SWU 2013 – Führe mich nicht in Versuchung

SWU2013_30Mit dem Schwabacher Winter Ultra (SWU) die neue Laufsaison beginnen – das hat mittlerweile Kultstatus und verursacht bei der Läuferspezies erhöhte Pulszahl. Ich habe ohne zu Zögern Gerhards Einladung angenommen, dadurch einen der beliebten Startplätze ergattert und oute mich als Wiederholungstäter. Ich bin zum dritten Mal dabei und hatte mir vorher schon überlegt, ob ich überhaupt noch was schreiben soll. Eigentlich könnte ich mir alles an Schilderungen sparen, weil die Strecke und die Orga wie immer vom Feinsten ist und ihr bräuchtet nur den Text aus dem Vorjahr lesen. Nur dieses Jahr ist etwas anders – und zwar das Wetter. Während ich im vergangenen Jahr aufgrund der frühlingshaften Temperaturen ernsthaft erwog, mit FiveFingers und einer 3/4-Hose zu starten, reicht in diesem Jahr ein Blick aufs Thermometer und ein weiterer auf die weiße Pracht, um mich mit mehreren Kleidungsschichten auszurüsten. Im Rucksack nehme ich noch trockene Kleidung mit (ich bin in dieser Beziehung ein bekennendes Weichei). Kalt ja, aber kalt und nass – nein. Meine Kahtoola-Schneeketten habe ich auch dabei, man weiß ja nie.

Nochmal die Fakten

  • Privater Einladungsgruppenlauf
  • max. 40 Teilnehmer
  • Rundkurs 55,2 km rund um Schwabach im mittelscharfen Tempo, diesjährig auf geschlossener Schneedecke
  • einige zu vernachlässigende Höhenmeter hats auch
  • 4 Verpflegungsposten
  • Schnee
  • anschließendes Duschen und gemeinsames Absacken im Fitnessstudio mit Gemüselasagne

Ende Oktober bin ich mein letztes offizielles Rennen beim Albmarathon gelaufen. Normalerweise laufe ich zwei Ultras im Monat, aber ich habe mal eine Lauf-Auszeit gebraucht und mich die letzten Monate mit Regeneration, Carbo- und Lebkuchenloading, Kurzdistanzen, Materialoptimierung, sowie Extremecouching intensiv beschäftigt – kurzum: Ich war stinkfaul. Umsomehr war ich gespannt, ob ich die so optimierte Energie heute umsetzen kann oder ob ich nach 15km einbreche und stattdessen heimlich eine Abkürzung laufe um dann einen auf Sieger zu mimen.

Die erste Herausforderung war auch gleich die größte. Der nach ein paar Autobahnkilometern bei Minus 6 Grad einsetzende Eisregen hätte mein heutiges Laufabenteuer beinahe zunichte gemacht. Die letzten Kilometer vor Schwabach fahre ich nahezu an jedem Parkplatz raus und kratze das Eis von der Scheibe. Hier treffe ich auch Jürgen aus Steinenbronn, der sich ebenfalls mit dem Eiskratzer an der Frontscheibe vergeht.

Am Schwabacher Fitnesscenter eingetroffen, halten sich die Wetterkapriolen aber dann in Grenzen und das sollte es für den Rest des Tages auch an Niederschlägen gewesen sein, ab und zu lässt sich sogar die Sonne sehen. Hier treffe ich wieder jede Menge bekannte Gesichter. Torsten, Jörg, Uwe, Armin, Bettina, Daniel aus der Schweiz… das wird sicher wieder kurzweilig. Bernd ist auch da und mit dabei eine erlesene Auswahl an lauffreudigen Hunden.

SWU2013_03Margot sorgt wieder fürs Catering und eilt von VP zu VP. Gerhard hat die Strecke leicht optimiert, ich bin gespannt. Um 10 Uhr, gleich nach dem Startfoto geht’s los. Raus aus der Stadt und rein in den Pulverschnee. Es ist ein Traum, ich laufe doch so gerne im Schnee… Wie immer durch Wälder, Singletrails, Feldwege, Forststraßen. Ich komme mit vielen ins Gespräch. Die Saisonplanung ist ein großes Thema, jeder hat Pläne Ziele und Ideen. Die Zeit vergeht wie im Flug und der erste VP nach 11km in Kammerstein ist erreicht. Gleich vorab – Catering und Orga sind wie immer vorbildlich.  Da sind Profis am Werk. Das alkfreie und kühle Erdinger wird bei den Temperaturen allerdings zum Ladenhüter, aber der Tee ist reichlich vorhanden und nicht minder lecker. Ich muss viel trinken und essen, sonst geht mir in ein paar Kilometern der Brennstoff aus. Danach laufen wir weiter Richtung Abenberg. Ab und zu gibt’s ein paar Tempoverschärfungen und wir haben im Schnee ordentlich zu kämpfen. Laufen im Schnee strengt unglaublich an, es läuft sich wie im Sand. Ich habe mittlerweile meine Kahtoolas übergezogen und dadurch besseren Halt, aber schneller werde ich deshalb auch nicht.

SWU2013_35Gerhard deutet in Abenberg den Weg zur Burg an um ihn aber dann doch nicht einzuschlagen. Grund: Wir sind zu langsam und hängen ziemlich im Zeitplan hinterher. Grundsätzlich ist das kein Problem, aber abends wird pünktlich gegessen, also sparen wir uns das Gemäuer und gehen gleich zur Verpflegung über. Ist mir auch lieber, ich hab Durst und Hunger. Nachdem die Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr aller Beteiligten gestillt ist, machen wir uns wieder auf dem Weg. Allerdings klaut uns Gerhard erneut ein paar Meter der bisherigen Route durch den Abenberger Wald und kürzen geringfügig ab. Aufgrund der Kälte und Schneeverhältnisse ist ihm keiner böse. Laufen bei der Kälte ist ja schön und gut, aber Ankommen ist auch nicht schlecht.

Wie immer nach den Verpflegungspausen kühle ich runter wie ein Kühlschrank und brauche erst mal drei Kilometer bis ich wieder bis in die Fingerspitzen warm werde, dann läuft’s. Zum ersten Mal sehe ich diese Landschaft im Schnee und die hat ihren eigenen Reiz. Wir trotten schweigend und in Gedanken versunken in stiller Betrachtung der Gegend dahin und sind im Flow. Wir laufen über herrliche Singletrails an der Aurach entlang, der liebe Gott ist mit Sicherheit ein Trailer und wusste bei der Schöpfung, dass ich hier mal langlaufe.

Kurz vor Büchenbach verhaut sich Gerhard, unser Local-Guide und wir laufen falsch. Wir hätten links weg müssen, laufen aber geradeaus. Ich seh’s noch auf meinem Navi, aber eher bringst Du einen Ozeandampfer zum Stehen, als eine Horde unfehlbarer Trailläufer. Irgendwie kriegen wir dann mit geballter Navigationspower die Kurve, landen wieder auf der Originalstrecke und trudeln in Büchenbach beim nächsten VP3 ein. Ein paar Meter Umweg, aber egal, jetzt ist wieder Verpflegung angesagt.

Der SWU nimmt jetzt den Lauf der ungeahnten Verführungen, denen es ab jetzt gilt zu widerstehen:

Die Versuchung – 1. Teil: Bahn fahren

Während wir uns mit Leckereien abfüllen ruft Margot die Losung in die Runde, wer aussteigen möchte, aus welchen Gründen auch immer, der könne das hier bequem machen. Ein Transport zur Büchenbacher S-Bahn-Station sei schnell organisiert und man erreicht von dort aus den Schwabacher Bahnhof und ist nur ein paar Fußminuten entfernt vom Startpunkt am Fitnesscenter. Ein wirkliches unmoralisches Angebot – ich ertappe mich bei dem Gedanken, jetzt frisch geduscht im warmen Fitnesscenter bei einem alkoholfreien Weißbier zu sitzen, den anderen auf dem Laufband zuzusehen oder Biathlon im TV zu gucken und drauf zu warten, dass der Rest der Läufer eintrudelt. Netter Versuch, Margot, ich laufe weiter, in 3km ist’s mir wieder warm und dann läufts wieder.

Wer hätte gedacht, dass ich mich jetzt noch solchen Versuchungen ausgesetzt sehe.

Die Versuchung – 2. Teil: Die schnelle Truppe

SWU2013_36Wir erreichen Kilometer 42 und hier machen wir das obligatorisch-traditionelle Gruppenfoto an der Marathonmarke bei der Sonnenuhr. Gerhard teilt die Gruppe in eine schnelle und eine langsame Truppe. Die schnelle läuft die Originalstrecke und die langsame eine gekürzte Variante bis zum nächsten VP, letztere wird in jedem Fall früher am VP sein. Die Gruppe die ich gerne hätte gibt’s nicht:, nämlich die Originalstrecke langsam laufen. Netter Versuch (diesmal von Gerhard), ich widerstehe dieser Versuchung und hänge mich mit der von mir gewohnten Selbstüberschätzung an die schnelle Truppe. In dieser Gruppe läuft übrigens Ildikó, die Siegerin des Zugspitzultratrails 2012 und die lässts krachen, nur Bernds Hunde sind schneller… Ich kann diesen Sprint bis zum nächsten VP gut mithalten, aber jetzt wird mir erst bewusst, dass mein Rucksack für solche Speedattacken zu schwer ist. Ich wundere mich über mich selbst, dass es doch so flüssig läuft und wie viel Energie noch in mir ist.

Wir erreichen den VP4 in Gerhards Einfahrt. Es ist angerichtet und wir plündern das reichhaltige Büffet ein letztes Mal. Ich begehe den Fauxpas Pfefferminztee mit Apfelschorle zu mischen. Eine Geschmacksexplosion die mit einer Magenspülung mithalten kann. Aber der Durst treibt’s rein und der Anstand lässt’s drin.

Auf geht’s zum Endspurt. Wieder zwei Gruppen. Diesmal entscheide ich mich für die langsame Truppe. Ein Powersprint reicht mir.  Die Schnellen sind relativ flott aus unserem Blickfeld verschwunden und wir setzen uns in Richtung Ziel in Bewegung.

Die Versuchung – 3. Teil: Abkürzung oder Original?

Wir verlassen Penzendorf, unterqueren die A6 und ich stelle mich schon mal auf den Förster ein, der uns vergangenes Jahr am liebsten über den Haufen geschossen hätte, als Gerhard einen anderen Weg einschlagen will. Ich hatte nicht mitbekommen, dass die langsamere Gruppe wieder etwas verkürzt läuft um den Vorsprung der schnellen Gruppe zu kompensieren. Diese kognitive Fehlleistung ist bestimmt eine Nebenwirkung des Pfefferminztees. Irgendwie zieht’s mich auf die Originalstrecke in den Wald, ein paar anderen geht’s auch so. Navi habe ich, so kann nichts schiefgehen und schnell scharen sich noch 5 weitere Läufer um mich.

Der 3. Versuchung, erneut abzukürzen, widerstanden, laufen wir rein in den Wald und in einer Schleife an der Schwabach entlang. Es wird finster, ich werde langsam schlapp und bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob die eben getroffene Entscheidung heute meine beste war. Mit meinen klammen Fingern schalte ich jetzt auch noch das Navi versehentlich aus, statt dessen Beleuchtung ein. Neustart, das dauert und alle müssen warten, sorry. Wir laufen der Schwabacher Zivilisation entgegen und neben mir läuft Uwe. Irgendwie ein vertrautes Gefühl, wir sind den Schönbuch-Ultra zusammen gelaufen und sind wieder eine Seilschaft im Leiden. Nach über 7 Stunden an der frischen Luft kann ich es nicht leugnen, dass ich einer heißen Dusche und der Gemüselasagne mehr abgewinnen kann, als der Kälte und dem Knirschen des Schnees unter meinen Sohlen. Vorbei an der Stadtkirche, heute wartet kein Empfangskomitee,  ist auch besser so, wir fallen ohnehin schon genug auf. Jetzt noch den Rest durch die Innenstadt, dann quer durch den Stadtpark und der SWU 2013 ist nach 7:40 Stunden Geschichte.

Nach einer heißen (!!!) Dusche im Fitnesscenter und einem vollen Bauch packt Gerhard noch in die Trickkiste und zaubert ein paar Geschenke hervor, die er an Bedürftige verteilt. Immer wieder ein Spaß. In geselliger Runde erzählen wir uns noch Geschichten vom Laufen und künftigen Abenteuern. Mit am Tisch sitzt Daniel vom North-Face-Store, er ist heute seinen ersten Ultra gelaufen und das im Winter – Respekt.

Fazit

Was soll ich noch sagen? Erst mal Danke an Gerhard und Margot dass ihr das wieder möglich gemacht habt und ich dabei sein durfte. Zu sagen, es hat wieder alles gepasst, wäre schlichtweg untertrieben. Man kann es nicht toppen. Ein nicht minder großes Lob an alle Garagenbesitzer rund um Schwabach, die uns Unterschlupf während der Fütterung haben zuteil werden lassen. Danke auch an alle Sponsoren. Ich hoffe es gibt eine 5. Auflage…