Schönbuch Ultratrail 100-Meilen

SUT100_2014_55Andreas hat wieder geladen. Zum zweiten Mal. Ich bin dabei. Ich war auch 2012 dabei und am Ende als Finisher. Warum tue ich mir dann so was nochmal an? 160km sind ja nicht von Pappe und dieses Jahr sinds noch 5km mehr. Ist’s die familiäre Stimmung, die Landschaft, oder die durch die Bank netten Teilnehmer? Oder sinds am Ende die ganzen freiwilligen Helfer, die unermüdlich für unser Wohl sorgen? Oder einfach, weil dieses Jahr nicht meins ist und ich endlich mal die Ziellinie sehen möchte? Eigentlich alles.

Der nach vorn geneigte Leser meiner Ergüsse weiß, dass ich ein Aua an der rechten Schulter mein Eigen nenne und die Frage, die ich mir zu Recht gefallen lassen muss: “Bist Du bescheuert? Kurier Dich erstmal aus”. Wäre da nicht der unstillbare Drang nach draußen und das unbedingte Wollen. “Es geht schon, ich laufe ja diesmal ohne Stöcke.” Will sagen: Von den Stöcken geht diesmal keine Gefahr aus. Das Wetter soll bestens werden und die Strecke bekommt die 5km gleich im ersten Teilstück “aufgebrummt”. Das hat den Vorteil, dass ich diesen neuen Abschnitt bei Tag sehe. Nachts bekomme ich davon ohnehin nix mehr mit.

Zum Briefing am Freitagabend komme ich im Sportheim Dettenhausen staubedingt zu spät. Andreas meint nur lapidar, es sei alles gesagt: “Was willst’n groß wissen, kennst ja schon alles.” Bei ein paar Details wäre ich wohl besser anwesend gewesen, wie sich später herausstellen sollte. Die Pastaparty muss sich nicht verstecken, ich bin danach ordentlich satt.

Ich kann abends bei Uwe und Ulrike in Tübingen aufschlagen und darf da übernachten (nochmal allerbesten Dank!). Andernfalls gäbe es die Möglichkeit in Dettenhausen mit Schlafsack und Isomatte in den Sportheim-Umkleidekabinen zu nächtigen. Alternativ dazu kann man auch im Zelt oder im Auto schlafen. Da bin ich lieber bekennendes Weichei und ziehe eine Matratze dem Ganzen vor. Uwe hatte vor zwei Jahren auch hier gefinisht und steht von Samstag auf Sonntag mit Jürgen beim VP6 und hält bis früh Morgens Spätzles-Nachtwache.

Am nächsten Morgen lasse ich mir das leckere Frühstück im Sportheim von Dettenhausen nicht entgehen. Dann noch die Dropbags abgeben und ab zum Start. Das Verwöhnprogramm nimmt seinen Lauf. 23 Starter sammeln sich an der imaginären Startlinie und Andreas meint, die Strecke sei einfach und schnell erklärt: Einmal im Kreis und morgen sehen wir uns dann wieder. Wo er Recht hat, hat er Recht.

Auf die Pätze – fertig – los

SUT100_2014_50Ein wenig spektakuläres “Auf die Pätze – fertig – los” und wir sind unterwegs. Die vergangenen Tage hatte es heftigst geregnet, was mich dazu bewog, auf wasserdichte Socken und Gaiter zu setzen. Ich bin bereits nach dem ersten Kilometer Strecke froh drum. Aufgeweichte Wege und Pfade aus Schlamm – die bewältigt man nur noch watend, damit es einem die Brühe nicht von oben in die Schuhe drückt. Dann wieder Forststraßen, Singletrails, Wiesen und Feldwege – der Schönbuch eben. Der morgendliche Sonnenaufgang offenbart die Landschaft in seiner ganzen Schönheit. Die Nebelschwaden in den Niederungen zeichnen weiche Konturen der herbstlich gefärbten Wälder und die Morgensonne taucht die Landschaft in ein warmes Licht. Ich nehme ein wenig Tempo raus und fotografiere. Für die langen, dunklen Winterabende habe ich von schönen Fotos mehr als von einer besseren Zeit auf einer Urkunde.

DiSUT100_2014_54e erste Etappe bis zum VP1 am Sportplatz in Altdorf dauert 27,6km. Das ist lockeres Einrollen. Allerdings spinnt mein Navi, ich bekomme keinen Empfang, da ich es zu spät eingeschalten habe – Anfängerfehler. Also laufe ich den anderen hinterher und hoffe auf “navigatorische Schwarmintelligenz”. Die Markierung ist wieder einzigartig. Trassierbänder und Mehlmarkierungen am Boden. Wer die Augen offen hält… Dennoch stehe ich zuweilen doof wie ein Pilz im Wald und irre umher. Der Flow beim Laufen ist ja ganz ok, aber ein wenig mehr sollte ich schon aufpassen.

Die Streckenverlängerung führt uns zu einem Hochmoor und da bleibt mir schier die Luft weg. Viel zu schade da nur durchzurauschen, es ist unbeschreiblich, aber es hilft nichts, weiter.

Es wird wärmer und ich bin zunächst mal froh, dass wir ständig im Schatten laufen können. Nachmittags laufen wir ab Herrenberg auf der Südseite und da ist es noch mal ein paar Grad wärmer.

VP1 – Altdorf

SUT100_2014_77Nach 3,5 Stunden erreiche ich den VP1. Hier steht Jürgen mit seiner Frau, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Jürgen ist begnadeter Läufer und weiß nur zu gut was ich brauche. Schnell alles auffüllen, was essen, das Navi hat jetzt auch Empfang und wenige Minuten später bin ich wieder on Tour. Die Streckenverlängerung und die schwierig zu laufenden Wege haben mich eine Stunde mehr als in 2012 gekostet. Die werde ich auch nicht wieder aufholen, das wird in jedem Fall eine knappe Kiste mit dem Finish und ich beginne schon mal zu rechnen.

Ich laufe jetzt alleine, ich habe mein Tempo gefunden und bin im Flow. Es läuft. Allerdings werde ich permanent von der schlechten Wegbeschaffenheit ausgebremst. Der Regen der letzten Tage hat ganze Arbeit geleistet. Und was der nicht geschafft hat, haben in jedem Fall meine Freunde – die Radlfahrer – geschafft. Da wird aus einem schmalen Singletrail schon mal ein 5 Meter breiter, mit grobem Stollenprofil umgegrabener Weg, der nur noch aus Schlamm besteht. Das bekommen die hier wohnhaften Wildsäue auch nicht besser hin. Übrigens: 2014 wurde der Naturpark Schönbuch zum “Waldgebiet des Jahres” gewählt. Da müssen die Juroren aber die von den Bikes zerfurchten Wege übersehen haben.

SUT100_2014_76Wie auch immer, ich muss da jetzt durch. Die Sonne heizt, mir wird’s langsam richtig warm und ich trinke wie ein Kamel – mengenmäßig gesehen natürlich. Ich laufe nur durch Wald und habe trotz Navi komplett die Orientierung verloren. Mal habe ich die Sonne im Rücken, dann im Gesicht, dann links, rechts… Ich spule Kilometer für Kilometer ab, wie ein Hamster in seinem Rad. So langsam freue mich insgeheim schon auf meinen Dropbag mit frischer Wäsche.

Ich quere einen nahezu gänzlich im Wasser versunkenen Wald, laufe schier endlose schnurgerade Forstraßen und durch unwegsamen Dickicht. Besonders schnell bin ich nicht, ich wäre gerne etwas flotter. Aber es ist wunderschön hier. Ab Rohrau laufe ich wieder auf diesem klasse Trail wie bereits 2012. Er schlängelt sich durch kleine Schluchten, an Hängen entlang und ich vergesse Raum und Zeit. Dann werde ich beim Überqueren der A81 in die Realität zurückgeholt und ich komme um ca. 15 Uhr am VP2 in Nufringen an.

VP2 in Nufringen

Ich fühle mich fit, die Schulter gibt Ruhe. Ich esse eine äußerst leckere Gemüsesuppe. Die muss hausgemacht sein, das ist kein Instant-Zeug. Mir scheint als hätten da Andreas’ Eltern großen Anteil am Gelingen dieser Mahlzeit. Memo an mich: Ich muss mich unbedingt mal bei denen zum Essen einladen. Dann noch kurz die Wäsche wechseln, alles auffüllen, das Gepäck für die Nacht mitnehmen und weiter. Ich fühle mich frisch, allerdings werde ich jetzt noch langsamer, da mein Rucksack durch die zusätzliche Nachtausrüstung einiges mehr an Gewicht hat – der nächste Dropbag ist 60km weit entfernt. Bis zum nächsten VP3 hingegen ists genau eine Halbmarathondistanz. Ich laufe in einer kleinen Gruppe einen Hang hinunter und wir werden von einer umzäunten Kuhweide ausgebremst.

AUSSENRUM!

SUT100_2014_81Jetzt kommt die eingangs erwähnte Stelle, bei der ich beim Briefing mal besser dabei gewesen wäre: Der Weg führt AUSSENRUM. Wir glauben aber, dass man durch direktes Queren der Weide der Sache eher Herr wird. Dazu muss man allerdings den unter Strom stehenden Weidezaun überlisten. Jörg fasst mutig hin, er will beweisen, dass der stromlos ist und es hat zunächst den Anschein, dass dem so ist. Er wird allerdings beim zweiten Versuch von der Wirksamkeit einiger tausend Volt schwäbischen Ökostroms schmerzhaft vom Gegenteil überzeugt.

Wir entdecken eine Stelle, an welcher der stromführende Draht aus- und wieder eingehängt werden kann. Gesagt – getan. Ich hänge nach Überwinden des Hindernisses den Draht am isolierten Griffstück brav wieder ein. Irgendwie bekomme ich dann doch ungewollten Kontakt zum Draht und bekomme eine gewischt, dass mir Hören und Sehen vergeht.  Alles im rechten Arm hoch bis zur Schulter kontrahiert schlagartig und ab da meldet sich auch meine Schulter wieder schmerz- und dauerhaft zu Wort. Ich bin doch zu doof, das glaubt mir jetzt kein Mensch… Soviel zu meinem “Draht nach oben”.

Ich finde mich in folgender Situation wieder: Ich stehe jetzt mitten auf der Weide in der Kuhscheiße mit schmerzender Schulter, den Rindviechern Auge in Auge gegenüber und verliere Zeit. Ich mag die Situation gerade überhaupt nicht. Wir kommen aufgrund unvorhersehbaren Verhaltens von Weidevieh durch Eindringen in deren Revier von unserem tollkühnen Vorhaben ab und wählen den Rückzug  – wieder über den Weidezaun – und gehen AUSSENRUM.

SUT100_2014_82Wir gelangen nach Herrenberg und der Weg führt uns mitten durch die von Touristen geflutete Innenstadt. Ich spüre die Blicke der pausbäckigen Touristen – und das hat schon was von Spießrutenlauf, lieber Andreas… Nach ein paar Kilometern sind wir wieder “im Busch”. Ich kann allerdings nicht mehr laufen, die Armbewegungen schmerzen zu sehr. Also ist hiken angesagt und ich muss die Anderen ziehen lassen. Ich beginne zu rechnen, ob ich in dem Tempo die Chance auf ein Finish habe. Es wird eng, sehr eng. Als wenns nicht schon genug wäre, verhaue mich einmal ordentlich bei der Wegwahl und mache einen mehr oder weniger großen “Schlenker”.

Es ist sehr warm und ich habe Durst. Mein 1,5-Liter-Vorrat neigt sich dem Ende. Vor ein paar Minuten lief ich an einer Waldgaststätte vorbei, ich hatte da bereits der Versuchung widerstanden, einzukehren und mich auf ein frisches Alkoholfreies niederzulassen. Ich hatte die berechtigte Befürchtung, nicht mehr aufstehen zu wollen. Ich bin jetzt geneigt umzukehren, aber ich habe die Zeit nicht. So laufe ich jetzt einsam an der Südkante des Schönbuchs entlang.

SUT100_2014_84Die Wege sind hier relativ gut zu laufen, mit Ausnahme von ein paar Radfahrer-Schlammlöchern. Ich genieße die Abendsonne und die Ausblicke ins weite vor mir liegende Tal. Langsam manifestiert sich in mir die Überzeugung, dass ich den Lauf nicht mehr innerhalb des Zeitlimits von 30 Stunden schaffe. Ich weiß, dass einige noch nach mir kommen, ich bin nicht Letzter, aber ich sehe keinen weit und breit. Haben die alle schon aufgegeben oder mich am Ende gar überholt, als ich meine außerplanmäßigen Exkursionen ins Schönbuch-Outback gemacht habe? Torsten hatte am letzten VP schon über Fersenprobleme geklagt und wollte auf Wandern umstellen, aber auch von ihm weit und breit nichts zu sehen.

Ich verliere Zeit mit jedem Meter den ich nicht laufen kann. Die Sonne verabschiedet sich langsam, der Himmel leuchtet zum Abschluss des Tages nochmal richtig traumhaft rot. Es dauert nicht mehr lange und ich laufe mit Stirnlampe. Mein Gefühl sagt mir, dass ich noch ca. 1 Stunde bis zum VP in Entringen habe und die brauche ich dann auch. Ich verlaufe mich noch ein paar Mal. Die Genauigkeit meines Navis lässt unterm Blätterdach zu wünschen übrig und die reflektierenden Flatterband-Markierungen gibt’s erst nach dem VP Entringen.

SUT100_2014_85Jetzt wird’s wieder mystisch im Schönbuch. Allerhand Getier schleicht um mich herum oder schimpft über mir. Ich nehme das zwar wahr, aber zu sehen bekomme ich nichts. Überall raschelts, Zweige knacken und seltsame Laute, die ich nicht zuordnen kann. Ich laufe dem Schein meiner Stirnlampe hinterher und kann dann endlich von weitem den VP3 in Entringen sehen. Über 4 Stunden habe ich vom letzten VP bis hierher benötigt, das ist zu langsam. Es macht keinen Sinn weiterzugehen. Ich rufe Andreas an und melde mich ab. Ich labe mich hier bei extrem netten Menschen an deren Buffet und erfahre, dass noch einige kommen müssen. Darunter auch Torsten. Ich ziehe was Frisches an und als Torsten eintrudelt, schwenkt auch er bereits die weiße Fahne. Was solls, wie früher: Zusammen gestartet und zusammen angekommen. Wir helfen nach einer ausgiebigen Pause noch ein wenig mit, den VP abzubauen und werden dankenswerterweise bis zum Start nach Dettenhausen gefahren.

Resumee

Schade, aber nicht schlimm. Ca. 72km (+ x) sind ein netter Trainingslauf unter ebensolchen Menschen in schönster Natur bei bestem Herbstwetter. Ich hatte definitv Spaß, habe wieder viel Neues gesehen und erleben dürfen. Dem Finish weine ich auch nicht groß hinterher, das habe ich vor zwei Jahren schon gemeistert.

Alles in allem ist das eine klasse Veranstaltung mit sehr viel Herzblut und Hingabe aller Beteiligten organisiert und getragen. Ich bin auch wieder angenehm überrascht, welches hohe Level die Wegmarkierung auch bei dieser Ausgabe hatte (was ich zumindest bis VP3 beurteilen kann). Sie hat mir samt Navi definitiv den A… ein paar Mal gerettet. Danke an Andreas und an alle, die das alles möglich gemacht haben, und dass ich dabei sein durfte!