Junut 2013 – Downgrade am Jurasteig

20130412_Junut_40Und wieder ist es Frühjahr und wieder bin ich für die 230 km auf dem Jurasteig gemeldet. Ein Lauf dieser Größenordnung hat etwas Selbstreinigendes, laufende Entschlackung sozusagen. Das geht sowohl an die mentale wie körperliche Substanz und somit die ehrlichste Art, seine Grenzen auszuloten. Eine ziemlich schmerzhafte Art der Selbsterfahrung. Aber was solls, manche laufen über Kohlen oder setzen sich auf Nagelbretter um ihr Bewusstsein zu erweitern.

Das Schöne an Ultratrails: Wenns passt, dann könnte es ewig so dahin gehen. Das weniger Schöne: Wenns nicht passt, gehts deshalb auch ewig dahin.

Gerhard und Margot haben wieder zur härtesten Trimm-Dich-Veranstaltung Deutschlands geladen und aus dem ursprünglich kleinen Einladungslauf einen Mords-Event mit Kultstatus gemacht. Die Teilnehmerzahl der internationalen Fitnesswilligen liegt mittlerweile bei 75 Gemeldeten in den unterschiedlichsten Distanzen (und Wertungen): 230km, 171km und 101km. Alle drei sind hart und lange, und jede hat genügend Vertikalmeter. Selbst der “kleine” 101er kommt auf drei Quali-Punkte für den UTMB. Nicht alle sind gekommen, selbst Spitzenläufer und Titelaspiranten haben gekniffen.

2012 wurde nur die komplett zurückgelegte Distanz gewertet. Gerhard hat sich aufgrund der daraus resultierenden niedrigen Finisherquote die beiden kürzeren Distanzen (171km und 101km – als eigene Wertung) aus den Rippen geleiert. Und das als Up- oder Downgrademöglichkeit während des Rennens – famos und ganz zur Freude vieler. Bekommt man im Falle zu hoch gesetzter Ziele oder durch Aufgabe, das eigene Versagen nicht ganz so drastisch vor Augen geführt und kann sich immer noch Finisher schimpfen. Die Mindeststrecke ist demnach 101km, das ist zu schaffen.

Neuerungen

Ein Upgrade gibt’s auch in der Orga: Dieses Mal sogar mit Shuttleservice, Reflektoren bei Nacht, Massagen bei km 135, mehr Verpflegungspunkte und viel mehr Zeit. Für 125 EUR Organisationsbeitrag kann man da nicht meckern. Es gibt zwei Starts, die Langsameren starten früher (Freitag 10:00) und die schnellere Truppe startet um 14:00, das ist der Logistik an den VPs geschuldet. Nach meinem Zeitlimit-Fiasko aus 2012 will ich es ruhiger angehen und melde mich für die 10 Uhr-Truppe, ankommen ist das Ziel.

Neben Margot und Gerhard wurde auch noch die nähere Verwandtschaft eingespannt und es sind zudem viele freiwillige Helfer, Ehrenamtliche, Sportvereine, Feuerwehren uvm. dabei, die sich für die Teilnehmer 2 nahezu schlaflose Nächte um die Ohren schlagen. Eine Beschreibung des Streckenverlaufs erspare ich mir und verweise hierzu auf meinen alten Eintrag aus 2012 oder ihr lest das auf der Junut-Webseite nach.

Donnerstag

Meine Frau und ich reisen schon am Donnerstag an und kommen so in den Genuss bajuwarischer Spaghetti im Gasthof Stirzer. Hier übernachten wir auch. Die können echt kochen und der bayrisch-rustikale Charme spiegelt sich neben der Einrichtung auch in der Mentalität des Personals wieder, dünnhäutig darfst Du da nicht sein. Gerhard nordet uns beim Briefing nochmal richtig ein und weist uns besonders auf Wahrnehmungen hin, die wir infolge des Schlafmangel haben werden. Ich treffe wieder viele neue Leute und natürlich die altbekannten und liebgewonnenen Freunde. Das ist schon ein komischer Haufen, unglaublich wie viele Laufkilometer da in einem Raum sitzen.

Freitag, Tag der Wahrheit

20130412_Junut_07Kurz vor dem Start gebe ich im Rennbüro in der Dietfurter Schule meine 3 Dropbags ab und hole die Startunterlagen. Gerhard hat wieder einige Sponsoren aufgetan und einige Goodies an Land gezogen: Buff, Laufshirt, Trinkbecher und einiges mehr. Der bayerische Rundfunk ist auch da und stellt die üblichen Fragen, auf die wir selber keine Antwort wissen: Warum, wieso, weshalb…

Dann bewegt sich der Pulk in Richtung Marktplatz, der Bürgermeister hält seine Rede. Er freut sich sichtlich, dass Dietfurt die Herberge dieser Exotenveranstaltung ist. Bessere Werbung geht nicht, das nächste Kaff nebenan ist sicher neidisch. Nach seinem Startschuss geht’s um 10 Uhr los und wir setzen uns in Bewegung. Es geht eher gemütlich dahin, gelaufen wird nur fürs Fernsehen, für die Anwohner und für die Presse, danach nehmen wir das Tempo raus. Gutes Posing am Start ist alles.

Zum VP1 – Riedenburg

20130412_Junut_34Bis zum ersten VP in Riedenburg läuft alles locker dahin, das Wetter scheint zu halten, ein paar Mal beginnts leicht zu tröpfeln. Guido, mein Lieblingsschweizer, will heute auch langsamer machen, der gute Vorsatz hält bei ihm gerade mal 10 Minuten und weg ist er. Mir ist die Schlappe vom letzten Jahr noch in Erinnerung und ich kann mich beherrschen.
Ich laufe schöne Trails links und rechts der Altmühl, wir wechseln oft von einem Ufer zum anderen, noch habe ich die Puste mit anderen zu reden. Nach 3:35 Stunden erreiche ich den VP Riedenburg und in der dort ansässigen Tourist-Information wird alles an Vorräten aufgefüllt. Nicht lange trödeln und ich bin wieder unterwegs.

Zum VP2 – Kelheim

20130412_Junut_55Ich laufe oft alleine, treffe aber immer wieder auf Gerhard und Uwe. Es dauert bis man seinen Rhythmus gefunden hat. Wir streifen durch herrliche Wälder, Singletrails und meistern richtige Kletterpassagen. Die machen zwar Spaß, aber sie kosten Zeit und Kraft. Hierbei werden Höhenmeter gemacht: Runter ins Tal und hoch nach Schloss Prunn. Besonders freue ich mich diesmal auf den Keltenwall vor Kelheim. Den hatte ich 2012 nur im Dunkeln erlebt und die Länge und Größe sind schon imposant. Die hatten damals Einiges zu schaufeln und alles nur, damit der Jurasteig drüberführt. Schlaues Volk diese Kelten.

Ich genieße den Ausblick auf das Kloster Weltenburg, die Sonne scheint und ich bin im Flow. Allerdings habe ich leichte Magenprobleme seit dem letzten VP, vermutlich habe ich wieder zuviel von allem gegessen. Öfter mal ein Bäuerchen machen, dann gehts schon. Dann führt der Weg runter an die Donau und auf den aus meiner Kindheit verhassten Teerweg am Klösterl vorbei nach Kelheim. Als Kind waren solche nicht endenwollende Teerwege ein Drama für mich, heute kann ich sie zwar immer noch nicht ausstehen, aber die uns umgebene Landschaft entschädigt das wieder.

Wir erreichen Kelheim und würde ich nicht Gerhard hinterherlaufen, ich würde am VP vorbeischreddern. Der VP ist abseits der Originalstrecke und die Flatterbänder dorthin wurden entfernt. Das waren sicher Halbmarathonläufer. Betty vom Staff-Team (und künftige 101er-Aspirantin) hat sie kurzfristig durch Streifen aus Bettwäsche ersetzt. Die geblümten Stofffetzen fallen einem zwar dann schon auf, aber einen Rückschluss zum Junut hätte ich daraus nicht abgeleitet, eher der Hinweis auf einen Flohmarkt oder eine Altkleidersammlung.

Und hier hatte selbst mein akribisch ausgearbeiteter GPS-Track einen Fehler und ich entschuldige mich bei allen, die deswegen falsch liefen. Leider stimmte selbst der offizielle GPS-Track oftmals nicht mit den tatsächlich ausgeschilderten Wegen überein.

Dieses Jahr liegt der VP an einer Anlegestelle an der Altmühl. Einige sind dran vorbeigeschrammt und auf Umwegen wieder zurückgekommen. Andere haben ihn einfach ausgelassen sich im Kelheimer Krankenhaus mit Wasser versorgt.
Den VP erreiche ich um 17:30 und stelle zu meiner Freude fest, dass meine Frau auch hier ist und am “Ausschank” hilft. Jetzt nur nicht jammern, das erspart mir den Satz “Du hast es ja so gewollt”. Die Verlockung, ins unweit vom VP parkende Auto zu steigen, ist schon enorm. Ich fühle mich zwar noch fit, spüre aber schon die ein oder andere Dissonanz in meinen Beinen. Ca. 50km sind bis hierher schon mal zurückgelegt.

Zum VP3 – Matting

20130412_Junut_65Ich verlasse nach einer gnadenlos leckeren Gemüsebrühe den VP und jetzt beginnt für mich ein Landschaftslauf durch die niederbayerische Einöde. Vielleicht empfinde das auch nur ich so, ich kenne die Gegend von Kind auf an, aber es passiert hier wenig die nächsten Kilometer.  Der Kelheimer Forst glänzt durch die alljährlichen Baumfällarbeiten, die den Qualitätswanderweg unter sich begraben und ich bin diesmal heilfroh, dass ich noch am helllichten Tag da rauskomme. Vergangenes Jahr hatte uns der Wald förmlich absorbiert. Auf Feldwegen und Forststraßen arbeiten wir unsere Kilometer bis Kapfelberg ab. In Kapfelberg muss bei der Wegeplanung des Jurasteigs der Planungsbeauftragte kurz eingenickt sein und mit seinem Stift aus Versehen einen Haken zuviel in die Karte geschnitzt haben. Anders kann ich mir die Wegführung nicht erklären: Steil nach oben, dann 50 Meter nach rechts, an der Dorfkneipe vorbei (so ein Zufall…) und dann wieder auf einer Treppe auf Ausgangsniveau runter…

Zwischen Kapfelberg und Poikam machen Gerhard, Uwe, Daniel, Edgar und ich uns für die Nacht fertig. Stirnlampe, Mütze, Handschuhe und zusätzliche Armlinge reichen mir. Die Wolkendecke reißt jetzt auf und der Abendhimmel offenbart den Mond als kleine Sichel und die Sterne funkeln. Im angrenzenden Wald geben die Vögel nochmal alles und es ist mystisch und ich oute mich hier mal als hoffnungslosen Romantiker. Ich sauge diese Stimmung förmlich in mich auf und das sind die Momente das Junuts, die ich so liebe. Beim Einschalten der Stirnlampen werde ich allerdings sehr schnell wieder geerdet: Gerhard hat ganze Arbeit geleistet und die Reflektoren leuchten nicht nur, sie blenden förmlich. Mit Sicherheit auf hundert Meter unübersehbar. Wir queren die Staustufe bei Bad Abbach und merken zu spät, dass wir Daniel verloren haben, das Warten ist vergeblich. Es sollte sein erster 100er werden. Wäre jetzt auch zu blöd, wenn wir ihn schon auf der halben Strecke verlieren würden. Gerhard läuft zurück und sucht ihn, später nach Bad Abbach stoßen beide wieder zu uns, Daniel musste langsamer machen und hatte sich dann in Poikam verlaufen. Außerdem schmerzt sein Fuß besonders beim Bergablaufen.

Wir erreichen um 21:30 Bad Abbach und mein ehemaliger Heimatort wirkt auf mich wie eine Geisterstadt. Tobte zu Zeiten des florierenden Kurbetriebs hier bis spät abends der Bär, gleicht der Ort jetzt eher einer verlassenen Goldgräberstadt.

Wir verlassen die Zivilisation bzw. das was davon übrig ist und ziehen weiter auf die “Oberndorfer Berge”, die kenne ich auswendig, hier war ich als Kind oft. Hier fehlen allerdings die Leucht-Markierungen. Die hat der Förster sauber wieder alle demontiert.

Ich habe mir von einer passionierten Geocacherin aus diesem Gebiet sagen lassen, dass in diesen Wäldern oft Night-Caches deponiert sind. Die werden mit Reflektorfolie versehen, um sie Nachts leichter zu finden. Leider befinden sich diese Caches oft fernab der Wege und auf nichts reagiert ein Förster allergischer, als auf Leute, die sich nachts durchs Unterholz schleichen und das Wild aufscheuchen. Es könnte deshalb durchaus sein, dass der Förster die Junut-Markierungen als Night-Caches interpretiert und entfernt hat. Andersrum kann es aber jetzt auch sein, dass viele Geocacher verzeifelt nach Night-Caches bei den Junut-Reflektoren suchen, die gar keine sind…

Der Weg nach Matting führt uns zwar immer wieder durch wunderschönes Terrain, leider ists zu finster und die dem Jurasteig zugedachten Aussichtspunkte sind um diese Uhrzeit für die Katz.. Manchmal geht’s richtig steile Rampen hoch und ich höre mich sagen “Lass das da hoch oben einen Stern sein und keinen Reflektor…” Dann spuckt uns irgendwann der Mischwald wieder aus und vor uns liegt Matting. Der Kaffee kann kommen…

20130412_Junut_67Um 22:40 erreichen wir das Feuerwehrhaus in Matting, hier warten mein erster Dropbag und die Jungs der Freiwilligen Feuerwehr. Wie im vergangenen Jahr sind die wieder extrem auf Zack und es ist schweinegemütlich, wenn auch etwas eng. Ich wechsle das Shirt, Socken und Schuhe (jetzt eine halbe Nummer größer) und wir füllen uns und unsere Vorräte auf. Daniel steigt hier aus, sein Fuß schmerzt zu sehr, nächstes Jahr halt dann, OK?
Um 23:30 ziehen wir weiter. Jin Cao, der Sieger aus dem Vorjahr ist seit 14 Uhr unterwegs und läuft just in diesem Moment in Matting ein. Er führt und wird seine Führung auch nicht mehr abgeben. Was bin ich für eine lahme Ente… Wir gehen zur Fähre und werden von der Freiwilligen Feuerwehr ans andere Donauufer gebracht. Jungs – vielen Dank für Euren Einsatz!

Zum VP4 – Schönhofen

20130412_Junut_02Jetzt führt der Weg zunächst an der Donau entlang. Es wird ziemlich frisch und es dauert, bis ich wieder warm werde. Dann folgt der Aufstieg in den Wald und ich laufe Edgar und Uwe hinterher. Dank Navi merke ich schnell, dass wir uns gerade an einer Stelle verhauen haben und müssen zurücklaufen. In diesem Moment holt uns Jin im Laufschritt ein und schon ist er an uns vorbei. Das muss ich jetzt schon mal loswerden: Nach knapp 80km Strecke eine derartige Überlegenheit demonstriert zu bekommen, das muss man erst mal verdauen. Egal, weiter gehts durch den Wald und auf einer langen und abschüssigen Forststraße lassen wir es auch laufen und machen einiges an Zeit gut. Wir queren die Straße in Alling und ziehen weiter nach Eilsbrunn. Von hier aus gelangen wir über einen Traumtrail um 01:25 zum nächsten VP nach Schönhofen.

Der VP ist dieses Jahr neu und im Naturfreundehaus untergebracht. Ich erwarte, dass hier nur ein Biertisch und ein paar Snacks rumstehen (mehr brauchts nicht, war der letzte VP in Matting gerade mal 10km her), weit gefehlt. In der gemütlichen Gaststube empfängt uns ein freundlicher Herr und der Kachelofen glüht. Wenn man es hier auch nur kurz aushalten will, muss man sich ausziehen und unsere kleine Lauftruppe ordert schon mal das erste bleifreie Weißbier. Den Zwischenstopp hatte ich so nicht auf dem Schirm, mache aber gerne mal Pause, es eilt ja nichts. In diese wärmende Zeit-Falle sind nach uns noch etliche getappt…

Zum VP5 – Pielenhofen

Um 01:50 ziehen wir weiter und bis ich mich nach dieser Bullenhitze wieder im Freien akklimatisiert habe, dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Ich friere und da kommt es mir entgegen, dass der Weg leicht abschüssig nach Etterzhausen führt. Im Laufschritt wirds mir wieder wärmer. Dank der Reflektoren finden wir in Etterzhausen schnell den Weg und verschwinden nach einer ruppigen Steigung wieder im Wald, Richtung Pielenhofen.

Ich stelle mir gerade vor, wie die Geocacher verzeifelt vor einem Reflektor an einem Gartenzaun in Etterzhausen stehen und alles absuchen…

Ich hatte diesen Streckenabschnitt aus dem Vorjahr schlimmer in Erinnerung als er eigentlich ist, das lag vermutlich daran, dass wir hier aufgrund des Zeitdrucks durchgejagt sind wie die Verrückten. Es läuft und wir sind im Flow. In Penk (auch so eine unnütze Schleife…) laufen wir aus Versehen durch einen Garten, der Hausherr schlief oder hatte seine Schrotflinte gerade nicht zur Hand (Sorry…). Ich wechsle hier nach 17 Stunden die Li-Batterien meines Dakota 20 (die Info ist für all diejenigen, die wissen wollten, wie lange die Batterien halten…), Uwe wartet so lange (Danke!) und weiter geht’s, wieder zurück in den Wald. Die Wege wechseln von Forststraße zu Singletrails und machen richtig Spaß, auch wenn mir langsam aber sicher alles weh tut. Die Beine werden schwer und die Blasen brennen. Das wird ein Gemetzel in Schmidmühlen, wenn ich die alle aufmache. Die Wege haben sich durch den Regen der vergangenen Nacht richtig vollgesogen und es ist schmierig. Laub und nasse Wurzeln machen das Ganze äußerst anspruchsvoll.

Der Stein des Anstoßes

Wir laufen auf einem Singletrail bergab und in vollem Lauf übersehe ich einen im Laub versteckten größeren Stein und haue mir den rechten Zeh frontal daran an. Dank meiner Stöcke kann ich mich abfangen und einen Sturz vermeiden. Der stechende Schmerz ist sofort da und zieht für einen Moment hoch bis ins Kreuz. Na sauber. Bergablaufen ist ab jetzt nahezu unmöglich, ich humple zunächst so dahin und hoffe mal, dass nichts gebrochen ist, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich habe beim Zehenbrechen noch keine Erfahrungswerte. Bis zum VP nach Pielenhofen sind es 3km. Also wie im Erste-Hilfe-Kurs:  Ruhe bewahren. Irgendwie komme ich schon bis zum nächsten VP und dann sehen wir weiter.

Wir erreichen um 04:35 den VP in Pielenhofen. Gerhard ist auch schon da und organisiert nebenbei einen Shuttlebus für diejenigen die hier aufhören. Aufhören habe ich so jetzt gar nicht auf dem Schirm. Ich bin zwar ziemlich alle, mir tut alles außer meiner Frisur weh, aber das vergeht, bzw. das nehme ich irgendwann nicht mehr wahr. Nach einer Suppe und mehreren Belastungsproben des rechten Fußes,  kann ich es nicht leugnen, dass ich Schmidmühlen bei km 135 nur humpelnd erreichen werde und hierzu viel Zeit benötige. Den Schuh möchte ich jetzt schon wegen der Blasen nicht öffnen. Sollte ich weiterlaufen wollen, bekomme ich ihn nicht mehr an. Und so hadere ich mit mir und der Situation. Jeder der das schon mal mitgemacht hat, weiß wovon ich rede. Und wieder laufe ich durch den Gastraum wie ein Tiger im Käfig, teste ob’s doch nicht irgendwie geht. Ich verhandle mit meinem Schicksal und muss letztendlich einsehen, dass ich es weder ins Ziel, noch die 171km-Marke und somit in die nächste Wertung schaffe. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Renn-Aufgaben bin ich jetzt relativ emotionslos. Die hat diesmal nicht mit der Überwindung eines inneren Schweinehunds zu tun. Mein Fuß entscheidet für mich und aufzuhören fällt mir daher leicht. Ich mache somit ein spontanes Downgrade auf den Junut101, nicht gerade mein Traumziel, im Kopf bin ich schon weiter, aber passt auch.

Uwe macht hier auch Schluss, er hat Probleme mit dem Kreislauf. Daniel vom Orgateam holt uns ab und wir stehen um 07:00 Uhr wieder in Dietfurt. Wir melden uns bei der Rennleitung in der Schule ab und die letzten Meter zum Hotel sind allerdings mehr als unangenehm zu laufen.

Sonntag

20130412_Junut_69Das Wetter ist sensationell, blauer Himmel, es ist warm und wir warten vor dem Eingang im Zielbereich und feiern die 230er Finisher. Irgendwann trudelt auch Gerhard ein. Sieht schlecht aus der Knabe, aber seine Augen leuchten, ein gutes Zeichen.

Am Nachmittag nochmal großes Treffen aller Läufer im Gasthof Stirzer zum Kalorien-Auffüllen (und es sind überraschend viele da), mit Lokalfernsehen, sowie politischer Prominenz. Es gibt noch Urkunden und kultige Junut-Finisher-Aufnäher. Ein wirklich schöner Ausklang, Börners sind gerührt (nicht geschüttelt), alle sind irgendwie platt. Nächstes Jahr wieder, oder?

Epilog

Was Börners da gestemmt haben ist wieder mal unglaublich. Während der gemeinsamen Laufabschnitte mit Gerhard habe ich nebenbei mitbekommen, an was da alles gedacht wurde und ich als Läufer gar nicht wahrnehme. Mein großer Dank gilt den beiden und auch den Menschen, die an den VPs ausgeharrt haben. Je länger die Strecken, umso größer wirken die entgegengebrachten Gesten und wenn es nur ein nettes Lächeln oder eine heiße Suppe ist, die man Nachts in den klammgefrorenen und zittrigen Fingern hält.

War ich letztes Jahr kritisch, bin ich diesmal philosophisch. Gerhard und Margot werden sicherlich versuchen, die nächste Auflage noch mehr zu optimieren, ich würde es nicht tun.

Das Laufen in der Natur wird oftmals nur als sportliche Leistung bzw. als Event und nicht im Sinne eines ganzheitliches Erlebens verstanden. Entgegen dem Trend der absoluten Vollversorgung und fernab einer großen, durch übermächtige Sponsoren gestützten Werbemaschinerie, stemmen die Börners und eine Handvoll Leute eine Laufveranstaltung gegen den Strom. Ganz wie die Gallier. Der längste und auch härteste Nonstop-Lauf reduziert sich auf das, worauf es ankommt: Laufen in der Natur in seiner ursprünglichsten Form und dafür Rahmenbedingungen zu schaffen. Unterstützung und Service leisten, nur wo unbedingt nötig.

Ich als Läufer möchte eine Eigenverantwortung mit all ihren Konsequenzen haben, das ist die Freiheit die ich suche und beim Junut finde. Wenn ich wie Hänsel (der von der Gretel) in einer Wiese stehe und nicht weiß wo ich bin, dann machts auch keinen Sinn die Orga anzurufen, die auch nicht weiß, wo ich bin. Ernsthafte Gedanken würde ich mir allerdings machen, wenn ich auf ein Lebkuchenhaus zusteuere.

Ich hoffe dieser Spirit der Unvollkommenheit, das Restrisiko und das Abenteuer des Junuts geht nicht durch zuviel Service verloren.

Meinen Dank an alle (besonders an meine Frau) die meine Passion unterstützen.