als Freetrail. Der war eigentlich schon längst fällig. Immer kam was dazwischen oder es passte einfach nicht. Ich musste es nur so timen, dass ich nicht in der größten Mittagshitze laufe. Für das Wochenende waren wieder Hitze und nachmittags kräftige Wärmegewitter angesagt. Also war der Plan, möglichst früh, oder besser noch, mitten in der Nacht zu starten. Die Strecke bietet circa 71km (die anfängliche Schleife, sowie die Schlussschleife durch Davos spare ich mir) und ungefähr 2700 Höhenmeter.

Gedacht – Getan.

Freitags um 17 Uhr ab in Richtung Davos, dort angekommen wird auf dem Jakobshornparkplatz „genächtigt“ (wenn man die zwei effektiv geschlafenen Stunden so nennen mag). Um 02:00 gibt der Wecker sein Bestes, ich bin erstaunlich wach und frisch (vermutlich das Adrenalin) und um 02:30 laufe ich im Schein meiner Petzl Nao (ein teures, aber grandioses Teil) durch die Nacht. Es ist totenstill als ich Davos verlasse. Es ist mit ca. 20 Grad ordentlich warm, über mir geht der Mond auf und leuchtet mir zusätzlich den Weg. Ich laufe wie immer zunächst auf der „alten“ Strecke, quere den Sertigbach und laufe ständig im Finstern. Nur der Lichtkegel meiner Lampe, ab und zu funkelnde Augen von Katzen, die auf Mäusejagd sind – es ist schon spannender das Ganze im Dunkeln zu laufen. Die Berge erkenne ich nur als Silhouette und es ist still. Ich quere Spina, verschwinde wieder lautlos im Wald, nur niemanden wecken.

Gedankenversunken laufe ich durch den Wald und quere um 04:03 Monstein. In der Dunkelheit verliere ich das Raum-Zeit-Gefühl. Danach geht’s runter auf dem breiten Fahrweg entlang der Zügenschlucht. Viel sehe ich nicht, aber das Mondlicht reicht für ein paar Eindrücke. Es ist gigantisch, hier um diese Zeit mutterseelenallein dieses Stück Natur zu erleben.

Der Weg ist breit und ich lasse es laufen. Um die Geschwindigkeit kümmere ich mich nicht sonderlich, irgendwie passt das Tempo. Nach einiger Zeit verlasse ich den breiten Weg und gelange über den Wanderweg nach Wiesen. Die Querung des Wiesener Viadukts bei Nacht ist ein Erlebnis der besonderen Art. Unter mir die Schlucht, von ganz unten ist das tosende Wasser zu hören und ich laufe über den Metallsteg. Er gibt bei jedem Schritt ein wenig nach und kommt in Eigenschwingung. Ich sehe zwar nicht was unter mir ist – aber ich weiß es – und ich bin heilfroh als ich auf der anderen Seite bin.

05:40 Uhr – Filisur

K78_05Danach wieder in den Wald, es wird schon etwas hell und ich gelange nach 3 Stunden und 10 Minuten nach Filisur. Nicht schlecht mit einem 4 Kilo-Rucksack, ich muss etwas drosseln. In der Dorfmitte fülle ich am Brunnen meine Trinkvorräte auf, esse ein wenig und bin gleich wieder weiter. Alles schläft, kein Auto, nichts. Mittlerweile ist es hell und der Weg nach Bergün ist zunächst etwas öde, führt er doch an einer Kiesgrube und einem Sägewerk vorbei nach Bellaluna. In Bellaluna hängt an der schön gelegenen Liegenschaft ein großes Verkaufsschild prangt. Mit Sicherheit ist das hier kein Schnäppchen… Danach führt die Route ein kurzes Stück an der Straße entlang. Das hatte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm, aber gut, was muss das muss. Bevor mich der Asphalt richtig zu nerven beginnt, geht’s wieder rechts in die Natur und dann hoch in den Wald. Speedhiken ist angesagt. In langgezogenen Serpentinen führt der Weg nach oben.

Wer den K78 als Rennen läuft, erfährt hier seine erste richtige Entschleunigung, hier geht man am besten. Oben angekommen bietet sich mir ein herrlicher Blick auf Bergün. Die aufgehende Sonne scheint bereits über die Bergspitzen und die ersten Morgensportler mit Bikes kommen mir entgegen.

07:15 Uhr – Bergün

K78_09Sagte ich eigentlich schon, dass ich keine Eile habe? Und dennoch stehe ich nach 04:45 Stunden in Bergün. Ich muss langsamer machen, aber die drohende Hitze möchte ich möglichst spät erleben und nachmittags möchte ich runter sein vom Berg. In Bergün wird wieder kurz Wasser nachgefüllt, ich trinke viel und esse und dann geht’s weiter. Raus aus Bergün, Richtung Chants. Der breite Fahrweg verläuft noch Großteils im Schatten, ich bin den Weg bisher immer in der sengenden Hitze gelaufen. Es zahlt sich aus, ein „wenig früher“ dran zu sein. Das ganze Tal erscheint in einem anderen Licht, ich mache unzählige Fotos.

08:43 Uhr – Chants

K78_28In Chants angekommen habe ich seit Bergün 400 Höhenmeter gutgemacht und ich entscheide mich nach einem Stopp am Brunnen, dieses Mal nicht die übliche Variante zur Keschhütte zu laufen, sondern auf der linken Seite des Bachs hochzugehen. Nach meinem Frühstart die zweitbeste Entscheidung wie sich anschließend herausstellen sollte. Der Weg ist traumhaft. Er ist eng und wenig begangen, viele Sträucher und Gräser, knorrige Bäume säumen den kurzweiligen Weg. Zudem bietet er ständig den Ausblick zurück ins Tal in Richtung Bergün. Jedes Mal wenn ich wieder ein paar Höhenmeter habe, drehe ich mich um, genieße und fotografiere. Ich kann euch diesen Weg nur empfehlen. Überall pfeifen die Murmeltiere und rechts tobt der vom Piz Kesch gespeiste Gebirgsbach. Was habe ich mich jahrelang auf der anderen Seite den öden Weg hochgequält und hier ist es so schön… Auf 2500m Höhe treffen die beiden Wege wieder zusammen und es ist nicht mehr weit zur Keschhütte.

10:26 Uhr – Keschhütte

K78_55Der Aufstieg von Chants zur Keschhütte eineindreiviertel Stunden gedauert, das passt. Hier ist noch nichts los. Ein einsamer Radfahrer sonnt sich, zum Essen ist es auch noch zu früh, die Küche macht erst um 11:00 auf. Egal, ich fasse Wasser, esse was aus meinem Proviant, wechsle kurz das Shirt und ziehe 20 Minuten später weiter Richtung Sertigpass.

Über mir halten sich mittlerweile große weiße Wolken und spenden angenehmen Schatten. Der Weg gabelt sich nach ca. 2 km. Rechts geht’s zur Alp Funtauna und dem Scalettapass. Ich wähle schweren Herzens dieses Mal links zum Scalettapass, ich mag nun mal den Panoramatrail zum Scalettapass. Beim Aufstieg zu den Bergseen merke ich langsam die Höhe und ich werde kurzatmig. Ich nehme das Tempo raus, unterhalte mich stattdessen schon mal gerne mit Graubündner Kühen, die allerdings in eigener Sache unterwegs sind.

K78_67Nach einer Weile gelange ich zu den Seen Lai da Ravais. Hier werfe ich sofort alle guten Laufvorsätze über Bord und setze mich spontan auf einen Stein. Sonne, Steine, Wolken, Wind, Stille, Berge, Aussicht. Absolute Ruhe, zunächst nur ich, später gesellen sich weitere Wanderer zum See und rasten. Das muss man einfach aussitzen, es wäre ein Frevel, hier nur durchzulaufen. Dennoch gebietet mir mein selbstauferlegter Zeit- und Streckenplan, dass ich weiter muss. 71km Gesamtdistanz macht man nun mal nicht im Sitzen. Der Aufstieg zum Pass ist nochmal mit Strapazen verbunden, die nicht vorhandene Luft macht mir zu schaffen, aber ich komme hoch und das ist entscheidend.

12:20 Uhr – Sertigpass

K78_74Oben auf 2739m angekommen bietet sich ein grandioser Ausblick ins Tal und auf die Gebirgskette vor zum Jakobshorn. Der Abstieg erfolgt über grobes Geröll und das mag mein linker Fuß wieder mal gar nicht. Laufen scheidet dadurch schon mal aus, aber ein flotter Wanderschritt ist drin. Je mehr ich an Höhe verliere, umso mehr hat mich auch die Zivilisation mit ihren ganzen Begleiterscheinungen wieder. Es wird lauter und mehr Leute sind unterwegs, auch wenn sich hinter mir schon dichte Wolken zusammenbrauen, so wollen doch viele immer noch hoch zum Pass und noch weiter.

Dann führt die Route auf einem Wirtschaftsweg ins Tal. Das ist so öde, das hätte ich vorher optimieren sollen. Links unterhalb von mir rauscht der Chüealpbach und ich trotte in der Sonne auf diesem der Sonne ausgesetzten Weg dahin. Da macht nicht mal Laufen drauf Spaß, aber ich komme zumindest schneller voran. Unten im Tal angekommen laufe ich auf Straßen und Spazierwegen nach Sertig-Dörfli.

13:45 – Sertig Dörfli

K78_91Hier sind der Pauschaltourismus und ich angekommen. Ich fülle hier nur schnell meine Wasserflaschen auf und verschwinde sofort wieder. Wenig später ertappe ich mich bei dem Gedanken rechts hoch aufs Jakobshorn zu steigen. Das wären nur 600 Höhenmeter und ich könnte oben entlang laufen, aber die Hitze, die Unkenntnis über das zu erwartende Terrain und letztlich die dichterwerdenden Wolken über mir, lassen mich auf meiner ursprünglich geplanten Strecke bleiben.

Der Weg von Sertig nach Clavadel macht das allerdings mehr als wett und lässt mich diese Flausen schnell wieder vergessen. Der Weg verläuft Großteils im Wald mit herrlichen Ausblicken und ist traumhalft zu laufen. Es riecht nach Harz, überall Blumen, seltene Pflanzen, knorrige Bäume und die Zeit vergeht wie im Flug. In Clavadel angekommen hat mich die Zivilisation dann endgültig wieder. Jetzt ist’s nicht mehr weit bis zum Ziel. Ich laufe am Fuße des Jakobshorns durch den Wald und bedauere schon, dass das jetzt bald zu Ende ist. Um 15:25 stehe ich am Jakobshorn-Parkplatz und habe die 71 km knapp unter 13 Stunden „gefinisht“.

Fazit

Alles richtig gemacht. Früh losgelaufen, zu Beginn Tempo gemacht, viel getrunken, genug gegessen und an den entscheidenden Stellen Zeit gelassen. Traumhaftes Projekt 🙂

Für Freetrailer und Selbstversorger, hier meine Trinkstellen:

  • Filisur Dorfmitte (Brunnen)
  • Bergün (Mehrere Brunnen)
  • Keschhütte
  • Sertig Dörfli (Brunnen)

 

Hier die Strecke bei GPSIES.com

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