Free-Trail: Der Pfunderer Höhenweg

Gerhard Ultraburna schrieb mich vor ein paar Wochen an. Er vermutete bei mir kurz vor meinem UTMB-Start überbordende Fitness und dachte sich, dass ich ein geeigneter Sparringspartner für eine kleine Free-Trail-Gebirgstour wäre. Er hatte eine feine 70km Tour im Karwendel in der Pipeline und mir schon mal die GPS-Daten vorab geschickt. Nachdem ich ohnehin schon mit dem Gedanken an ein paar alpine, vertikale Trainingskilometer gespielt hatte, nahm ich ich das Angebot mehr als freudig an. Wie das nun mal so ist, folgt das Wetter seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und so verabschiedeten wir uns zunächst von den sicherungspflichtigen Klettersteigpassagen und danach von der kompletten Route. Schneefall runter bis auf 2400m und kaltes, nasses Wetter kann man überleben, macht aber keinen Spaß und sind auch nicht Sinn der Sache.

Ein Blick über den Tellerrand – sprich südlich des Alpenhauptkamms – ließ uns nach weiteren Optionen Ausschau halten. Aufgrund des besseren Wetters galten als mögliche Kandidaten der Meraner Höhenweg und der von Gerhard bevorzugte Pfunderer Höhenweg. Letzteren haben wir kurzerhand ins Herz geschlossen. Geplant war, den Weg in zwei Tagen zu durchlaufen. Wenn das Wetter passt, vielleicht sogar am Stück. Leider machten uns ausgebuchte Hotels und eine überteuerte Übernachtungssituation im südtiroler Sterzing einen Strich durch die Rechnung. Also machten wir einen Kompakturlaub draus: Am Samstag Morgen um 3 Uhr aufstehen, um 6 Uhr Treff in Garmisch, mit einem Auto weiter über den Brennerpass nach Sterzing.

07:45 – los geht’s

Pfunderer2014_Max_53Wir stehen in Wiesen unweit von Sterzing am Start des Pfunderer Höhenwegs. Den Beschreibungen nach wird er in 6 Tagesetappen gegangen. Es liegen auf einer Gesamtlänge von ca. 70km etwa 6000 HM vor uns. Das Terrain soll äußerst schwierig und relativ schlecht markiert sein. Von grünen Almwiesen bis hin zum unwegsamen Blockgelände und ausgesetzten Klettereien sei alles drin, klingt gut.

Den Gedanken ans lockere Durchjoggen verwerfe wir nicht zuletzt wegen unserer Rucksäcke. Der 20-Liter-Olmo ist gut voll und wiegt mit Getränkeflaschen an die 8 Kilo. Mit dabei sind eine komplette Wechselgarnitur an Laufklamotten, warme Sachen, Regenkleidung, Hüttenschlafsack, Verbandszeug, Kleinkram und Stirnlampe – alles verpackt in wasserdichten Beuteln.

Das Wetter ist gut, etwas wolkig, aber viel Sonne und nicht zu warm. Wir laufen aus Wiesen zunächst auf Forstwegen hoch. Unüberhörbar macht sich auf den ersten Kilometern die Brennerautobahn bemerkbar. Die Strada del Sole kann mir aber heute gestohlen bleiben. Die Aussicht weiter oben ist grandios und es macht zunehmend Spaß, aber der Lärm der Autobahn nervt dann doch. Erst als wir in höheren Lagen ankommen, wird es totenstill. Wir queren herrliche Almen, überwinden sperrige Hindernisse und bahnen uns unseren Weg durch Nutzviehherden (aus alpiner Bodenhaltung).

Pfunderer2014_Max_54Der Weg führt uns unterhalb des Giogo di Trens (2378m) auf anspruchsvoll zu laufenden Single Trails und durch nasse Almwiesen. Meine Schuhe sind komplett durchweicht. Wir laufen weiter hoch zum Trenser Joch (2200m) und sind uns jetzt über die weitere Wegführung unschlüssig. Der Wegweiser zeigt eindeutig zur Simile Mahd Alm, darüber allerdings prangt das böse Wort “Abkürzung”. Wir sind ja nicht hier um abzukürzen und eiern erstmal unsicher durchs Gelände. Wir haben keine Karte dabei, die uns einen Überblick hätte geben können, sondern nur mein Navi. Der Weg auf meinem elektronischen Helferlein ist eindeuitg der, der mit “Abkürzung” tituliert wird. Wir entschließen uns, die Abkürzung unter Bauchschmerzen und mit schlechtem Gewissen zu laufen und sind nach 4 Stunden Gesamtlaufzeit an der Simile Mahd Alm angelangt.

11:37 – Simile Mahd Alm

Pfunderer2014_Max_65Wenn man den Pfunderer Höhenweg in mehreren Etappen laufen möchte, wäre hier schon mal die erste Tagesetappe gemeistert und man kann sich das verdiente Weißbier genehmigen. Das tut Gerhard dann spontan, aber ich drängle und hetze ihn weiter (sorry…). Wir haben noch einiges an Weg vor uns und zur Mittagszeit soll es einen Gewitterschauer geben, da wäre ich gerne runter vom Rauhtaljoch unweit der 3000er-Marke. Nächstes Etappenziel ist die Brixener Hütte. Bis dorthin sind es ca. 9km und der Aufstieg zum Rauhtaljoch. Es geht ständig bergauf, der Weg ist mehr als anspruchsvoll, mal laufen wir in leeren Bachbetten, mal auf ausgewaschenen Wegen. Die Markierungen in der kargen Landschaft sind nur schwer zu erkennen und liegen sehr weit auseinander. Wir weichen deshalb auch permanent ein paar Meter vom “Weg” ab. Bei Nebel oder schlechter Sicht wird das sicher zum Problem, aber noch geht’s. Wir erreichen das Sengesjöchl und kommen am Wilden See vorbei. Es ist traumhaft, leider fehlt uns die Zeit, zu ihm abzusteigen und dort zu pausieren, aber für Fotos reicht’s allemal.

Rauhtaljoch (2842m)

Pfunderer2014_Max_76Wir nähern uns dem Rauhtaljoch. Der Himmel zieht zu und es beginnt leicht zu schneien. Ich habe ja eher mit Regen gerechnet, Schnee ist mir auch lieber als Regen, er ist trocken. Die Kühe um uns herum beeindruckt das wenig, mich schon. Oben angekommen, zieht’s erwartungsgemäß wie Hechtsuppe. Es schneit heftiger und nach dem gemeinsamen Poser-Foto gilt: Nichts wie runter. So der Plan. Der Abstieg ist auf der Nordseite des Jochs und da hält sich auch über den Sommer ein mehrere hundert Meter langes Schneefeld. Ich lande bei dem Versuch das gehend zu bewältigen, schmerzhaft auf dem Hintern, da hilft nur Runterrutschen, nass bin ich sowieso.

Der Wind bläst eiskalt von vorn und wir müssen eine Schicht Kleidung zulegen. Handschuhe raus und weiter gehts. Der Abstieg wird nach dem Schneefeld besser, allerdings stehen wir immer öfter an schwierig zu querenden und breiten Bächen. Zuerst mit den Stöcken rein, dann abstützen und von Stein zu Stein springen. Ein Fehltritt und ich würde komplett absaufen.

14:48 – Brixener Hütte (2270m)

Nach 7 Stunden haben wir die Halbmarathondistanz von 21km erreicht und gönnen uns jetzt erst mal eine Pause. Das wäre die zweite Tagesetappe für Genuss- und Etappenwanderer. In den hohen Lagen schneits, hier unten auf der Hütte scheint sogar mal die Sonne und wärmt uns. Die Schuhe sind durch und durch nass. Ich mag das nicht und sehne mir wasserdichte Socken herbei. Ein bleifreies Weißbier und etwas zu essen, danach kehren die Lebensgeister wieder zurück. Wieder drängle ich. Die Edelrauthütte liegt noch in weiter Ferne. Normale Gehzeit bis zum Walter-Brenninger-Biwak 5,5 Stunden und bis zur Edelrauthütte nochmal 3 Stunden. Wenn wir Dampf machen können wir das in 6-7 Stunden schaffen. Jetzt aber los.

Pfunderer2014_Max_80Das Wetter wird nicht besser. Schnee vermischt sich in den tieferen Lagen mit Regen, die Wege sind schwer zu laufen, die Steine werden glitschig. Nach dem Aufstieg in 2600m Höhe folgt der Abstieg durch ein Geröllfeld. Hier hat ein Erdrutsch den Weg komplett wegretuschiert. Wir kommen in diesem weglosem Gelände nur langsam voran. Wir finden dann wieder den Weg, Gerhard geht voraus und ich trotte hinterher. Schweigen und Zähne zusammenbeißen ist angesagt. Die Füße kalt, alles ist klamm und feucht, den Schneeregen von vorne ins Gesicht. Dennoch reißt es ab und zu wieder auf und die Sonne kommt zum Vorschein. Sie hat am späten Nachmittag aber nicht mehr die Kraft uns zu wärmen. Die Schatten werden länger und das Biwak kommt und kommt nicht näher. Das Etappenziel Edelrauthütte werden wir nicht halten können. Wir sind zwar schnell aber dennoch zu langsam.

Dannelscharte (2437m)

Pfunderer2014_Gerhard_60Wir erklimmen die Dannelscharte und danach erwarten uns kurze mit Fixseilen versicherte Passagen. Die sind nicht nur anstrengend, sondern bedingt durch das miese Wetter äußerst anspruchsvoll. Ich wäre jetzt lieber nicht hier. Bin ich aber. Und so hangele ich mich daran so-lala da durch. Da ich mir beim Pitztal-Ultra die Schulter lädiert habe, ist das jetzt doppelt übel. In irgendeinem Abschnitt rutsche ich aus, kann mich noch halten und durch den Versuch mit abzustützen, meldet sich die bereits angeschlagene Schulter erneut schmerz- und dauerhaft zu Wort. Für mich ist klar, dass das keinen Sinn macht, heute bis zur Edelrauthütte weiterzugehen. Der Blick nach oben bestätigt das, alle Gipfel liegen in dunklen Wolken. Weiterzulaufen wäre töricht.

Dann kommt das Biwak in Sicht. Ich habe endlich Netz fürs Telefon und rufe meine Frau an. Sie hat uns per Spot verfolgt und ich unterrichte sie von unserer geplanten Übernachtung im Biwak und dass alles OK ist. Beim Abstieg zum Biwak wird mir zusehends bewusster, dass ich den rechten Arm nur noch bedingt schmerzfrei einsetzen kann. Die weiter zu erwartende Kletterpassagen für den Rest der Tour wären für mich nicht gefahrlos machbar. Laufen könnte ich ewig, aber nur ohne Armeinsatz. Ich bin innerlich zerknirscht und dem Heulen nahe, als ich Gerhard davon unterrichte. Ich biete ihm an, dass er die Tour morgen alleine zu Ende laufen kann und ich hole ihn dann in Bruneck ab. Aber alleine laufen möchte er nicht.

19:46 – Walter-Brenninger-Biwak (2200m)

Pfunderer2014_Gerhard_61Nach genau 12 Stunden erreichen wir das Walter-Brenninger-Biwak. Es sind bereits zwei Familien mit Kindern, Hund und einem weiteren Wanderer da. Der Ofen brennt, es ist mollig warm, aber eng. Ich zweifle kurz, ob ich das wirklich will, oder ob wir nicht doch noch absteigen sollen, runter vom Berg und bis zur nächsten Ortschaft laufen sollen, in der Hoffnung, doch noch ein Nachtlager zu finden. Aber Gerhard reicht’s, er geht keinen Meter mehr weiter und überredet mich, dass wir bleiben – eine weise Entscheidung.

Wir entledigen uns unserer nassen Klamotten, ziehen das trockene Zeug an (wasserdichte Beutel sind Klasse…) und wärmen uns am Ofen. Wir haben genug Essen dabei und sorgen mit unserem Vorhaben und der heutigen Tagesleistung für Verwunderung unter den Anwesenden. Während ich die Übernachtung im Biwak als persönliches Scheitern sehe, bewundern uns die anderen über das Geleistete. Sie benötigten bis hierher 3 Tage. Ich glaube, ich muss unbedingt meine Selbstwahrnehmung für Relationen überdenken…

Das Biwak ist für 8 Personen konzipiert – wir sind zu elft. Es gibt ein Matratzenlager und jede Menge Decken. Ich finde noch Platz und sehe mich eingekeilt zwischen zwei Kindern und einem blasenschwachen Wanderer, der jede Stunde einmal raus muss. Nachts ist es richtig kalt im Biwak, draußen gefriert’s und der Rauhreif liegt auf den Gräsern. Gerhard schläft auf der Bank, überall ziehts rein und entweder entleert mein Nachbar seine Blase und sorgt so für Unruhe, oder ich bekomme permanent ein Kinderbein ins Genick getreten.

Tag 2 – Abstieg

Um 6 Uhr am nächsten Morgen haben wir die Nacht einigermaßen und mit nur wenig Schlaf überstanden. Das Wetter soll heute grandios werden. Ein wenig Sonne wäre nicht schlecht, die Schuhe sind noch nass und es graut mir da reinzuschlüpfen. Die Schulter schmerzt, aber nach einem Oatsnack-Frühstück brechen wir auf. Die Steine am nahe gelegenen Bachbett sind gefroren und glatt. Der Abstieg dauert dementsprechend lange. Wir erreichen im Tal den Wirtschaftsweg und laufen entlang am Weissteinerbach Richtung Pfunders. Es geht stetig bergab und das tut meiner Schulter gut, da ich ohne Stöcke und Armeinsatz laufen kann.

Pfunderer2014_Max_86Es geht an Pfunders vorbei und nach ein paar Kilometer wechseln wir auf die andere Talseite und laufen fortan in der Sonne. Endlich trocknet alles an mir und unsere Lebensgeister erwachen, als wir in Weitental einen Break für ein kleines Frühstück mit Kaffee in einem Straßencafe machen.

Danach hiken wir weiter auf schönsten Wanderwegen bis Niedervintl und stehen dann auch schon am Bahnhof. Dann zurück mit dem Zug bis Franzenfeste und dann weiter bis Sterzing. In Wiesen, dem Startpunkt unseres Unternehmens angekommen, genehmigen wir uns einen Kaffee und leckersten Apfelstrudel. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir den verdient habe, aber ich muss ohnehin meine Selbstwahrnehmung überdenken.

Fazit

Eine echt geile Tour, kann ich nur empfehlen. Insgesamt haben wir 50km und ca. +3150 HM in schönster Natur zurückgelegt. Um die Edelrauthütte am gleichen Tag zu erreichen, hätten wir 3 Stunden früher loslaufen sollen. Der Weg bietet alles: Wanderwege, Singletrails, Steine, Blöcke, Kletterei, Almen, Hütten, Schneefelder. Wer das mich mag, sollte zuhause bleiben. Achja, besseres Wetter ist auch von Vorteil.

Unterm Strich: Da ist noch eine Rechnung offen 🙂

Danke an Gerhard für die Fotos.

 Daten

 

 Gerhards Fotos (Danke!!)