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Sardona Ultratrail

80km und 6400 Höhenmeter

– da juckts unsereins gewaltig in den Beinen, oder? Nimmt man Ultratrails wie die Boucle in Verbier (110km), UTMB TDS (110km) oder den Zugpsitzultra (101km) als Vergleich und stellt sie dem Sardona-Ultratrail (SUT) gegenüber, sind die Höhenmeter in etwa identisch. Der SUT schafft das allerdings über eine wesentlich kürzere Distanz. Durch die gestauchte Gesamtdistanz ist der Anteil an Strecke an denen man es mal laufen lassen kann, relativ gering. Entweder hoch oder runter. Das Höhenprofil des SUT unterstreicht dies eindrücklich und erstickt die Hoffnung auf ein paar horizontale entspannte Kilometer sofort im Keim.
Wäre da nicht das diesjährige ultralauffeindliche Wetter welches so nahezu jeder Ultratrail-Veranstaltung einen Strich durch die Rechnung macht, so auch hier: Der frühe Schneefall bis in die tiefen Lagen hat auch das Sarganserland nicht verschont. Somit ist die ursprünglich geplante Route nicht gefahrlos laufbar. Schnee, der in höheren Lagen vereist ist, bedeutete beim TdG schon das vorzeitige Aus. So weit wollte man das bei der Erstauflage des Sardona Ultratrail erst gar nicht kommen lassen und man entschied bereits im Vorfeld das launische Höhenprofil zu entschärfen und die Strecke zu ändern. Wie und wohin sollten wir am Renntag erfahren.

Morgenstund…

…halt endlich deinen goldnen Mund. Ich reise am Morgen an, auch wenn mir 03:45 Uhr zum Aufstehen definitiv zu früh ist. Die Talstation der Pizolbahn ist gleich gefunden. Die ersten Höhenmeter zur Bergbahn lege ich stehend im Aufzug zurück. Die nächsten Höhenmeter schaffe ich dann sitzend in der Seilbahn bis zur Bergstation Furt und dies in kurzweiliger Gesellschaft des hiesigen Lokalreporters. Er erzählt mir ein paar Hintergründe zum Lauf, zur Gegend und ich glaube er findet das spannend was und wer hier heute läuft.
Oben angekommen hole ich mir noch die Startnummer und das Starterpaket, lasse gleich meine Ausrüstung kontrollieren, das wars. Hier treffe ich Guido, Daniel und viele weitere Lauffreunde. Umberto Michelucci himself nimmt für fast jeden nochmal ein Individualbriefing vor, was die Streckenänderung angeht. Ich merke sofort, dass der für „seinen“ Lauf brennt. Das sind allesamt Läufer und keine Bürokraten, die das hier veranstalten und mittragen, das merkt man hier sofort an der ganzen Stimmung. Die Hingabe spiegelt sich auch im Starterpaket wieder. Da gibt es neben Trinkbecher, einem Schuhsack, Aludecke auch so kleine Details wie z. B. ein wasserdichtes Tütchen fürs Handy und anderen Kleinkram. Die Liebe zum Detail spiegelt sich auch bei den farbig ausgedruckten Karten wieder, die eigens in einer aufklappbaren Folie untergebracht sind. Da bin ich auch schon beim Thema:

Karte und Strecke

Umberto nimmt seinen Kuli, streicht erst mal aus der 6 seitigen Karte die Seiten 2 – 5. Aha, viel ist ja jetzt nicht mehr übrig. Dann setzt er nochmal den Stift an und streicht aus den verbliebenen Karten nochmals einige Passagen raus. Wenn er jetzt so weitermacht, bleibt nichts mehr übrig und dann können wir uns den Rest auch gleich sparen. Dann setze ich mich im Finishershirt auf die Dachterasse des Hotels und genieße den Tag anderweitig. Aber weit gefehlt, Umberto erklärt mir in italienisch angehauchtem Deutsch seinen Plan: Hoch zum Garmil (2003m), runter nach Weisstannen (1004m), dann wieder hoch nach Untersäss (1361m), dann hoch bis auf (2270m) und dann bis zur Spitzmeilenhütte (2087m). Die gleiche Strecke wieder zurück, insgesamt ca. 70km und 5000HM. Das klingt jetzt alles nicht sonderlich begeisternd, zweimal die gleiche Strecke… aber ich will laufen und werde später darüber urteilen. Leider sind die berühmten Bergseen nahezu komplett weggefallen, aber Sicherheit geht nunmal vor. Konsequenterweise wurden auch die Cutoffzeiten vorverlegt (gerechnet ab Start):

  • Weisstannen 4 Stunden
  • Spitzmeilehütte 10 Stunden
  • Weisstannen retour 14 Stunden
  • Furt/Ziel 21 Stunden (vorher 26 Stunden)

Alles nur Kopfsache

Ich bin jemand, dem legst Du eine Karte hin und ich laufe los, verfüge über einen ausgeprägten Orientierungssinn und habe mich bisher selten verlaufen. Die jetzige Streckenänderung kann ich allerdings auf die Schnelle nicht mehr nachvollziehen und ich zerbreche mir auch keinen Kopf mehr darüber. Ich werde den anderen hinterher laufen bzw. die Führenden vor mir hertreiben und verlasse mich auf Markierungen. Mein GPS ist auch relativ nutzlos ohne Track, was solls, ich will los.
Das Wetter ist gut und die Sonne kämpft sich zunehmend durch den Hochnebel. Die Temperaturen liegen um die 8-10 Grad und sind damit nahezu ideal. Es soll den ganzen Tag trocken bleiben. Mir gehts gut, brummt aber seit der Anfahrt der Kopf und hoffe dass das wieder vergeht, liegt vermutlich am Wetter.

Start

Der Startschuss fällt aufgrund der ausführlichen Kontrolle der Pflichtausrüstung 5 Minuten später und dann geht’s los. Erst ein Stück runter, dann der Aufstieg zum Garmil. Hier habe ich endlich mal die Gelegenheit das Rheintal in seiner ganzen Schönheit zu sehen. Beim Liechtensteinmarathon bin ich die letzten Jahre komplett in Regenwolken gelaufen und immer abgesoffen. Jetzt könnte ich dem Fürsten von hier aus winken, will ich aber nicht..
Dann fällt mir ein, dass ich mein SPOT-GPS nicht eingeschalten habe, die Daheimgebliebenen wollen ja wissen wo ich stecke, kurze Pause. Ich werde durchgereicht und danach beginne ich eine nervige Aufholjagd. In meiner Leistungsklasse will ich ja nicht überholen um Plätze gut zu machen, sondern um mein Tempo zu laufen und meinen Rhythmus zu finden. Andererseits bin ich ohnehin wieder zu schnell unterwegs und muss drosseln. Wir erinnern uns: Ich kenne ja die Strecke nicht und weiß nicht was mich erwartet.

Garmil – Gamidauer Kamm

Oben auf dem Garmil angekommen, fotografieren Daniel und ich uns gegenseitig – Beweissicherung ist wichtig, dann im Laufschritt runter nach Gaffia zum ersten VP. Ein kleines Stück kann ich es wirklich laufen lassen, am VP werden kurz die Wasservorräte nachgefüllt und dann beginnt der Anstieg zum Baschalvasee. Davon sehen wir leider aufgrund des Hochnebels nicht allzuviel, ich fotografiere trotzdem, vielleicht kann Photoshop noch was retten. Wir gewinnen weiter an Höhe und queren den Gamidauer Kamm (2280m).  Ab jetzt geht’s nur noch runter bis Schwendi, mit 908m der tiefste Punkt des Sardona Ultratrails.

…und runter

Mein Enthusiasmus wird auf zweierlei Weise gedämpft. Zum einen brummt mein Kopf immer mehr und jeder Schritt abwärts kommt im Hirn doppelt schmerzhaft an und zum anderen: wo ich einen Weg erwartet hätte, ist eigentlich keiner. Ab und zu ist mit Sprühfarbe auf Gras etwas markiert aber wir laufen großteils durch zerfurchte Grasflächen. Schnelles Laufen ist nicht – Trail pur. Die Markierungen sind leider nur schwer zu erkennen, dennoch macht’s Spaß. Ich fürchte allerdings bei jedem Schritt, geschützte Wildpflanzen zu zertreten. Als Kind ist mir der respektvolle Umgang mit der Natur eingebläut worden und heute erfülle ich damit einen Tatbestand, der mir in Deutschland vermutlich mehrere Jahre Freiheitsentzug einbringen würde.

Wir gelangen zur Alp Gamidauer und laufen erst mal alle geradeaus. Einer läuft falsch und alle hinterher, Markierung nicht gesehen und schon ist’s passiert. Nun stehen wir wie Weidevieh in der Pampa und beginnen nach Markierungen zu suchen und schwärmen aus. Nach 5 Minuten findet einer wieder einen Weg und wir laufen wieder. In steilen und ausgewaschenen Pfaden erreichen wir nach Verlust von einigen Höhenmetern eine wunderschöne Alm. Ab Oberprecht verläuft die Strecke jetzt auf einer Forststraße in Serpentinen hinunter ins Tal. Hier bin ich wieder mit Daniel unterwegs und wir nehmen im Laufschritt Fahrt auf. Die kurzweilige Unterhaltung mit Daniel lässt mich insgeheim nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich das gleiche Stück heute Abend wieder hoch muss. Nach ein paar Kilometern verlassen wir bei Unterprecht den Forstweg und verlieren nahezu im freien Fall die nächsten Höhenmeter. Im Wald hält sich die Nässe der letzten Tage bekanntlich länger und die Wege sind nur noch Morast. Je mehr wir in tiefere Lagen kommen, umso lauter wird ein undefinierbarer Lärm. Das klingt wie hundert kaputte Waschmaschinen: Albabfahrt. In Schwendi komme ich gerade noch über die Straße, als die Kühe mit ihren Glocken anrücken. Das ist schon ein faszinierendes Spektakel.

Schwendi

Dann führt uns die Route ein paar Höhenmeter nach oben und durch den Wald in Richtung Weisstannen. Jetzt spielt uns die Markierung an einigen Stellen einen ordentlichen Streich. An Weggabelungen sind Trassierbänder vorher angebracht worden, anstatt nachher. Das ist etwas ungünstig und in der Gruppe teilen wir uns auf. Einer läuft hoch, ein anderer runter und irgendwann schreit einer, dass eine Markierung gefunden wurde. Wir sammeln uns und wir laufen wieder weiter. So geht’s einigermaßen. Ich wundere mich gerade über diese etwas eigenwillige Art zu markieren, bis ich des Rätsels Lösung habe: Dieser Streckenteil war ja ursprünglich dazu gedacht, andersherum gelaufen zu werden. Wenn man die Markierungen aus der anderen Richtung betrachtet passt’s. Der Rückweg kann also entspannter angegangen werden.

VP Weisstannen

Wir erreichen das kleine idyllische Dorf Weisstannen und den Verpflegungspunkt mit Vollversorgung.  Ich versorge mich mit allem was da ist (und das ist reichlich). Daniel hat ein Problem der ganz anderen Art. Er vermisst seine Stirnlampe. Auf der Serpentinenstraße wies uns ein Läufer daraufhin, dass Daniels Rucksack offen ist. Vermutlich ist’s da passiert und nun ist er ohne Erleuchtung unterwegs. Ich habe normalerweise immer zwei dabei, aber heute nicht. Laut Regelwerk wäre das das Ende des Rennens, wäre da nicht noch ein hilfreicher Läufer der ihm eine Lampe leiht. Mich freut’s, dass er weiter kann.

Ich will jetzt nicht lange trödeln und laufe weiter. Es geht aus dem Ort raus und talaufwärts am Fluss entlang. Die Markierung ist auch hier wieder Glückssache, deshalb hänge ich mich mal an zwei Schweizer dran, ganz nach dem Motto: Keiner stirbt unbeaufsichtigt. Mein Kopf wummert und ich komme heute nicht so recht voran, bin relativ schnell aus der Puste. Die Strecke ist gemessen an dem was ich sonst laufe eigentlich nichts wovor ich Manschetten hätte. Das kenne ich gar nicht von mir, ich bin einfach nicht fit, das ist nicht mein Tag, Blei an den Füßen und Watte im Kopf. Egal.

Untersäss – Fansfurggla

Wir queren ein paar Elektrozäune und in Vorsiez wechseln wir zur anderen Talseite und laufen die Serpentinenstraße hoch bis zum nächsten VP nach Untersäss. Gels, Riegel, Wasser. Mehr brauchts hier auch nicht. Ein paar nette Worte gewechselt und wir laufen weiter bis Obersiezsäss. Jetzt rechts weg und ab in den Trail. Jetzt geht’s rund. Der Aufstieg über die Fansfurggla hat es in sich. 700 Höhenmeter und der Weg ist eine einzige Morastveranstaltung. Ich kann Kuhscheiße von Dreck nicht mehr unterscheiden, ist auch vollkommen egal. Meine Frau lässt mich mit den Schuhen ohnehin nicht mehr ins Wohnzimmer auf die Couch. Die beiden Führenden kommen mir im Sturzflug entgegen – möge die Schwerkraft mit euch sein. Deren Blick für die herrliche Landschaft beschränkt sich nur noch auf die nächsten 2 Meter und Grunzlaute beim Ausatmen interpretiere ich als Gruß. Trailrunning hat viele Facetten. Der zunehmende Pendelverkehr macht mich irgendwie mürbe, wird mir doch bei jedem Entgegenkommenden vor Augen geführt, wie langsam ich heute bin. Ich laufe wie mit angezogener Handbremse, habe keine Orientierung. Weder wo es hingeht noch wie lange es bis zur Spitzmeilenhütte dauert. Fragen will ich auch nicht, die Antworten könnte ich vielleicht nicht hören wollen.

„Gleich hast Du’s“

Ein einfaches „gleich hast Du’s“ von einem entgegenkommenden Läufer tut gut, ist aber glatt gelogen, wie sich gleich herausstellt – aber es hilft. Ich erreiche den höchsten Punkt auf 2270m und von da an laufe ich über eine Hochebene der Wendemarke entgegen. Dieser Abschnitt hat etwas Mystisches und durch den Nebel wirkt diese karge Landschaft gespenstisch. Ich quere Bachläufe und da ruft mir auch schon einer aus weiter Ferne zu. Es ist mein Schweizer Lauffreund Guido. Er springt wie ein Gummiball voller Energie durchs Gemüse und ist unglaublich flott unterwegs. Seine Augen leuchten und sagen mir, dass er das Rennen unter 12 Stunden rocken will. Wir machen ein Pflichtfoto und weiter geht’s für jeden in eine andere Richtung.

Spitzmeilenhütte und retour

Ich erreiche um 15:30 Uhr die Spitzmeilenhütte. So, jetzt erst mal Pause und etwas essen, alles an Vorräten auffüllen. Wieder unglaublich nette Menschen die sich in der Kälte den Hintern abfrieren. Zum einen ist’s die warme Suppe und zum anderen sind es die netten Gespräche und Gesten die mich wärmen. So, Halbzeit, jetzt geht’s zurück.
Auch wenn es jetzt die gleiche Strecke ist, ist es andersherum doch nochmal anders. Der Weg ist zwar der gleiche, aber die Ausblicke auf die Berge die ich bislang im Rücken hatte sind einzigartig. Jetzt gibt auch mein Kopf endlich ein wenig Ruhe und ich laufe über die Hochebene, treffe hier noch Daniel und Thomas und laufe beim Downhill die Fansfurggla hinunter zu alter Form auf. Jetzt überhole ich auch wieder Läufer und kann es auf der Serpentinenstraße ins Tal hinunter erstmals richtig krachen lassen. Die Sonne steht schon tiefer und durchflutet das Tal mit warmem Licht. Ideales Fotowetter, wenn ich nur eine hochwertigere Kamera hätte…

Ich erreiche Vorsiez und schreddere knallhart an einer Markierung vorbei. Nach 500m ruft mir von einer Almwiese eine Gruppe Jugendlicher zu und winkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die mich kennen und nur grüßen wollen ist eher gering und als sie dann auch noch in die Richtung deuten aus der ich gerade komme, ist mir alles klar: Kehrtwende und die Markierung suchen. Gefunden – und diesmal korrekt abgebogen. Kurz vor Weisstannen stehe ich wieder an einer Weggabel und weiß nicht weiter. Ich warte auf die nachfolgenden Läufer und wir laufen gemeinsam auf Verdacht mal rechts, das stimmt dann auch und nach einem Kilometer lande ich letztendlich zum zweiten Mal am VP in Weisstannen.
Hier unterhalte ich mich mit den beiden Jungs vom Posten. War klar, das sind auch Läufer. Ein Deutscher, der in der Schweiz wohnt und ein Schweizer (der auch in der Schweiz wohnt). Sie machen das, weil sie dem Ganzen mal etwas zurückgeben wollen und die Sache gut finden. Lobenswerte Einstellung die meinen Respekt verdient.

Das Unvermeidbare

So, ich fülle alles (mich inklusive) noch mal auf und dann kommt das Unvermeidbare. Der letzte Anstieg. Auf der Originalstrecke wäre dies der letzte Anstieg vor dem Ziel. Der Weg bis dorthin führt erst mal nach Schwendi und dabei verliere ich nochmal ein paar Höhenmeter (und Zeit, weil ich eine Markierung nicht finde). Dann stehe ich vor diesem Berg und den zu erklimmenden 1300m Vertikaldistanz. Das sieht von unten schon imposant aus. Die Sonne leuchtet die oberen Lagen zum Abschied noch mal wunderschön an und dann packe ich es an. Durch den Abstieg am Morgen weiß ich was jetzt kommt und ich zerlege den Anstieg in 4 Etappen:

Im ersten Viertel gibt’s nur morastige Pfade. Ich gehe langsam, alles andere macht keinen Sinn. Vor mir ein Schweizer als Pacemaker (Danke!). Wir sind ohne ein Wort zu sagen eine Seilschaft im Leiden. Meter für Meter arbeiten wir uns hoch. Mein Höhenmesser in meiner Uhr ist Gold wert, er vermittelt mir das Gefühl nach oben zu kommen.

Wir nähern uns dem zweiten Viertel, der Serpentinenstraߟe, als mein Handy läutet. Mein Crank-Klingelton passt so gar nicht in die Szenerie. Es gibt keinen unpassenderen Moment, als jetzt zu telefonieren. In Unterprecht nehme ich das aber zum Anlass, um mich fertig für die Nacht zu machen. Meine Frau macht sich Sorgen, weil sie mich per SPOT die gleiche Strecke zurücklaufen sieht. Ich kann sie beruhigen – alles im grünen Bereich. Frische Klamotten, Stirnlampe, Energieriegel und hoch geht’s alleine und im Stechschritt die Serpentinenstraße hinauf. Um mich rum sieht alles absolut gigantisch aus. Der schwarzblaue Nachthimmel hebt sich von den Silhouetten der Berge scharfkantig ab. Keine Wolke am Himmel, die Sterne funkeln und – Max allein im Wald. Kurz vor Oberprecht steht noch mal ein Posten und bietet Wasser, Riegel und Gels. Ich verlasse die Straße und wechsle auf den Trail.

Jetzt kommt das dritte Viertel und hier kämpfe ich mit dem Weg, der Steigung und mit mir – hoch bis zur Alp Gamidauer. Im Schein der Stirnlampen sieht man übrigens hervorragend die Pflöcke mit den Leuchtmarkierungen. Am Tag absolut unscheinbar, reflektieren Sie in der Nacht umso mehr einem schon auf 300 Meter entgegen. Umberto sollte mal den Tuffli anrufen, aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt kommt das letzte und hochalpine Viertel. Der Weg ist mühsam über die zerfurchten Wiesen. War es bergab schon kein Spaß, bergauf ist’s auch keiner. Wir rotten uns in kleinen Gruppen zusammen und wuchten uns steile Rampen hoch. Irgendwann ist’s geschafft und 2 Mann vom SAC empfangen uns oben. Wir laufen noch ca. 500m bis zum endgültig höchsten Punkt am Gamidauer Kamm. Man lässt mir den Vortritt beim Abstieg und laufe los. Ich bin schnell unterwegs und sehe bald keinen mehr hinter mir und dann mache ich was, auf das ich mich die ganze Zeit gefreut habe: Ich schalte meine Stirnlampe aus, verweile kurz bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und genieße die Aussicht unter einem glasklaren Sternenhimmel. Die Sterne erscheinen zum Greifen nah, es ist absolut still und im Tal leuchten die Lichter. Ein atemberaubendes Panorama. Ich möchte jetzt trotz Wettkampf nicht mit denen tauschen, die noch vor Anbruch der Nacht im Ziel waren.

Noch 4km…

…bis ins Ziel, vorbei am Skilift auf einem breiten Schotterweg nach unten. In den tieferen Lagen zieht der Nebel auf und macht sogar manche Leuchtmarkierung unsichtbar. Das ist jetzt kein großes Problem mehr, runter ist immer richtig. Dann sehe ich das Ziel schon und bald bin ich auch durch. Mit 14:22 Stunden habe ich mich nicht mit Ruhm bekleckert, aber dafür war ich länger an der frischen Luft.
Im Hotel sitzen viele Läufer, jeder wird begrüßt und beklatscht. Ich setze mich noch zu Guido und anderen netten Läufern, wir spinnen Läufergarn, erzählen von unseren Abenteuern, auch von denen die wir noch erleben werden und bin nach einer Portion Pasta erst mal abgefüllt und zufrieden.
Später werde ich noch von einem netten Schweizer Streckenposten ins Tal zu meinem Auto gefahren. Vielen Dank!

Fazit:

Eine äußerst familiäre Veranstaltung die vom Enthusiasmus des Veranstalters bis hin zum Streckenposten getragen wird. Man merkt da ist jeder dabei und will das Beste. Die Orga klappt, die Verpflegung ist optimal für einen Trail und die Ausweichstrecke war mehr als nur entschädigend. Ich hoffe das wird wiederholt und ich freue mich auf die Originalstrecke – ich bin am Start.
Aber es gibt auch Potential nach oben: Der SUT erhebt nicht zuletzt wegen der Höhe des Stargeldes den Anspruch auf Professionalität und deshalb dürfen auch trotz der überwiegenden positiven Momente Anmerkungen zur Optimierung erlaubt sein:

Ein von vielen Läufern während des Laufes angesprochener Punkt ist die Markierung. Hier ist noch Luft nach oben und Optimierungsbedarf. Engmaschigere Markierungen wären nicht nur bei bei schlechten Sichtbedingungen vorteilhaft. Weiße Trassierbänder fallen nicht immer auf und bei Abzweigungen wären farbige Bodenmarkierungen bzw. Richtungspfeile hilfreich.

Für das gibt’s keinen Punktabzug, wir haben alle nach Hause gefunden und das ist wichtig. Punktabzug gibt’s vermutlich nur aus Frankreich vom UTMB-Komitee… das werden keine 3 Qualipunkte…

6 Kommentare

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  1. Stephanie Lieb

    Vielen lieben Dank für diesen tollen Bericht, der es möglich macht, noch lange in Erinnerungen zu schwelgen! Wir (Verena und ich) hatten so ein schönes Wochenende, und dazu haben alle beigetragen: Umberto mit seinem freundlichen Wesen, die vielen gut gelaunten Helfer, der einsichtige Wettergott, die wunderschöne Landschaft und nicht zuletzt alle anderen supernetten „Ultratrailverrückten“! Was für ein Wochenende! ;-)))
    Ich werde diese Veranstaltung gerne wärmstens weiterempfehlen!

    Herzliche Grüsse,
    Stephanie

    1. trailmaxx

      Danke! 🙂 Und nächstes Jahr die lange Kante!
      Viele Grüße
      Max

  2. Joel Wiesli

    Hallo.
    Wir möchte mich ebenfalls für deinen super Bericht bedanken.
    Es war ein super Trail und wir hoffen das alle und noch iel mehr nächstes Jahr wider erscheinen.

    Mit sportlichen und freundlichen Grüssen

    Das Mountaintours Team

    http://www.mountaintours.ch
    kontakt@mountaintours.ch

    1. trailmaxx

      Gerne bin ich wieder dabei!

  3. Umberto Michelucci

    Hei super Bericht! Danke viermals. Freue mich das du spass gehabt hast.

    Wegen verbessrung Potential (markierung und mehr) habe ich alles schon notiert für 2013 🙂 Ich bin schon am planen. Wird viel besser.

    Danke fürs kommen und bis 2013!

    Gruss,
    Umberto

    1. Samuel Nef

      Der Bericht ist super und danke für die Fotos. So konnte ich die wunderbare Landschaft nochmals geniessen.

      Dem OK nochmals 1000Dank! Ich bin schon einige Ultras im In- und Ausland gelaufen. Für eine Premiere war dieser Lauf mehr als gut organisiert. Die Markierung war an einigen Stellen sciherlich nicht gerade super. Aber Hand aufs Läuferherz, hätten wir besser geguckt, hätten wir uns nicht verlaufen. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Austragung und werde brav trainieren, damit ich beim nächsten Mal nicht so ins Schwitzen kommen 🙂

      Umberto du bist mein OK-Gott – freue mich in nächster Zeit einmal mit dir eine Runde zu laufen!

      sportlichen Gruss
      Samuel

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