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Voralpenmarathon 2012

2009 und 2011 war ich bereits am Start und dieses Jahr bin ich es wieder – Wiederholungstäter für die 51km-Strecke. Dem geneigten Leser meines Blogs dürfte nicht entgangen sein, dass ich bekennender  Allgäufan bin. Das Land vor den Alpen hat auf mich mit seinen weichen Landschaftswogen eine besondere Anziehung. Es läuft sich da schön, es ist nicht zu steil, man kann sich aber dennoch getrost die Kante geben, wenn es einem danach ist. Der Allgäuer Eingeborene ist zudem ein überaus freundlicher und gemütlicher Zeitgenosse. Außerdem kommen aus dieser Ecke Deutschlands viele namhaften Ultra(Trail-)Läufer. Das liegt sicher am Grundwasser und der Luft. Mit dabei ist zum ersten Mal meine Frau, die sich über die 15km-Strecke an künftige Distanzen heranwagt. Für heute habe ich keine Lauftaktik. Ich kenne die Strecke vom letzten Mal, weiß wo ich einen Gang zurücknehmen muss und wo es von alleine läuft. Außerdem muss ich bedingt durch die schönen Ausblicke einen Chill- und Fotografierfaktor mit einplanen. Des weiteren fürchte ich, dass mir der Sardona-Ultratrail vom vergangenen Wochenende mit seinen Höhenmetern noch im Nacken bzw. in den Beinen sitzt.

Das Preis-/Leistungsverhältnis ist unschlagbar gut. Die Startertüte ist mit Gutscheinen für Duschen und Pasta, sowie einem Medipack und anderem Material gut gepackt. Das Shirt für die Ultras ist mit dabei und wenns gut läuft, die Medaillie für die heimische Alteisensammlung. Das kann sich schon mal sehen lassen. Die Anfahrt sowie die Parkplatzsuche klappen reibungslos, die Schrecksekunde ereilt mich allerdings kurz vor dem Start, als ich meine Geldbörse vermisse. Ich laufe mehrmals zum Auto und zurück und bin schier am verzweifeln. Ein ehrlicher Finder (oder eine Finderin) haben ihn an der Rezeption der Jufa bereits abgegeben. Tausend Dank hierfür!!!

Am Start

Durch diese Aktion bin ich nicht nur auf einen Schlag hellwach, sondern auch bereits warmgelaufen und komme dennoch rechtzeitig zum Startschuss. Meine Armlinge sind schon am Start überflüssig. Das Wetter passt, es ist kühl, bewölkt mit einigen Löchern in der Wolkendecke und es verspricht trocken zu bleiben. Tags zuvor sah das anders aus, da goss es wie aus Kübeln. Wettertechnisch wirds für mich heute fast schon langweilig: Keine zu befürchtenden Schneefälle in den oberen Lagen, keine drohenden Rennabbrüche, keine Startverschiebungen, keine Umwege bzw. Evakuierungen wegen Überflutungen und keine Frostbeulen wegen eines plötzlichen Kälteeinbruchs. Das sind die Probleme die Stadtmarathonis nicht nachvollziehen können…

Los geht’s

Um 09:00 Uhr starten wir raus aus Kempten, durch den Park und ab in die Prärie. Dann folgt gleich eine meiner Lieblingsstrecken, der Trail im Wald. Noch joggen wir locker hier hoch. Der Regen vom gestrigen Tag hat ihn ziemlich aufgeweicht und das Wasser läuft uns in Bächen entgegen. Nach 5km der erste VP. Trinken ist wichtig, der Rest muss warten. Im Gegensatz zu vielen meiner Mitläufern übersehe ich leider das Schild, auf dem steht, dass ich meinen Becher in die Landschaft werfen muss und entsorge ihn stattdessen in einem aufgestellten Müllsack. Hoffentlich hat das kein Nachspiel, aber es hat keiner gemerkt und so laufe ich weiter, als wäre nichts gewesen. Der Blender (1040m) ist schon in Sichtweite und der Weg dorthin führt über Pfaffenried und über eine Asphaltstraße unterhalb von Wiggensbach. Langsam gewinnen wir an Höhe und die Ausblicke werden immer besser.

Love me Blender…

…love me sweet. Die Nummer von Elvis ist gerade so ziemlich das Letzte was mich den Berg leichter raufbringt. Zum Vorjahr gibt’s eine Streckenänderung: Statt Waldtrail geht’s über Eschachberg eine Flurstraße im Direktweg nach oben. Nachteil: Weniger Trail, Vorteil: mehr Aussicht während des Aufstiegs. Gehen hilft, nur nicht stehenbleiben. Ich mache jede Menge Fotos, aber die Lichtverhältnisse sind zu extrem und für Bilder ala Ansel Adams ist meine Kamera einfach zu schrottig (Memo an mich: Unbedingt geldigen Sponsor für Kamera suchen). Oben mit viel Halali angekommen, stören wir einen gerade beginnenden Berggottesdienst. Ziemlich peinlich für alle Beteiltigen und für mich eine Premiere. Ich bin noch nie durch einen Gottesdienst gelaufen. Petrus straft diese Form der Blasphemie mit ein paar Regentropfen – wir haben die Warnung verstanden und machen uns sofort vom Acker bzw. Berg.

Zunächst über einen Trail, dann über eine Straße ereichen wir den nächsten VP in Wegscheidel (km11) – nachtanken, essen und weiter. Auf der Straße führt uns die Strecke etwas eintönig nach Eschach. Einzig die Aussicht hier entschädigt ein wenig. Es geht stetig leicht hoch, irgendwo müssen die 1500 Höhenmeter ja herkommen. Die Steigung ist nicht sonderlich schwer, aber zum Laufen ist’s etwas mühsam, ich nehme einen Gang raus und gehe die schweren Passagen. Bis zum nächsten VP bei KM15 führt im Wald eine Forststraße hoch und hier gehen jetzt alle. Laufen macht hier weder Sinn noch Spaß. Wieder kurz verpflegen und dann die Abzweigung auf die 50er Runde hoch zum höchsten Punkt auf ca. 1120m. Jetzt wird’s ein wenig ruhiger, um nicht zu sagen einsamer. Ab und zu überholen Staffelläufer grußlos mit einer sagenhaften Leichtigkeit und einem süffisanten Lächeln, dass ich ihnen am liebsten ein Bein stellen oder einen am Wegrand liegenden Stein hinterher werfen möchte. Ich bin neidisch, gebe ich zu…, andererseits: wer langsamer läuft hat mehr davon.

Diese Waldstrecke macht Spaß, immer leicht bergab, am Wildbach entlang und ich mache schon wieder Fotos. Genau wie vergangenes Jahr. Mit sportlichen Ambitionen starten und dann mit der Kamera auf’s richtige Licht warten, so wird das nix mit dem Streckenrekord… Vereinzelt blinzeln jetzt die Sonnenstraheln durch’s Blätterdach und es hat den Anschein, als würde es endgültig aufklaren. Der nächste VP im Kürnachtal bei KM21 gestaltet sich für mich eher spartanisch. Ein kurzer Snack im Vorbeigehen, trinken, ein kurzer Plausch mit den netten Leuten hier und weiter. Jetzt kommt eine 180-Grad-Kehre, dann verläuft der Weg auf einer Forststraße wieder hoch. Die eben verprassten Höhenmeter wollen wieder erklommen werden.

Die Steigung ist anfangs für mich noch gut zu laufen, mittendrin sind aber Passagen, da muss ich meiner geschundenen Physis vom letzten Wochenende Tribut zollen und gehen. Der VP auf der Schwedenschanze (KM25) ist dennoch bald erreicht und nach einer Stärkung stellt sich beim Weiterlaufen auch wieder so etwas wie ein Flow ein – es läuft. Bis zum nächsten VP im Eschachtal verlieren wir wieder alles an gewonnenen Höhenmetern und das letzte Teerstück bis zum dortigen VP lässt mich das Vorhandensein von Schmerzrezeptoren in den Waden und Oberschenkeln in Erinnerung bringen. Die VPs sind im Übrigen strategisch sehr gut positioniert, Durststrecken gibt’s dadurch nicht, lediglich hat mir wieder das Salz gefehlt, das wurde mir vergangenes Jahr schon versprochen…

Hoch zur Alpe Wenger Egg

Die nächsten Höhenmeter warten und die legen wir jetzt weiter auf sich hinziehenden Forststraßen zurück, das ist zuweilen schon etwas öde, aber ist halt so. Dafür ist nach Erreichen des höchsten Punkts und der grandiose Ausblick bei der VP Alpe Wenger Egg (KM33) Entschädigung für alles Vorangegangene.
Nett ist auch die folgende Begebenheit am dortigen VP: Ich habe das Shirt vom VAM 2009 an und da stehen Kinder mit ihrem Opa: „Opa, auf dem Shirt steht 2009“. Für meine Antwort, dass ich seit 2009 unterwegs bin und für meine Frage, welches Jahr wir denn gerade hätten, ernte ich große Augen und Bewunderung. So lange bis Opa das klarstellt, Spielverderber. Am VP laufe ich wieder Gefahr rumzutrödeln und durch das Stehenbleiben und Fotografieren werde ich Läufer für Läufer nach hinten durchgereicht. Die folgende Aufholjagd kann ich nicht wirklich als solche bezeichnen, da der Regen den Weg komplett unter Wasser gesetzt hat.

Vorsichtiges Waten ist angesagt, ab und zu flucht einer, wenn er so richtig tief im Morast versinkt. Erschwert wird das Vorankommen durch den Gegenverkehr an Wanderern, denen das vollkommen egal ist, was das hier für eine Veranstaltung ist. Sie finden das eher belustigend, was es letztendlich auch ist.
Der Weg wird wieder besser, der Blender ist wieder zur Linken zu sehen und wir nähern uns unaufhaltsam der Zivilisation. Dann ist Downhill über eine Wiese zum Eschacher Weiher angesagt und die schlimmsten Peaks sind erst mal geschafft, ein kleiner kommt noch. Über Feldwege laufen wir nach Buchenberg und auf einem geschotterten Weg bis nach Ermengerst. Die Strecke verläuft bretteben und ich kann hier sogar noch einen 5er Schnitt laufen. Den VP in Ermengerst  (KM47,8) beanspruche ich diesmal nicht, die paar Kilometer bekomme ich auch noch so hin. Ab und zu überhole ich einen krampfgeplagten Läufer, der dehnt was das Zeug hält. Danach holt er mich wieder ein, weil er, wenn er mal läuft, schneller ist als ich. Dieses Spiel geht bis zum Anstieg vom Mariaberg, dem letzten Peak dieses Rennens. Ich gebe ihm ein Gel von mir, ich weiß zwar auch nicht ob’s was geholfen hat, aber umgebracht hat’s ihn sicher auch nicht.

Apropos Mariaberg: Letztes Jahr war ich ja wenig begeistert von dieser letzten Steigung, diesesmal bin ich echt froh, als es endlich bergauf geht. Die monotone Laufbewegung auf der Ebene empfinde ich belastender als jeden harten Trail. Durch den Anstieg werden wieder andere Muskelpartien angeprochen und es klingt vielleicht in den Ohren mancher pervers, aber: Das tut richtig gut.
Nach soviel Verzückung will ich aber nicht verschweigen, dass der Anstieg schon nochmal ordentlich zwickt, oben angekommen, habe ich aber nochmal einen richtig schönen Blick auf Kempten und die umliegenden Berge und das Ziel kann ich schon hören. Jetzt noch durch den Wald hinunter. Hier wurde der Weg ordentlich „entschärft“. Die letzten Male als ich hier lief, war noch wüstes Wurzelwerk und man musste Schritt für Schritt aufpassen. Jetzt laufe ich zum Teil auf Kies und kinderwagentauglichem Untergrund. Vermutlich haben sich hier schon manche böse verletzt, wundern würde es mich nicht.

Jetzt noch durch den Park und dann geht’s über die Straße dem Zielbogen entgegen. Ich fotografiere noch vor dem Zieleinlauf den Zielbogen und sorge damit für Erheiterung beim Sprecher. Dann habe ich nach 5:31:32 das Ziel erreicht und bin angenehm überascht, bin ich doch um ganze 16 Sekunden (!) schneller als im Vorjahr. Haben sich die ganzen Entbehrungen, die Ernährung, das harte Training und die akribisch renntaktische Planung der vergangenen Monate doch noch ausbezahlt. Nicht auszudenken wie sich das im Laufe der Jahre noch steigert… 🙂

Fazit

Was soll ich sagen? Passt alles. Besser geht’s nicht. Ein Landschafts(ultra)marathon wie er sein muss. Vielen Dank an die ganzen netten Helfer und Vereine für den Support an den VPs.

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