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Und ewig lockt das Wallis – X-Alpine 2015

XAlpine_06Im Wallis ist es wirklich grandios schön und so lag es für die geschäftstüchtigen Veranstalter nahe, dass man den Läufern auch weitere Strecken anbietet. Neben dem großen Lauf X-Alpine (111km als Einzel oder Staffel) gibts weitere kleinere Strecken als Teiletappen, alle mit Ziel in Verbier. Ich stehe auch wieder am Start für den großen „im Alleingang“.
Die Strecke des X-Alpine (früher „Boucle“) wurde vergangenes Jahr geändert und man hat noch ein paar Höhenmeter draufgelegt. Das schafft man dadurch, dass man zu Beginn den ersten Berg weglässt und danach zwei richtige Kracher einbaut und schon ist man bei 8500 vertkalen Metern bei bleibender Gesamtdistanz. Das ganze Höhenprofil wird einfach nur etwas zusammengestaucht. Das bedeutet natürlich auch, dass weniger gelaufen werden kann und sich für die Mehrzahl der Teilnehmer nur noch Speedhiking oder einfacher Wanderschritt anbietet. Es gibt zwei X-Alpine-Starts. Ich entscheide mich für den Start um 01:00. Die Schnellen können um 04:00 starten. Ich möchte die ersten beiden Anstiege wenn möglich nicht unbedingt in der prallen Mittagshitze laufen. Zudem will ich nur ankommen und nicht irgendwelchen Zeiten hinterherjagen.

Was bisher geschah

Dreimal war ich bis jetzt hier, jedes Mal um die große Runde zu laufen. zweimal davon musste sich die Segel streichen und bin entweder La Fouly oder am Großen St. Bernhard ausgestiegen. Im dritten Anlauf hat es dann geklappt und ich habe die Runde gefinisht. Ich bin gerne hier, ich mag das Land und die Leute, auch wenn ich ken Wort davon verstehe. Aber sie sind freundlich wenn sie zu mir sprechen. Dieses Jahr verlief die Vorbereitung alles andere als optimal. Nach einer Bänderdehnung vor 8 Wochen im linken Fußgelenk habe ich den Spagat zwischen hartem Training und Regeneration nur mühsam hinbekommen. Ständig in dem Wissen, dass ich mehr tun sollte, aber dabei meinen Fuß schonen muss. Dennoch bin ich fit, aber bei Trainingsläufen hier in der Ostalb meldete sich mein Fuß in schönster Regelmäßigkeit nach 50km zu Wort. Das kann heiter werden…

Der Tag zuvor

XAlpine_01Ich reise bereits am Donnerstag an. Nach einer knapp siebenstündigen Anreise möchte ich vor meinem Nachtstart gerne eine Nacht ausgiebig schlafen. Die Hotelsituation hier ist auf dem Niveau eines Schweizer Urlaubsortes und durch die 1:1-Umrechnung des Wechselkurses derzeit nicht gerade billig. Es gibt die relativ preisgünstige Möglichkeit im Bunker des Sportcenters zu übernachten. Davon hatte ich vorletztes Jahr Gebrauch gemacht, aber das hat nicht wirklich eine Alternative für mich. So entschließe ich mich in unserem geräumigen Auto die Isomatte und den Schlafsack auszupacken und beim Einschlafen den Sternenhimmel aus dem Heckfenster zu genießen.

Den nächsten Tag verbringe ich damit, ein wenig zu wandern und nachmittags meine Startnummer abzuholen. Das Wetter ist grandios, wenn auch sehr warm. Für Postkartenfoto-Touristen ideal, für unsereins ein wenig zu warm. Die Startnummernausgabe samt Laufmesse findet diesmal in Le Chable statt, dort hat man gleich eine ganze Halle gebucht. Obwohl das Briefing laut Veranstalter verpflichtend ist, entdecke ich von den 400 Startern gerade mal 100. Das Ganze dauert eine halbe Stunde und die Essenz des Ganzen ist: Wetter wird schön, seid fair zueinander und die ersten beiden Anstiege sind knackig. Ach… Das Starterpaket passt sich mittlerweile den Gepflogenheiten „Weniger ist mehr“ an. War in meinem Starterpackage von 2010 noch eine Petzl Stirnlampe (!) enthalten, sinds diesmal bunt bestickte Socken in Einheitsgröße (Ich grüße alle Läufer mit Größe 36 und 47!) bei einem Startgeld von 160 CHF.

Danach fahren wir alle wieder hoch nach Verbier, ich suche mir einen kostenfreien Parkplatz und versuche noch ein wenig zu schlafen. Um Mitternacht läutet mein Wecker und ich mache mich etwas unausgeschlafen fertig für die große Reise. Ich trotte zum Start, treffe noch ein paar bekannte Gesichter und um 01:00 Uhr fällt der Startschuss.

Start – 01:00 Uhr

XAlpine_10Wir laufen aus dem Ort in den nächsten Wald und dann geht’s erst einmal 300 Höhenmeter nach oben. Das ist schon mal ganz gut zum warm werden, danach kommt der Abstieg nach Sembrancher. Wir müssen ungefähr 1000 Höhenmeter nach unten und die haben es in sich. Steile und staubtrockene Pfade bahnen sich Ihren Weg durch den Wald nach unten. Man könnte hier eigentlich gut laufen, hätten nicht einige meiner Mitläufer sich bei der Wahl ihrer Stirnlampe für das erbärmichste und preisgünstigste Modell entschieden. Manche haben den Stromsparmodus aktiviert. Mit ihren Funzeln erzeugen sie einen derart ärmlichen Lichtkegel, dass sie gezwungen sind, die gut laufbaren Wege im Wanderschritt zu machen. Zu allem Überfluss lassen Sie sich auch nicht überholen. Irgendwann komme ich dann doch vorbei und es läuft wieder. Ich erreiche das Tal und laufe an der Dranse entlang nach Sembrancher.

VP1 Sembrancher – 03:02 Uhr

Sembrancher liegt auf 714 Meter Meereshöhe und ist der tiefstgelegen Punkt der Strecke. Dort wartet die Verpflegung. Wir wurden bereits beim Briefing dazu angehalten, leise zu sein, es ist ja schließlich mitten in der Nacht. Bis hierher habe ich 2 Stunden benötigt, das passt. Ich fülle meine Wasserflaschen auf, esse etwas und ziehe (leise) weiter.

Jetzt geht’s los

Ich rechne damit, dass ich von Sembracher bis zum Gipfel 4 Stunden brauchen werde. Schneller macht keinen Sinn, das Zeitlimit ist groß und das Rennen noch lange genug.

Hier schreibt der veranstalter
„Nun folgt die Vorspeise. Und die hat es in sich! Holen Sie tief Luft, denn jetzt geht es nicht weniger als 2000 m hinauf bis zum Catogne-Gipfel. Der Weg verläuft zunächst durch den Wald, wird dann aber nach der Alpage de Catogne rasch steinig – Sie kommen in die Region von Gemsen, Steinböcken und den sogenannten Blockgletschern. Am Grat angekommen, sollten Sie sich kurz Zeit nehmen, um die grandiose Aussicht zu geniessen.“

Wir laufen die alte Bouclé-Strecke Richtung Champex hoch, dann weist ein Schild nach rechts und unmissverständlich zum Catogne. Ich teile mir den Berg in 2 Etappen ein. Das erste Ziel ist die Alpage Catogne, sie liegt auf 1815m, das zweite ist der Gipfel (2568m). Der Weg dorthin ist breit und führt in Serpentinen steil nach oben. Während viele meine Mitläufer hier stellenweise ein ganzes schönes Tempo vorliegen, entscheide ich mich langsam und gleichmäßig hochzuziehen. Vom Berg selber bekomme ich nichts mit, es ist alles finster und es geht permanent steil nach oben – Hirn ausschalten, an nichts denken und gehen. Hier leistet auch mein Höhenmesser wieder wichtige Dienste und habe das Gefühl, nach oben zu gelangen.

Alpage Catogne (1815m) – 05:04 Uhr

XAlpine_12Oberhalb der Waldgrenze erreichen wir die Alp Catogne. Erstmal alles wieder auffüllen und dann gleich weiter. Der Wind pfeift ordentlich und es wird zunehmend frischer. Der Catogne hat eine sehr exponierte Lage und ist vom Genfer See aus bereits gut zu sehen. Langsam dämmerts, die Strinlampe kann ich ausschalten und weiter gehts nach oben. Die Aussicht wird immer gigantischer, je höher ich komme. Allerdings habe ich mit der Höhe langsam zu kämpfen, das muss ich als Flachländer unumwunden zugeben. Aber noch passt’s. Mein linker Fuß hingegen mag diesen Berg gar nicht. Die Verletzung meldet sich langsam zurück, zu früh für meinen Geschmack. Ich bin ja noch nicht mal oben. Die Wegbeschaffenheit wird in den höheren Lagen zunehmend schlechter. An sich kein Problem, aber ab und zu sticht’s im Gelenk. Die letzten 200 Höhenmeter bis zum Gipfel ist dann an Wegbeschaffenheit alles dabei: Blockkletterei, Geröll, loses Steinzeug – alles Gift für meinen Fuß. Mittlerweile schließen die Ersten der 4-Uhr Truppe auf und überholen mich. Da wird einem die eigene Unterlegenheit mehr als deutlich demonstriert.

Catogne (2568m) – 07:09 Uhr

XAlpine_21Nach etwa 4 Stunden bin ich wie geplant oben, ich werde gescannt und genieße die Aussicht auf dem Gipfel bei Sonnenaufgang ins Rhonetal. Atemberaubend. Und wer jetzt glaubt, dass der Gipfel die halbe Miete ist, hat sich geschnitten. Jetzt geht’s 1200 Höhnemeter runter nach Champex. Der Abstieg ist die Kirsche auf der Torte. Es geht steil nach unten, loses Erdreich, Geröll und dann wieder Wege und Gegenanstiege. In Verbier traf ich ein paar Franzosen, die mir erzählten dass der Abstieg vom Catogne die eigentliche Schwierigkeit sei. Sie hätten ihn schon dreimal trainiert, aber sich jedes Mal die Zähne dran ausgebissen.

Hier schreibt der Veranstalter:
„Nun geht es wieder bergab, mit häufigem Blick hinunter auf den Lac de Champex. Seien wir ehrlich, auf diesem Abstieg werden Sie nicht sehr viel rennen – dazu ist er zu technisch. Seien Sie also vorsichtig und halten Sie sich an den zu Ihrer Sicherheit angebrachten Seilen fest.“

XAlpine_23Konditionell ist der Abstieg kein Problem, aber ich habe zunehmend Schmerzen. Wurzelwerk ist manchmal die einzige Rettung, um zum Stehen zu kommen. Ich lasse schnellere Läufer vorbei, ich stehe hier irgendwie nur im Weg, ich habe das Gefühl nicht voranzukommen. Andererseits bietet der Abstieg auch grandiose Ausblicke auf den See in Champex. Die Sonne wärmt und in der Luft liegt ein ganz besonderer Duft. Ich komme bei meinem Abstieg schnell mit mir überein, dass das alles hier keinen Sinn mehr macht, zumal ein noch höherer Brocken (Cabane d’Orny – 2823m) als nächstes wartet.

Champex (1473m) – 09:26 Uhr

Ich komme nach über 2 1/4 Stunden in Champex am VP an. Ich habe über zwei Stunden gut auf den Cut-Off. Ich mache Pause, gönne dem Fuß Kühlung und Ruhe. Ich lege noch einen Stützverband an, aber die ersten Probeschritte appelieren sofort an meine Vernunft. Mir ist jetzt klar, dass man diesen Lauf nur stemmen kann, wenn man zu 100% gesund ist (wie jeden anderen Lauf auch…) und körperliche Fitness setze ich mal voraus… 🙂 Ich streiche also die Segel, gebe meinen DNF bei der Zeitnahme bekannt und warte in der warmen Sonne auf den Rücktransport.

Fazit

Tja was soll ich sagen. Da hatte man einen schönen Trail – die Bouclé – und man folgt dem Trend vieler alpinen Läufe, das Ganze noch härter zu machen. Man baut zwei Berge ein und schon ist die DNF-Quote bei 64%. Ist das gewollt bzw. Kalkül? Dabei waren die Bedingungen gut, bei schlechtem Wetter bestünde noch größeres Einsparpotential bei den Finishershirts. Abgesehen von persönlichen Befindlichkeiten und Injurien war mir die Bouclé lieber. Ich konnte viel mehr laufen, der Weg vom Sembrancher nach Champex ist traumhaft, ständig mit Blick ins Tal. Anstiege müssen sein und ich mag sie auch, aber wenn blanker Fels und Geröll zum Programm wird, kaufe ich mir statt Trailschuhen wieder Zustiegsschuhe und fange wieder mit Freeclimbing an. Aber trotz allem – die Gegend macht einen zum Wiederholungstäter…

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