Allgäu Panorama Ultramarathon

Ein normaler heißer Sommer heißt heutzutage “Hitzewelle” und wie könnte es anders sein: Gerade an diesem Wochenende hats extrem viel Sommer. Die Medien haben endlich einen Grund das heißeste Wochenende 2012 auszurufen und alle von körperlicher Anstrengung abzuhalten. Irgendein greifbarer Mediziner darf dazu sein Gesicht in die Kamera halten, um die Wetterlage auch mit der nötigen Dramatik zu untermauern.
Und wer steht am Start zu 70km und 3000 HM? Ich – und ich sehe mich als Sonderkommando Sonnenkopf (SOKO “Soko”). Anstatt am empfohlenen Badeweiher zu weilen, ein Eis zu essen oder mich im Garten wundzuliegen, laufe ich einen Ultratrail. Mit mir ignorieren diese Empfehlungen noch einige andere Verrückte – willkommen im Club.

2008 lief ich zum ersten Mal in Sonthofen die Marathondistanz und war angetan von der Landschaft, der Orga, den Leuten. Mittlerweile hat sich auch der seit 2009 hinzukgekommene Ultra zu einem festen Bestandteil gemausert. Die Jahre drauf hat er leider nie richtig in meinen Terminkalender gepasst, er fand immer ein paar Tage vor dem UTMB statt und da war mir mehr nach Tapering als nach schinden. Dieses Jahr passt’s und ich habe zwei Wochen vor dem UTMB nochmal eine “Trainingseinheit” im Allgäu. Soweit der Plan.

Tags zuvor gibt’s im Kletterzentrum des DAV die Startnummern, die Pastaparty und das Briefing. Es gibt viel fürs Geld: Einen ordentlichen Freizeit-Rucksack, ein Buff, Medaillien für Finisher, das “Steinmandl” für die Ultras, Kostenfreier Eintrit ins Wonnemar und vieles mehr. Das Preisleistungsverhältnis bin ich nach meinen Schweiz-Eskapaden gar nicht mehr gewöhnt. Axel Reusch hat sicher einen außerordentlich guten Draht zu Sponsoren und nicht zuletzt dadurch auch die Teilnehmerzahl diesmal über die 1000er-Marke gehievt.

Nach einer kurzen Nacht auf dem Parkplatz des Wonnemar-Bades schäle ich mich um 04:45 aus dem Schlafsack und bin vollkommen neben der Rolle. Ich habe zwar alles am Abend zuvor zurechtgelegt und gepackt, aber ich trödle rum und kein Handgriff sitzt. Wenig später stehe ich dann doch am Start, treffe noch einige Lauffreunde und dann gehts um 06:00 nach einen unhörbaren Startschuss ab in die Prärie.

Heute eilts nicht. Mein Ziel ist: Ich will im Ziel ankommen, circa 10,5 Stunden brauchen und im Ziel meinen für mich reservierten (!!!) Liter Erdinger Alkoholfrei trinken. Ich muss aufpassen, damit ich nicht zu viele Körner verschieße und lange für die Regeneration zum nächsten Abenteuer brauche. Zwei Minuten nach dem Start muss ich in die Büsche  – war klar, wer kennt das nicht…? Ich komme als letzter vor dem Besenradler wieder auf die Strecke. Bei Schumi wirkt das spektakulärer als bei mir, wenn er das Feld von hinten aufräumt. 3 km läufts flach dahin bis Hüttenberg – ab dann hoch. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, bei den Temperaturen ists noch gut zu laufen. Nach 9km an der Weltcuphütte gibts erst mal Wasser. Ich fülle meine beiden Trinkflaschen auf und tanke ordentlich nach.

Die Streckenbeschaffung beim APM lässt sich so beschreiben: Teerstaße, Forststraßen Wanderwege und Singletrails – alles dabei. Vom Teer hat es für meinen Geschmack allerdings manchesmal zuviel des Guten, mir ist Dreck lieber. Die Teer-Situation wird einem dann besonders in der Mittagshitze bewusst. Der Vorteil: Man kann dadurch auch mal “Strecke” machen. Ich laufe heute mit dem Olmo 5 und zwei 0,5l Flaschen, sowie mit Stöcken. Letztere habe ich dabei um das nochmal über längere Distanzen zu trainieren.

Irgendwann erreichen wir den Weiherkopf und auf Schotterwegen gehts hinunter zum Schwabenhaus und dann rüber zum Gasthof Hörnlepass. Hier treffe ich auf Bernd, wir kennen uns vom Junut und er läuft in etwa das gleiche Tempo. Allerdings haben wir einen unterschiedlichen Laufrhythmus, treffen uns aber mit einer nicht planbaren Präzision an jedem VP wieder.
Die Landschaft ist traumhaft, immer wieder der atemberaubende Blick in den “Kessel” und als Fixpunkt der Grünten in der Ferne. Wir kommen an so vielen schönen Stellen vorbei, die ich im Nachhinein alle gar nicht mehr bewusst im Einzelnen benennen kann. Es läuft und ich bin im Zeitplan. Bergauf gehe ich, ansonsten wird in mäßigem Tempo gelaufen. Glücklicherweise ist die Strecke bis Oberstdorf großteils im Wald auf der sonnengeschützten Seite. Schade dass im Österreicher Abschnitt ab dem Hörnlepass so viel auf Straße gelaufen werden muss. Was mir heute allerdings tierischen Spaß bereitet, sind die Gesichter der mir entgegenkommenden Touristen. Wir müssen aussehen wie Exoten. Von ungläubigen Blicken bis hin zur Bewunderung ist alles dabei. Ich komme mit vielen ins Gespräch und nahezu alle feuern uns an. Nach dem VP am Söllerck geht’s auf den Naturerlebnisweg und über Holzbohlen durch den Wald. Traumhafte Gegend.

Beim Abstieg nach Oberstdorf höre ich schon von weitem den Badebetrieb des Naturbads Freibergsee. Ich mache ein Foto und mich überkommen schon Zweifel ob meines heutigen Tuns. Ein Sprung ins kühle Nass wäre jetzt eine echte Alternative. Der Weg nach unten führt jetzt auf eigenartigen “Treppen” und wildem Wurzelwerk nach unten. Weiter oben höre ich jemanden stürzen und gleich gibt er auch wieder Entwarnung – alles ok. Aber es macht Spaß und ich werde wieder wacher im Kopf.  Unten in der Ebene angekommen führt die Strecke raus aus dem Wald und in der prallen Sonne rein nach Oberstdorf bis zur Skisprungarena. Das Ganze zehrt ordentlich. Um 12:30 bin ich am VP in der Erdinger-Arena, werde sogar vom Stadionsprecher namentlich erwähnt. Eine Ehre die zuweilen nur den Hochleistungsskispringern zuteil wird. Es sind keine Zuschauer da, deshalb hält sich der gewohnt frenetische Jubel über mein Eintreffen auch in Grenzen.

Die Erdinger-Arena wird ihrem Namen mehr als gerecht. Es gibt Alkoholfeies Weißbier. Ich glaubte ein Zischen beim Runterschlucken vernommen zu haben… Achja: Wer will, kann hier aussteigen, verlockende Angebote über die Aussicht auf einen klimatisierten Shuttlebus schlage ich aus. Man kann sich hier aber auch die Beine massieren lassen. Soweit kommts noch. An dem Tag an dem ich mich während eines Laufs massieren lassen muss, bestelle ich auch gleich einen Treppenlift für zuhause. Bernd ist auch hier, wir fotografieren uns wieder gegenseitig und er zieht weiter. Mein Plan ist, hier ca. 30 Minuten Pause zu machen, ordentlich zu essen und zu trinken. Ich nehme Wasser auf und um 13Uhr bin ich wieder auf der Piste. Ganz im Zeitplan, na also klappt doch. Ich rechne mit 3,5 Stunden bis zum Ziel, da es jetzt nochmal ein paar Höhenmenter zu machen gilt und die Hitze immer schlimmer wird. Ich muss das Tempo rausnehmen.

Ich bin auf dem Weg Richtung Gaisalpe und habe einige Höhenmeter hinter mich gebracht, als das nahende Unheil seinen Lauf nimmt: Es ist unerträglich heiß, meine Software arbeitet nur noch im abgesicherten Modus. Die Hardware tut noch. Es geht leicht bergab und ich beginne wieder zu laufen. In einem Waldstück passe ich nur kurz nicht auf und dann ist’s auch schon passiert. Ich stolpere in vollem Lauf über eine Wurzel und fliege in hohem Bogen hin, überschlage mich und bleibe erst mal liegen. Ein Wanderer und ein Läufer eilen herbei um zu sehen ob alles ok ist (nochmals danke!). Ich kann alles bewegen, taste mich ab, Glück gehabt, nix verstaucht oder gebrochen, das hätte mir noch gefehlt. Nach eingehender Schadensbegutachtung habe ich einige Schürfwunden und Prellungen entdeckt, aber nichts Ernstes. Ich gebe Entwarnung und wir ziehen alle wieder unserer Wege. Durchatmen. Später mustere ich mich mal so von oben bis unten: Das Knie ist aufgeschlagen, Prellungen und Schürfwunden überall und ich bin voller Dreck. Jetzt sehe ich wirklich aus wie eine harte Trailsau: Schweiß, Dreck, Blut und angetrocknetes Salz überall.

Ich laufe weiter und dann kommt so langsam der Schmerz. Der salzige Schweiß läuft in die Schürfwunden und die Prellungen am rechten Arm tun weh. Das ist nicht weiter tragisch, wäre ich nicht mit Trailstöcken unterwegs und jede Erschütterung macht sich jetzt bemerkbar, ich will aber auch nicht drauf verzichten. Die Schmerzen haben aber auch einen großen Vorteil. Durch die Verlagerung tut mir sonst nichts mehr weh und ich laufe wieder lockerer. Dann kommt die im Briefing angekündigte Holzfäller-Stelle: Die Waldarbeiter haben gewütet und dicke Baumstämme werden, gepaart mit meinen Blessuren zu unüberwindbaren Hindernissen. Als wäre es nicht schon genug, habe ich jetzt an den aufgescheuerten Händen auch noch klebriges Baumharz. Jetzt fehlt nur noch dass man mich teert und federt. Weiter. Endlich erreiche ich die Gaisalpe. Hier renoviere ich mich wieder einigermaßen, wasche mir den schlimmsten Dreck weg und ziehe weiter.

Dann geht’s endlich hoch zum Sonnenkopf, noch mal ein VP mit Wasser und jetzt kommt alles zusammen: Es ist unerträglich heiß, mir tut alles weh und es geht zunächst in praller Sonne einen Schotterweg direkt noch oben. Aus dem Tal kommt jetzt zusätzlich noch heiße Luft schwallartig nach oben. Die Strecke ist an sich nicht so schlimm, aber die Kombination aus Hitze, den bereits zurückgelegten Kilometern und meinen Wehwehchen verlangt mir alles ab. Dabei wollte ich nicht unbedingt ans Limit gehen, aber ich bin nah dran. Insgeheim wollte ich mich aber vielleicht auch schinden und komme jetzt endlich auf meine Kosten, wer weiß. Von weitem vernehme ich schon die Crew vom Gipfel des Sonnenkopfs, die die Läufer anfeuern. Laute Anfeuerungsrufe die immer deutlicher werden. Irgendwann bin ich dann oben und habe fertig. Definitiv. Kurze Pause, Bernd ist auch da. Auch er hat temporär fertig. Kurzes gemeinsames Jammern, Foto von Bernd mit Gipfelkreuz, Foto von mir mit Gipfelkreuz, noch ein paar Salzstangen und einen Becher Wasser – weiter gehts. Der nächste VP ist 1,5km  Luftlinie weg und wir sehen ihn vom Gipfel aus schon.

Dann erst mal runter vom Gipfel und raus aus der Sonne. Hinein in den Wald und auf schönen Wanderwegen weiterlaufen. Jetzt läuft’s wieder und es ist beachtlich, wie schnell ich mich nach dem Gipfelsturm erhole. Bergab melden sich jetzt meine ganzen Prellungen wieder und ich muss Gas rausnehmen. Am nächsten VP beneide ich das Standteam, die Aussicht ist herrlich von hier oben. Kurz was essen und weiter geht’s. Ab jetzt nur noch 8km runter, das Wonnemar ist zumindest schon sichtbar. Jetzt wird das Ganze wieder zum Straßenlauf und ich komme wieder in den Autorun-Modus. Ihr kennt das: Man läuft, hängt irgendwelchen Gedanken nach und nimmt rundherum nichts mehr wahr. Ich nenne es mal Runners Low… Dann geht’s über Feldwege weiter und die Kilometertafeln lassen hoffen. 65, 66, 67…
Bernd wartet dann am Ortsrand von Hofen auf mich und wir laufen von jetzt an gemeinsam. Nochmal kurz durch den Wald, an der Sonthofener Ordensburg und an einer Kneipp-Anlage vorbei, unter einer Dusche durch (Klasse!), raus auf die Straße und dann kann ich das Ziel schon riechen. Noch eine Ehrenrunde vor dem Wonnemar und dann durch den Zielbogen. Axel Reusch wartet schon und begrüßt uns persönlich mit Handschlag. 10:41 Stunden. 11 Minuten über der geplanten Zeit – passt.
Endlich das ersehnte Alkoholfreie, sitzen, schauen und freuen. Danach gehts noch ins Wonnemar zum Duschen. Das Baden erspare ich mir und meinen Mitschwimmern aufgrund meiner Wunden, hole ich nächstes Mal nach…

Fazit

Der APUT fällt für mich unter die Kategorie anspruchsvoller Landschaftlauf. Etwas viel Teerstraße, aber auch wunderschöne Trailpassagen. Die schönen Wege überwiegen deutlich. Er wird seinem Namen durch den ständigen Blick aufs Panorama in jedem Fall mehr als gerecht. Er ist nicht sonderlich schwer, aber die Bruthitze macht aus jedem Lauf ein Monster.
Die Orga ist perfekt, da stimmt alles. Wer hier noch ein Haar in der Suppe findet, sollte seine Anspruchshaltung überdenken. Es gibt genügend Wasser und Verpflegung und wenn man seinen Trinkrucksack und ein paar Leckereien mitnimmt, hat man zwar zunächst mehr Gewicht, aber man kommt gesund und entspannter durch. Die Zahl der VPs ist dadurch auch mehr als ausreichend. Ich habe an hochalpinen Rennen teilgenommen, da kam 20 km lang nichts.
Ich möchte an dieser Stelle die ganzen freundlichen Helfer außerordentlich hervorheben. Was die da leisten ist gigantisch. Kaum stehe ich an einem VP kommt einer, fragt wie’s mir geht (zugegeben, ich sah nach dem Sturz auch schlimm aus), füllt meine Flaschen, übergießt mich auf Wunsch mit Wasser und und und… Liebe Helfer, ihr glaubt gar nicht wie gut das tut – Vielen Dank euch allen!!