Gmünder Winterspiele – Albmarathon 2012

Geil war’s und gleich vorab: Ich habe keine Fotos gemacht. Wer wissen will, wie’s aussah und zuging, der lege seinen Kopf für eine halbe Stunde ins Eisfach eines Kühlschranks seiner Wahl und halte sich anschließend ein weißes Blatt Papier vor die Nase und beschreibt was er sieht. So ähnlich war’s…

Tags zuvor lese ich noch Unwetterwarnungen und bin echt gespannt, was auf mich zukommt:

Den Albmarathon bei schönem Wetter hatte ich ja oft zur Genüge. warum sollte sich die Veranstaltung nicht mal in die Reihe der diesjährigen Sauwetter-Läufe einreihen. Der Freizeitläufer hat ja die Erwartungshaltung, dass der Albmarathon Ende Oktober mit leuchtenden Farben und einer grandiosen Aussicht auf die drei Kaiserberge aufwartet. Bei Wind und Wetter zu laufen macht einem erfahrenen Ultraläufer eigentlich auch nichts aus. Beides allerdings, nämlich die Erwartung des goldenen Oktobers und die Tatsache im Schneematsch zu laufen, lässt sich nicht deckungsgleich bringen.

Im Zwiebellook am Start

Entsprechend ausgerüstet stehe ich auch am Start. Ich trage schichtenweise Klamotten unterschiedlichster Dicke, Funktion und Länge, Handschuhe und meinen Olmo 5-Rucksack mit Wechselklamotten auf dem Rücken. Später habe ich davon zwar nichts benötigt, aber es beruhigt ungemein zu wissen, dass ich nochmal in den Kleiderschrank greifen könnte, wenn es hart werden würde. Einige meiner Mitläufer auf dem langen Kanten laufen auch figurbetont mit kurzen Klamotten, warum auch nicht. Das Wetter ist erwartungsgemäß schlecht, es graupelt und ab Wäschenbeuren soll der Schnee liegen bleiben, so der Sprecher. Das klingt gut: Schnee und Kälte machen mir nichts aus, Regen und Kälte hingegen schon. Bei den Schuhen überlegte ich noch, ob ich meine Membrantreter rausholen oder in den leichteren und besser profilierten Crosslites laufen soll. Mehr Profil ist bei der zu erwartenden Schneemenge sicher von Vorteil. Für diesen Anlass ziehe ich extra ein nagelneues Paar an, damit ja kein Millimeter Profil verloren geht – ich glaube das war ein Fehler…

Der Start

ist diesmal in der Bocksgasse, ebenso der Zieleinlauf. Es ist ungemütlich eng, ich stehe ungewohnt weit vorne und komme nach dem Startschuss zumindest relativ schnell in die Gänge. Die Strecke ist wie jedes Jahr gleich und führt aus der Innenstadt hinaus in die Prärie. Ich bin ziemlich flott unterwegs, entweder ich will es hinter mich bringen oder ich will einfach nur schneller laufen damit mir warm wird, soweit bin ich mir noch nicht schlüssig, stehe aber hierzu mit mir noch in Verhandlung. Bis ins Beutental laufe ich einen 5er-Schnitt, weiß aber, dass ich das bei dem Profil auf Dauer nicht durchhalte. Der erste Verpflegungsposten bietet neben den üblichen erfrischenden Kaltgetränken, passend zur Witterung auch warmen Tee an. Ich beschließe, dass dies heute fortan mein bevorzugtes Getränk sein wird. Hoch zum Wäscherschloss ist die Schlagzahl immer noch hoch und nach 11 km bin ich erst 1 Stunde unterwegs. Für mich ist das ziemlich flott und dann bin ich auch schon beim nächsten Verpflegungsposten – it’s Tea-Time.
Mir ist klar, dass 2 Wochen nach dem Schönbuch-Ultratrail keine Rekordzeit für mich drin ist, aber dennoch möchte ich gerne schneller vorankommen. Die Sicht ist gleich Null und die geschätzten 70 Meter reichen gerade mal zu erahnen, wo es ungefähr hingeht.

Waschküche Wäschenbeuren

Hier bleibt der Schnee liegen, es hat eine geschlossene Schneedecke, der Sprecher am Start sollte Recht behalten. Die Wege und Straßen sind noch relativ frei und es läuft sich verhältnismäßig moderat. Beim Aufstieg zum Hohenstaufen ist Winter angesagt. Geschlossene Schneedecke bis ganz nach oben. Der Wind peitscht mir die Schneekristalle in die Pupille, dass es eine wahre Freude ist. Der Aufstieg ist wie gewohnt hart und ich muss mir das erste Mal eingestehen, dass ich meinem 100-Meilen-Lauf im Schönbuch doch noch Tribut zollen muss. Mehr als ich mir zunächst eingestehe.

Hohenstaufen

Während ich letztes Jahr hier nahezu jede Steigung hochgelaufen bin, muss ich jetzt öfters Gehpausen einlegen. Auf dem Gipfel des Hohenstaufen passieren wir so schnell wie möglich die Wendemarke, die Aussicht ist nicht zu sehen – nichts wie runter vom Berg. Die Strecke wurde diesjährig geändert und sie führt zunächst wieder bis zum Fuße des Hohenstaufen und dann um den Berg rum. Die Streckenänderung wurde ja vielfältig diskutiert, letztlich ist es egal wie wir runterkommen, Hauptsache wir waren oben. Allerdings ist auf der Pendelstrecke manchem Läufer unklar, wer nun links oder rechts läuft. So habe ich oft Mühe, nicht in entgegenkommende Bergaufläufer hineinzulaufen.

Sturmfrei

Den Weg auf dem Asrücken entlang, rüber zum Rechberg, sieht man maximal 50 Meter und der Wind haut mir die Schneeflocken um die Ohren, dass es eine wahre Freude ist. Klingt grausig, aber mir taugts. Langsam schleicht sich allerdings ein leichter Schmerz im rechten Vorfuß ein, den ich zunächst nicht beachte. Er macht aber immer penetranter auf sich aufmerksam, besonders wenn ich Steigungen hoch laufe. Steigungen sind bei dem lauf an der Tagesordnung und die kann ich ja schlecht mit der Ferse laufen, also beiße ich die Zähne zusammen und hoffe darauf, dass ich den Schmerz überlaufen kann. Irgendwann gibt er’s schon auf. Hätte ich doch nicht die neuen Schuhe nehmen sollen?

Rechberg

In Rechberg steht die Blaskapelle und hupt uns wohltemperiertes deutsches Liedgut entgegen. Die sind mindestens genauso hart drauf wie wir. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen die sonst immer bei der Reiterleskapelle, aber bei dem Wetter konnten sie sich vermutlich beherrschen. Der Weg hoch zum Rechberg wird für mich langsam zur Qual. Hier muss ich ordentlich Federn lassen, jeder Schritt bei dem ich den rechten Fuß belaste, sticht durch das ganze Bein und ich überlege ernsthaft, ob ich auf dem Gipfel des Rechbergs bei KM25 einfach rechts raus gehe und das Ganze beende. Andererseits will ich aber weiterlaufen und hoffe darauf, dass der Schmerz irgendwann wieder aufhört. Außerdem ist ein DNF auf meiner Hausstrecke heute überhaupt keine Option, ich würde mich hinterher nur ärgern und mich unnötig dem Gerede bei uns im Dorf aussetzen…, also weiter.
Auf dem Rechberg angekommen bin ich sogar 4 Minuten schneller als vergangenes Jahr und nach einem halben Liter Tee, eiskalten Bananen und eingeschneitem Weißbrot bin ich schon wieder auf dem Weg nach unten. Der ist heute definitiv zu glatt und zu glitschig, als dass ich da noch im Laufschritt was reißen könnte. Also tapse ich vorsichtig nach unten. Leider ist das der gleiche Weg, den auch die 25km-Finisher nach Beendigung des Rennens zum Bus nehmen und sie beanspruchen die schneefreie Ideallinie leider für sich… Mitunter ists so rutschig, dass ich selbst dem Profil meiner neuen Schule nicht so recht traue. Bergab und auf der Ebene bin ich schmerzfrei und das lässt hoffen – na also geht doch.

Stuifen

Leider hält das Wohlbefinden nicht lange. Am Fuße des Stufen angekommen, beginnt der schlimmste Teil dieses ganzen Rennens für mich. Jeder Schritt hoch wird zur Qual und ich muss viele Läufer vorbei lassen. Und das ausgerechnet auf meinem Lieblingsberg, den ich normalerweis hochjogge. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich nicht schon auf dem Rechberg den Schuhlöffel abgegeben habe.
Aber es hat hat keinen Sinn zu jammern, ich bin hier in der Einöde, das Wetter ist scheiße und ich kann mich und mein Selbstmitleid schon nicht mehr leiden. Oben angekommen herrscht der absolute Winter und die Kälte ist das Einzige was mich jetzt von meinem Fußschmerz ablenkt. An der Wendemarke geht’s wieder schmerzfrei runter, zunächst über Trails und dann auf der Straße nach, Richtung Tannweiler. Mir grausts schon vor der nächsten Steigung hoch zur Kapelle und versuche eine Gehtechnik zu (er-)finden, mit der ich möglichst schmerzarm diesen Drecksberg hochkomme. Urspünglich wollte ich ja unter 5 Stunden ins Ziel kommen, aber so wie das aussieht, muss ich heute ordentlich Federn lassen und mein einziges Ziel ist: Nur noch ankommen. Die Kälte verbietet es aber, mich allzulange im Gehen zu verlieren, zu schnell kühle ich aus.

Die Wendung

Nach der Wendemarke bei Kilometer 36 beginnt nicht nur im Kopf, sondern auch streckenmäßig der Rückweg und ich entwickle einen schmerzfreien Laufstil. Die Bergabpassagen kann ich gut nehmen und davon gibt es ja jetzt viele. Torsten R. kommt mir auf der Pendelstrecke entgegen und außer einem Grunzlaut und einem Lächeln gelingt uns witterungsbedingt keine tiefergehende Kommunikation – da sind wir auch schon aneinander vorbei.
Jetzt läufts und am Verpflegungsposten in Waldstetten wage ich nochmal einen Blick auf die Uhr, mir wird aber schnell klar, dass ich das heute nicht unter 5 Stunden schaffe, schade – aber was soll’s. Auf der Straße laufe ich nahezu schmerzfrei und merke jetzt erst wieviel Kraft noch in mir steckt. Bis nach Strassdorf kann ich noch einige Plätze gut machen und sogar noch wesentlich frischere Staffelläufer überholen. Das bringt mir zwar nichts, aber fürs Ego ists nicht schlecht. Die sonst so eintönige 5km lange Bahntrasse zurück nach Gmünd kann ich diesmal richtig genießen. Der Untergrund und die leichte Neigung der Trasse lassen mich jetzt schnell vorankommen und ich kann sogar bis runter in die Stadt einen 5er-Schnitt laufen. Am Ende der Bahntrasse geht’s am letzten Verpflegungsposten rechts zurück in die Innenstadt. Leider führt der Weg diesmal nicht durch den Stadtgarten,  aber das ist gerade das geringste Problem, das sich mir stellt. Ich erreiche das Ziel nach 05:05:04. Das passt. Nach der Medaillenüber- und Zeitchiprückgabe flöße ich mir noch ein alkoholfreies Weißbier ein, das will aber gar nicht so richtig schmecken, es ist einfach zu kalt. Im Prediger wärme ich mich erstmal auf, ziehe mir trockene Wechselklamotten an und lerne Torsten K. von Facebook kennen. Wir reden kurz und erfreuen uns unserer kürzlich geleisteten Heldentat. Die Kälte sitzt allerdings tief und ich muss erst mal Kohlehydrate nachlegen, bevor ich mich von meiner Frau abholen lasse. Auf dem Nachhauseweg treffe ich Torsten R., er ist eben ins Ziel eingelaufen. Leider ists mir zu kalt um mich noch ausgiebig zu unterhalten, das holen wir nach :-).

Fazit

Diesmal war der Albmarathon ein klassischer Winterlauf mit viel Schnee und Dreck – nicht mehr und nicht weniger. Die Orga war wie immer klasse, die Verpflegungsposten hilfsbereit und freundlich, der Tee eine Wohltat – großes Lob an alle!! So was können die jetzt gerne auch im Winter mal organisieren, dass sies drauf hätten, haben sie bewiesen.