Trail Verbier Saint-Bernard 2013

IMG_0001Aller guten Dinge sind drei. 2010 musste ich in La Fouly wegen Magenproblemen und Hitzerschöpfung raus, 2011 lief ich eine Woche vorher den Zugspitz-Ultra und der steckte mir noch ordentlich in den Knochen. Am Col de Fenetre verließen mich komplett die Kräfte, musste am VP Saint Bernard raus und den Rückweg im Bus antreten. Ein Fluch schien auf diesem Lauf zu liegen. Dabei findet er in einer der schönsten Gegenden dieser Erde statt und meine Fotos vermögen das gar nicht alles einzufangen. Diese offene Rechnung gilt es 2013 zu begleichen.

Ich reise am Freitag an und übernachte dieses Mal im Bunker am Centre Sportiv. Das ist eine richtige Grenzerfahrung kann ich euch sagen, aber was tut man nicht alles. Der Bunker ist eine unterirdische fensterlose Anlage mit meterdicken Wänden und mehreren 30cm-starken Türen. Neonlicht gibt dem Ganzen einen schaurigen Endzeit-Charme. Die Lüfteranlage pustet unentwegt und lautstark trockene Frischluft nach innen. Wir teilen uns ein “Wohnzimmer” mit 30 Schlafplätzen. Es ist eng, sehr eng.

Nach dem “Einchecken” (sagt man das bei einem Bunker?) laufe ich erstmal zum Supermarkt, das Abendessen besorgen. Dort treffe ich Niels und Guido, die hatten den gleichen Gedanken. Im Auto packe ich jetzt meine Ausrüstung für morgen und danach geht’s zur Startnummernausgabe und Kontrolle der Pflichtausrüstung. Die Läufermesse ist wieder sehr übersichtlich, das Wetter hingegen gigantisch und ich hänge mit Niels und Guido noch eine Weile im Sonnenschein ab. Die beiden wollen es morgen wirklich krachen lassen und legen, zumindest verbal, schon mal Zeiten vor, da lohnt es sich ja gar nicht die Laufschuhe festzuschnüren. Jungs, das macht keinen Spaß mit euch zu laufen, ich habe nur ein Ziel: Ankommen. Bei einer Finisherquote von ca. 60% ist mir das Sieg genug.

20130705_174322Zurück im Bunker treffe ich auch Peter aus der Slovakei, wir kennen uns vom JUNUT, er ist den TVSB schon zweimal gelaufen und jedes Mal in traumhaften Zeiten. Die Nacht in einem 30-Mann-Schlafsaal entbehrt jeder Beschreibung ich erspare euch diese Details, könnte aber mit dem Wortschatz aus der Landwirtschaft, speziell mit dem aus der Viehhaltung dienen. Stundenweise gelingt es mir zu schlafen, aber ab 3 Uhr morgens ist Hochbetrieb. Ich entdecke meine Marotten bei anderen wieder: Schön zu sehen, was die alles mitnehmen und wie jeder sein Zeug akribisch packt. Danach Frühstück im Centre Sportiv und ab zum Start.

Start Samstag, Verbier – Place de l’Ermitage (1484m) 05:00 Uhr

DSCI0072Der Himmel über uns ist sternenklar, es ist warm, es dämmert bereits und nach dem Startschuss geht’s los. Alle stürmen davon, als gäbe es die nächsten 80km keine Überholmöglichkeit mehr und ich muss mich echt beherrschen, um mich nicht mitziehen zu lassen. Erst laufen wir durch das verschlafene Verbier, am Ortsrand führt uns der Weg nach oben. Zunächst als Wirtschaftsweg, danach als klassischer Bergweg. Ich befinde mich in einer Gruppe, die es wie ich auch nicht eilig hat und wir arbeiten uns stetig in Serpentinen nach oben. Immer wieder bekomme ich einen Blick auf das erwachende Verbier und den Nebel in den Tälern, das alleine ist es schon wert, hier zu starten. Oberhalb der Baumgrenze begrüßt uns dann die aufgehende Sonne und legt alles in ein rötlich-oranges Licht. Wir nähern uns dem ersten Etappenziel:

Croix de Coeur (2192m) 06:54 Uhr, 9,7km

DSCI0075Ich bin schneller als je zuvor an diesem VP, dabei wollte ich es gemütlich angehen. Gut, jetzt aber Beherrschung. Ich fülle etwas Wasser nach und dann nix wie runter vom Berg. Jetzt auf der anderen Bergseite offenbart sich uns der gigantische Ausblick auf das Rhonetal, hinunter nach Martigny. Der Weg wird vom Wirtschaftsweg zum Singletral der ganz üblen Sorte. Ziemlich steil, kleine Tritte, Wurzeln und einen Läufer mit Hoka-Schuhen vor mir, der es mir unmöglich macht zu überholen. Er hat echte Probleme, rutscht, knickt um, fällt hin, eiert weiter. Argwöhnisch sehe ich seinem Treiben und Rumgeeiere eine Zeit lang zu, bis sich endlich an einer Spitzkehre die Möglichkeit bietet, an dieser Gefahrenquelle vorbeizukommen. Dann wird es wieder flacher, der Weg ist wieder besser zu laufen, wir queren einige Bäche und bewegen uns fortan in einem schattigen Mischwald – endlich Laufen und Strecke machen. Leider müssen wir dann ein ziemlich langes Stück auf einer Teerstraße den Berg hoch. Speedhiken ist angesagt und die Sonne meiden wo’s nur geht. Der Streckenverlauf führt uns wieder zurück in die Botanik und wir gelangen nach

Levron (1410m) 08:25 Uhr, 21,2km

Hier wieder nur das Nötigste auffüllen, einen Snack im Vorbeigehen einschieben und weiter. Dieses kleine Dorf hat was charmantes und es ist eigentlich zu schade hier nur einfach durchzujagen. Die malerischen Häuser und die Menschen hier würden Fotomotive ohne Ende liefern, aber ich bin ja nicht zum Vergnügen hier. Ich habe einen Auftrag. Wir laufen runter bis zum tiefsten Punkt des ganzen Rennens, entlang der Dranse de Bagnes. Dieses Wegstück verläuft bis Sembracher flach und  schattenlos dahin, da kann ich es laufen lassen – im Wohlfühlbereich versteht sich. Ein kühler Wind sorgt für ausreichend Kühlung, das war hier auch schon anders. Wir durchlaufen den Ort Sembracher und erreichen jetzt einen gut gefüllten Verpflegungspunkt.

Sembrancher (721m) 09:12 Uhr, 28km

DSCI0082Ich bin 15 Minuten vor meinem Zeitplan hier und eigentlich viel zu schnell, aber es läuft.. Ich fühle mich gut, esse und trinke ausreichend, nehme Mineraltabletten, da ich viel schwitze und mir keinen Einbruch erlauben möchte. Es gibt sogar Bouillon, bei warmen Wetter zwar eher nicht mein Ding, aber ich muss essen. Mein Kalorienbedarf für diesen Lauf liegt deutlich im fünfstelligen Bereich. Als Vegetarier mit Hang zum Veganer ist das Lebensmittelangebot an den VPs für mich allerdings etwas dürftig. Dennoch gestärkt und frohen Mutes ziehe ich weiter. Erst führt eine knackige Steigung den Wald hoch, oben angekommen spuckt mich der Wald aus und ich laufe auf der Sonnenseite Champex entgegen. Ich merke aber schon nach ein paar Kilometern, dass irgendwas nicht stimmt. Der Magen macht Probleme. Nicht schon wieder. Es (und mir) ist im wahrsten Sinne zum k… Bei jedem Schritt meldet sich der Mageninhalt und mir ist speiübel, das kann ja heiter werden. Bis nach Champex ist der Wegverlauf wellig und tendeziell leicht ansteigend. Die Aussicht ist grandios und es könnte alles so gut laufen… Der letzte Anstieg vor Champex ist nochmal ein richtiger Brecher und dann bin ich endlich am nächsten Verpflegungspunkt.

Champex (1428m) 10:54 Uhr, 37km

DSCI0086Hier kann ich trotz der angebotenen Lebensmittel nichts essen, nur Trinken. Ich bekomme nichts runter. Ich habe das so noch nie erlebt, wie hartnäckig sich ein Oatsnack weigern kann, geschluckt zu werden. Das Zeug klebt am Gaumen und droht festzuwachsen. Also lasse ich es, dann halt nicht. Ich ziehe weiter und laufe ab jetzt in entgegengesetzter Laufrichtung auf der Strecke des UTMB bis nach La Fouly. Zunächst 400 Höhenmeter durch einen traumhaften Wald runter bis nach Issert, danach gilt es bis La Fouly die 700 Höhenmeter wieder gut zumachen. Schon umkreisen mich die ersten Gedanken ans Aufgeben wie Aasgeier einen Kadaver. Ich fühle mich aber auch wie Letzterer. Ich komme nicht mehr so recht voran, muss Tempo rausnehmen und bin völlig kraftlos. Dennoch stapfe ich tapfer weiter, muss einen Läufer nach dem anderen an mir vorbeiziehen lassen. Der Entschluss in La Fouly auszusteigen nimmt feste Gestalt an. Na, dann halt nicht, dann war’s das, aber nochmal mache ich das hier nicht, Verbier kann mir gestohlen bleiben. Meine Energygels für Notfälle verhindern jetzt einen drohenden Hungerast und ich arbeite mich im wahrsten Sinne bis nach LaFouly durch. Ich habe bis hier viel Zeit eingebüßt. Die Cutoff-Zeit liegt allerdings noch in weiter Ferne (15:30). Jetzt kommt mir zu allem Überfluss auch noch Peter entgegen, der wegen Magenproblemen aufgibt und mit dem Bus heimfährt. Er hat fertig. Er hat auch keine Kraft mehr in den Beinen. Wem erzählt der das, mir geht’s mindestens genauso bescheiden, halte aber die Klappe und mime den harten Kerl.

La Fouly (1601m ) 14:10 Uhr, 51,5 km

So, ich wäre jetzt da. Ich setze mich erst mal hin, trinke was und schaue mich in der Runde so um. Das sieht hier schon verdächtig nach Lazarett aus und erinnert mich an meinen DNF 2010. Einige sehen mit Sicherheit schlimmer aus als ich. Wo vorher noch in meinem Kopf die Allmacht des Aufhörens dominiert hatte, keimt bei diesem Anblick der unbedingte Wille auf, weiterzumachen. Ich mache mich zunächst auf die Suche nach etwas Essbarem, was ich

  • runterbringe,
  • was untenbleibt
  • und mich weitermachen lässt.

Ich finde ein paar Nüsse, Obst, Kekse und Bouillon. Es ist ein Kampf, das Zeug runterzukriegen. Ich weiß, dass ich hier rumjammere wie ein altes Weib. Nachdem ich endlich was in mir habe, wächst der Drang, dass ich hier raus muss, und zwar schnell. Ich packe alles zusammen und ab geht’s ohne lange zu überlegen.

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In Serpentinen führt der Weg nach oben, ich verlasse den Schotterweg und biege ins Tal, in Richtung Col de Fenêtre ab. Ein schöner Singletrail führt mich durch das Tal, rechts unten sehe ich die Straße. Ich spiele immer noch mit dem Gedanken ans Aufhören und zurück nach LaFouly zu laufen. Jetzt wäre noch Zeit, später, wenn alles abgebaut ist hätte ich ein Problem. Mein Magen gibt keine Ruhe, ich laufe dennoch weiter, ich will Tatsachen schaffen, bis zum Point of no return gehen. Der kommt dann auch ziemlich schnell und beginnt mit dem Aufstieg zu den Lacs de Fenêtre, schnell ist mein Magen das kleinste Problem. Zunächst sind es einzelne Schneefelder, später ist es aber dann eine komplett geschlossene Schneedecke über die nächsten Kilometer. Die Luft wird merklich dünner und jetzt stapfe ich im Hochsommer durch den Schnee, na sauber. Es ist allerdings traumhaft hier oben und ich mache ein paar Fotos. Dann gehts, wenn auch nur langsam weiter bis zum Kulminationspunkt des

Col de Fenêtre (2689m) 17:46 Uhr, 62 km

DSCI0103Hier wird kurz der Chip gescannt und runter gehts. Weg gibt’s keinen mehr, nur Schnee. Ich laufe, rutsche auf dem Hintern, purzle und eiere nach unten. Ich bin tropfnass und habe jetzt wieder die Kraft und Luft genug, mir im Kopf schon wieder Flausen ans Aufgeben zu machen. Die nächste Station am Gd Saint Bernard werde ich in 3,5km erreichen. Wir queren die Passstraße und laufen unterhalb an ihr auf einem mit Schmelzwasser überfluteten Weg. Er führt dann wieder hoch zur Straße und weiter zum nächsten VP. Wieder sind die Aasgeier in mir unterwegs… Ich könnte hier aussteigen und mit dem Bus zurückfahren. Allerdings werden auch die Erinnerungen an meinen DNF 2011 wach, als ich hier frierend im Hospiz saß und auf den Bus wartete. Das will ich auf keinen Fall, mein Dropbag mit trockenen Klamotten liegt in Bourg St Pierre nur 13km weiter. Also entschließe ich mich nach dem VP am Saint Bernard weiterzulaufen und letztlich in Bourg St Pierre endgültig zu entscheiden was ich tue.

Gd Saint Bernard (2495m) 18:39 Uhr, 65,5 km

DSCI0111Mir graut schon vor dem Gedanken an Essen. Auch hier am VP herrscht Endzeitstimmung: Blasen, Hitzerschöpfung und viele andere Wehwechen meiner Mitstreiter. Das ganze Elend dieses Laufes offenbart sich zu meinen Füßen auf ein paar Quadratmetern. Ich mache mich relativ pietätlos übers Buffet her, allerdings bringe ich jetzt was runter und es beginnt wieder zu schmecken. Ein Traum. Ich setze mich noch ein wenig in die Sonne und genieße die letzten Strahlen. Dann muss ich los und als ich weiterlaufe, merke ich, wie die Kraft in mir zurückkehrt und ich bin wieder im Rennen. Der Aufstieg zum Col des Chevaux macht wieder Spaß, überhole übermütig schon mal einen Trupp Hoka-Jünger. Oben angekommen lasse ich mich noch mal fotografieren und dann geht’s über ein gigantisches Schneefeld, weitgehend auf dem Hintern ins Tal. Ich bin tropfnass und als wenn’s jetzt nicht schon genug wäre, führt der Weg nicht über, sondern durch einen Bach. Die starke Schneeschmelze erstickt die Hoffnung auf einen herausschauenden Stein recht schnell im Keim, also: durchwaten. Egal, in 10km warten frische, trockene Klamotten und Schuhe. Nach drei Hüpfern bin ich durch und natürlich tropfnass. Das Wasser quillt oben aus den Schuhen raus und bei jedem Schritt quietscht was. Der Weg führt jetzt wellig nach unten in Richtung Stausee Lac des Toules. Ich bin im Flow und vorbei ist mein Tief. Ich laufe zu alter Form auf und ich laufe und laufe und laufe… am Lac des Toules vorbei, ein paar kleinere Anstiege hoch und weiter nach Bourg St Pierre. Ich will noch, ohne die Stirnlampe auspacken zu müssen, dort ankommen.

Bourg St Pierre (1623m) 22:05 Uhr, 79 km

Hier gibt’s in der Mehrzweckhalle richtig was zu beißen, ich sichte schon verheißungsvolle Teller mit Spaghetti und ich habe auch Hunger. Ich muss aber erst meine Klamotten komplett wechseln. Ich habe hier auch eine Stunde eingeplant, Zeiten sind mir heute egal, ich will ankommen. Ebenso entschlossen bin ich, was mein Weiterlaufen betrifft: Die restlichen 35km schaffe ich locker. Kein Berg der Welt kann mir jetzt noch Angst machen. Torsten und meine Frau schreiben mir zudem Motivations-SMS’ und die tun richtig gut (Danke!). Nachdem ich kleidungstechnisch wieder hergestellt bin, freue ich mich auf Spaghetti. Leider gibt’s keine Soße mehr dazu. Liebe Orga, das darf nicht passieren. Schreibt mich das nächste Mal vorher an, dann bringe ich welche mit. Ich bin ja nicht gerade der Letzte, nach mir kommen ja auch noch welche. Also kippe ich Bouillon drüber und esse sonst so, was noch da ist. Ich packe mein Zeug und mache mich um 22:59 Uhr wieder auf die Strecke, hoch zum Cabane Mille (2477m). Auf einer Strecke von 8km sind 800 Höhenmeter zu machen, das geht im flotten Hikingschritt. Wirklich steil ist das nicht, aber zum Laufen reicht’s mir dann doch nicht. Der Weg und die Trassierbänder sind hervorragend zu sehen. Die Reflektoren sind klasse und hier muss ich schon mal ein Lob aussprechen. Tagsüber sind gut sichtbare Markierungen auf dem Boden aufgesprüht, Nachts funkeln mir die Leuchtbänder schon von Weitem entgegen, da geht keiner verloren. An einigen Passagen wird’s mir kurz anders, als wir wieder eine Schneepassage queren und es links ordentlich ins schwarze Nichts runter geht. Da sollte man trittsicher sein, aber die hier im Wallis trauen das den Läufern zu, Klasse! (Anders als in Graubünden, wo sie am liebsten noch den Gipfel einebnen und fliesen würden und Dir einen Guide zum Überqueren der Straße zur Verfügung stellen…). Nachts verliere ich immer das Raum- und Zeitgefühl. Es läuft irgendwie, ich hänge Gedankenversunken irgendwelchen Ideen nach und bin im Flow. Dann erklimme ich die letzte Steigung und sehe am Horizont schon den Cabane Mille. Ein bis zwei Kilometer noch, dann gibt’s wieder Proviant.

Cabane Mille (2477m) 02:05 Uhr, 90,4 km

Hier oben herrscht etwas verhaltene Partystimmung. Je länger der Lauf, desto schlimmer sehen wir alle aus. Das zieht einen richtig runter. Ein Süppchen, etwas Brot und Obst, ich bin zufrieden und mache, dass ich bald vom Berg runter komme. Nach Lourtier müssen wir runter bis auf 1067m. Das sind 1400 Höhenmeter die ordentlich in den Oberschenkeln brennen. Der Weg nach unten führt wieder über Schneefelder (ich kann’s jetzt bald nicht mehr sehen…) und über Wege mit jeder Menge Schmelzwasser. Also nix mit eben mal locker runterlaufen. Ganz übel wirds weiter unten, als der Weg in engen Serpentinen steil nach unten führt. Ich glaube das hört nie auf. Dann lande ich auf einer Straße und bin heilfroh drum, dass ich auch mal wieder ein paar Schritte horizontal im Normalschritt zurücklegen darf. Von der Straße aus sieht man ca. 500 Meter unterhalb schon Lourtier. Hier schläft alles, sieht friedlich aus. Dann noch ein paar Meter durchs Gebüsch und ich stehe in Lourtier vor der nächsten kulinarischen Offenbarung.

Lourtier (1067m) 04:39, 100,9 km

Hier läuft AC/DC (und die wirklich guten Sachen, damals noch mit Bon Scott als Sänger), na endlich, ich dachte die können hier nur Chansons… Alles auffüllen, was essen, ich bin zufrieden. Allerdings wird’s hier wärmer und ich wechsle auf ein kurzes Shirt, der nächste und letzte Berg soll einem angeblich alles abverlangen. Nach 20 Minuten ziehe ich in den Kampf und stelle mich meiner letzten Herausforderung: Der Aufstieg nach La Chaux (2193m) mit insgesamt 1150 Höhenmetern, 1100 davon gerade hoch, die verbleibenden 50 in gemäßigtem alpinen Terrain. Wir laufen aus dem Ort, vor mir ein Schweizer, dann geht’s rechts ins Gelände und ab dann nur noch hoch – it’s Showtime. So was bin ich noch nie gelaufen. Die ersten 500m keine einzige Kurve, es geht nur hoch. Wenn der Fremdenverkehrsverband sich Touristen vom Leib halten will, schickt er sie einmal da hoch, die kommen nie wieder. Dann wird der Weg schmaler und deutet nur ab und an so etwas wie Serpentinen an. Hier hilft nur Gang rausnehmen, gleichmäßig hochziehen und sich damit abfinden. Und ich sag euch eins: Ich mag ihn. Der Berg hier ist ehrlich, alle anderen Berge sind Lügner, der hier lügt mich nicht an. Der geht nur hoch, da gibt’s keinen Zentimeter, wo man mal nach unten muss, Höhe verliert und dann auf einen Gegenanstieg zuläuft. Der Berg IST ein einziger Gegenanstieg. Ich versuche die Atmung mit der Schrittfrequenz zu synchronisieren und mache langsame Schritte, das klappt ganz gut. Der Schweizer vor mir streicht die Segel und sitzt im Gras. Ich könnte jetzt nicht gerade sagen, dass ich noch topfit bin, aber es gelingt mir, den Berg ohne Pause hochzuziehen. Nicht schnell, aber konstant. Hier ist mir mein Höhenmesser eine große psychologische Stütze. Ich sehe mit jedem Schritt, dass ich nach oben komme und kann es so besser abschätzen. Ohne diese “vertikale Orientierungshilfe” würde ich vermutlich durchdrehen… Ich rechne mit 3 Stunden und bin überrascht, dass ich nach 02:24 Stunden beim VP La Chaux stehe.

La Chaux (2193m) 07:25 Uhr, 106,8 km

An der Bergstation wird meine Startnummer gescannt und ich will schon davonrauschen, als mit jemand ein “Hey, Ravitaillement!!!” hinterherruft. Stimmt, da ja war ja noch was, ich sollte ja noch was trinken und essen. Ich bekomme sogar einen frischen schwarzen Tee aufgebrüht, lasse mich erst mal nieder und genieße die Aussicht beim Sonnenaufgang aufs Mont Blanc-Massiv. Das sind die Momente, wegen denen ich das alles mache, es ist unbeschreiblich. Nun aber los, insgeheim hege ich ja doch den Plan, unter 28 Stunden anzukommen.

Noch 6km – und die ziehen sich. Zunächst verläuft der Weg eben dahin, danach im Wald und hier werden ordentlich Höhenmeter abgebaut. Die Oberschenkel jubeln. Immer wenn ich glaube ich sehe jetzt endlich Verbier, kommt wieder ein Gegenanstieg und nix wars. Das passiert ein paar Mal und dann laufe ich endlich in den Ort. Am Ortseingang empfangen mich zwei überdrehte Yorkshire Terrier, die sehen aus wie kläffende Badelatschen. Besser als gar kein Empfang, denke ich mir und laufe durch den Ort, bis zum Place de l’Ermitage und letztendlich durch den Zielbogen. Geschafft.

1484m Verbier So. 08:44 Uhr, 113,2 km

Ich nehme mein Finisher-Shirt in Empfang und eine Flasche Wasser (!). Eigentlich hätte ich ja Hunger, aber ich sehe weit und breit nichts. Vielleicht haben die schon abgebaut. Das mit dem Catering vor, während und nach dem Rennen ist nicht so deren Sache, hier ist definitiv noch Optimierungsbedarf. Ich schnappe mir noch meinen Dropbag und stapfe zum Auto. Dort treffe ich Guido, er strahlt über alle Backen und ist das Ding unter 22 Stunden gelaufen. Perfekt, ich freue mich echt für ihn, er hat sich seit 2011 um 6 (!) Stunden verbessert. Wieder einer, mit dem ich in Zukunft nicht mehr laufe :-).

Und ich? Eine meiner Dauerbaustellen ist Geschichte. Der TVSB ist definitiv hart und ich habe innerlich gefühlte 100 mal den Lauf abgebrochen und bin dennoch weiter gelaufen. Letztendlich nach 113,2km, +/- 7100 HM in 27:43:56 Stunden war die Kuh vom Eis und ich im Ziel. Von 311 gestarteten Läufern kamen 186 ins Ziel (Finisherquote 59,81%). Meine Zielzeit ist sicher nicht der Brüller, das geht auch schneller, aber wen juckts…?

Auf der Heimfahrt finde ich auf einem alten MP3-Stick noch eine Nummer von Shinedown und die mache ich für heute zu meiner Hymne.

Danke an alle, die an mich gedacht haben!