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K78 preloaded

Alle die den K78 schon mal gelaufen sind, müssen zugeben, dass sie zwar durch wunderschöne Landschaft laufen, aber davon viel zu wenig mitbekommen. Nachdem ich den Swissalpine K78 in unterschiedlichsten Streckenführungen schon 5 mal gefinished habe, habe ich mich entschlossen, den Lauf mal alleine, ohne Zeitdruck und in Ruhe anzugehen. Einen Tag vor dem offiziellen Wettkampf bin ich die „alte“ Strecke mit Teilen aus der „neuen“ abgelaufen und entscheide mich aus Nostalgiegründen für die Scalettapassvariante. Ich mag den Blick vom Panoramatrail hinunter in die Alp Funtauna über das weitgezogene Tal und den Weg hoch zum Scalettapass. Das Stück vom Dürrboden nach Davos ist traumhaft schön. Kurzum – sie gefällt mir einfach besser. Die Sertigvariante ist sicherlich auch schön, vielleicht ein ander Mal. Im Vorfeld meines Unternehmens hörte ich viele Fragen:

Wie kommts?

Nachdem der Irontrail ein Schlag ins Wasser war und die Schuldigen schnell gefunden waren, nämlich die Läufer (es ist aber auch immer ein Kreuz mit der zahlenden Kundschaft…), kam ich zu der Überzeugung, dass ich den K78 für mich selbst veranstalten muss. Unabhängig von Entscheidungen anderer und dem zu diesem Zeitpunkt stattfindenen Wetter. Auch ohne Trubel und zudem kostenlos.

Und die Versorgung?

In meinem Laufrucksack ist viel Platz und wer es gewohnt ist, den beim Laufen zu tragen, kann seinen Proviant selber schleppen. Wasser gibt’s genügend an Brunnen und Bächen. Der Vollversorgungsgedanke ist hier fehl am Platz. Es geht auch bescheidener. Ein Trail mit 75km am Stück ist zudem nichts was Angst und Schrecken verbreiten muss. Rekordzeiten sind ohnehin nicht drin (das ist ja auch nicht Sinn der Sache), 4kg auf dem Rücken und meine Stöcke fordern eben ihren Tribut, aber wer läuft schon Rennen…? Klamottentechnisch habe ich dabei, was man bei so einer Tour eben braucht (Wasserdichte Jacke, Shirts, Armlinge, Notfallset usw.)

Was ist, wenn Dir was passiert?

Der K78 ist letztendlich eine autobahnähnliche Veranstaltung auf der permanent Menschen mehrspurig unterwegs sind. Ötzis Schicksal, jenseits meines Haltbarkeitsdatums gefunden zu werden, bleibt mir somit erspart. Sicherheitshalber nehme ich meinen SPOT mit, dem entgeht nichts und ich bin via GPS auffindbar.

Welche Strecke läufst Du?

  • Bis Filisur die Strecke aus 2009 am und im Wald entlang, dann Spina, Monstein und Zügenschlucht.
  • Bis Bergün die aktuelle Strecke aus 2011 durch den Wald. Das sind zwar ein paar Höhenmeter mehr, aber der Weg ist klasse.
  • Bergün – Chants – Keschhütte > alles beim alten
  • Panoramatrail – Scalettapass – Dürrboden
  • Hier die gelaufene Strecke bei gpsies.com

Start

Los geht’s Freitag morgens um 6 Uhr. Es ist zwar hell aber alles schläft noch, außer mir. Ich laufe aus Davos hinaus, spare mir aber den „Triumphbogen“ durch die Ortsmitte. Dadurch komme ich auch nicht ganz auf die Orginaldistanz, drauf gesch… . Das Wetter passt, der Himmel ist frei, es ist allerdings mit 16 Grad gut warm. Vereinzelt sehe ich Bergbauern, die schon schwer am werkeln sind. Zunächst gehts noch auf Teerwegen Richtung Clavadel in den Wald, am Junkerboden vorbei und auf traumhaften Waldwegen nach Spina. Das ist das erste Mal, dass ich die Strecke bewusst wahrnehme. Ich habe mein Navi mit den Strecken aus den Vorjahren dabei und merke dadurch erst, dass ich bislang immer nur in der Herde mitgelaufen bin. Auf der Talseite gegenüber verläuft die baumlose und weniger schöne, aber dafür breitere Strecke des morgigen Rennens. Ich erreiche Spina, hier treffen die beiden Strecken aufeinander. Normalerweise tobt hier der Bär und lärmende Eingeborene mit Kuhglocken feuern die Läufer an. Heute ist nix los, alle schlafen noch.

Es ist auf den Wegen absolut ruhig. Keiner der drängelt, überholt, flucht, hustet, hechelt, sich übergibt, schwätzt, lärmt – einfach nur Stille. Ich sehe Rehe, Eichhörnchen, entspanntes Weidevieh, zutrauliche Ziegen und Pferde, man könnte es als kitschige Idylle bezeichnen, aber vielleicht ist uns einfach das Gefühl dafür in unserer schnelllebigen und hochtechnisierten Zeit schon abhanden gekommen.

Monstein

Es geht weiter durch den Wald nach Monstein. Endlich bekomme ich die Kirche mal ohne Läufer aufs Bild… Hier begegne ich verschlafenen Urlaubern die sich beim Bäcker das Frühstück holen, weiter gehts.

Ich sehe plötzlich, dass es von Monstein aus hinunter zum Schmelzboden eine Abkürzung gibt. Mir gehts jetzt nicht darum, kürzer zu laufen, aber der Weg sieht nach Singletrail aus und das verspricht Spaß. Die Wiesen sind noch ordentlich nass und der Weg ist klasse. Ich habe sicher nicht viel Zeitgewinn dadurch rausgeholt, bin aber der Teerstraße erneut entflohen.

Zügenschlucht in vollen Zügen

Unten angekommen gehts rein in die Zügenschlucht. Ich mache viele Fotos, bleibe öfter stehen und schaue einfach nur. Ich trödle, und zwar ordentlich. Immer wieder diese atemberaubenden Blicke in die Schlucht und den tosenden Wassermassen. Die Sonne kommt langsam und wärmt jetzt das Tal auf. Ich erreiche Wiesen, quere das Wiesener Viadukt und weiter gehts hinunter Richtung Filisur.
In Filisur mache ich erstmal Pause. Hier ist nicht der übliche Tumult, hier ist nix los. Ich sitze in der Sonne an einem Brunnen, fülle mich mit Nahrung ab, meine Wasservorräte auf und ziehe weiter Richtung Bergün.

Dieser Teil der Strecke ist ätzend. Vorbei am Kieswerk und der Sägerei, in praller Sonne auf einem nicht endenwollenden Schotterweg. Es geht stetig ganz leicht bergauf, das macht keinen Spaß. Nach Bellaluna und einem kurzem Straßenstück biege ich rechts in die 2011er-Wald-Variante ein. Traumhaft. Hier gehts erst mal hoch, aber es ist schattig und die Steigung moderat und gut zum Speedhiken.

Urs

Hier begegne ich erstmals dem Steckenmarkierer, der fürs morgige Rennen Fähnchen verteilt. Ich werde einer langjährigen Illusion beraubt als ich ihn zum ersten Mal sehe. Ich erlag immer der Vorstellung, dass ein Almöhi mit langem grauen Bart und Pfeife in Nationaltracht und Zeltleinen-Rucksack die Streckenfähnchen liebevoll mit einer Portion Nationalstolz platziert. Nein, es ist ein junger propperer Schweizer auf einem Quadbike, der tierischen Spaß hat damit durchs Gelände zu fräsen. Er macht das sehr gewissenhaft und markiert in regelmäßigen Abständen. Auch da wo es meiner Meinung nach gar keine Markierung bräuchte, weil ohnehin nur ein Weg hochführt… Hätten sie den mal seinen Job beim Irontrail machen lassen… Wir begegnen uns bis zur Keschhütte immer wieder, grüßen uns lächelnd und ich nenne ihn fortan Urs. Alle Schweizer heißen Urs.

Bergün

Oben angekommen sehe ich bereits Bergün und ab jetzt geht’s runter. In Bergün ist traumhaftes Wetter, ideal für Kalenderfotos. Einen Tag später sah das anders aus. Der nächste Brunnen mit Quellwasser ist gesichtet und ich verpflege mich hier erneut. Bergün ist jetzt belebter als Filisur. Ich trödle erneut rum und überlege noch, ob ich nicht kurz in einem Cafe einen Break mache. Ich beherrsche mich, ganz so lässig wollte ich das ja auch nicht angehen. Ich schlendere weiter durch den Ort, dazu hatte ich sonst auch keine Zeit. Schön hier, aber teuer… Weiter gehts Richtung Chants. Wieder röhrt Urs an mir vorbei und haut die Fähnchen mit Inbrunst ins Erdreich.

Chants

Die Strecke nach Chants ist eine Schotterstraße in sengender Sonne. Glücklicherweise weht ein frischer Wind, das machts erträglich. Hier werden an der Strecke entlang noch Mäharbeiten mit Rasentrimmern vorgenommen, damit sich vermutlich morgen im Wettkampf keiner im kniehohen Gras verläuft. Man will sich vermutlich auch hier perfekt präsentieren. Im Gästebuch des Swissalpine hat sich meines Wissens noch keiner darüber echauffiert, dass das Gras am Wegrand zu hoch war (wenngleich auch das Jammerpotential dort immer sehr hoch ist), jetzt weiß ich warum.

Rauf zur Keschhütte

Ich erreiche Chants, hier ist Idylle angesagt. Der nächste Brunnen, Trinkbehälter auffüllen und Sonnenbaden. Ich sitze ein wenig im Gras und mache Urlaub. Dann steht der Aufstieg zur Keschhütte an. Ich bin zu lange gesessen und brauche einige Zeit um wieder auf Touren zu kommen. Außerdem ist’s jetzt ordentlich warm und die Sonne macht mir zu schaffen. Urs und ich geben uns gegenseitig die Kante. Er haut Fähnchen in den Boden, ich überhole. Ich stehe rum und fotografiere, er überholt. Das geht bis kurz unterhalb der Keschhütte. Es hat Traumwetter als ich die Keschhütte erreiche. Der Piz Kesch leuchtet. Hier oben ist alles easy-going. Man sitzt rum, lacht und ist entspannt. Ich wechsle mein Shirt gegen ein trockenes, stärke mich und: ich lege mich auf eine Bank zum Sonnenbaden :-). Nicht dass ich es nötig hätte, nein weil ich es kann. Der Hüttenwart stellt gerade die großen Buchstaben-Schilder auf, die von Weitem schon dem nahenden Laufteilnehmer signalisieren: Hier ist oben, quäl Dich gefälligst!

Weiter zum Scalettapass

Genug des Müßiggangs, es geht weiter Richtung Scalettapass. Wie eingangs bereits erwähnt, bin ich bekennender Panoramatrail-Fan. Die Abzweigung Sertigpass/Scalettapass erreiche ich schnell und biege rechts zum Panoramatrail ab. Der hat mittlerweile den Namen zurecht verdient. Stellenweise ist Einiges weggebrochen oder wurde einfach weggespült. Hätte man die Läuferschar hier durchgeschickt, wäre zuvor eine Präparation notwendig gewesen. Außerdem war das Gras an einigen Stellen schon sehr hoch.

Ich kann mich gar nicht satt sehen. Der Blick ins Tal zur Alp Funtauna und zurück zur Keschütte ist atemberaubend. Ich trödle hier wieder rum, setze mich hin und genieße das einfach. Aber der Hafer sticht und ich laufe weiter hoch zum Pass. Ich quere kleinere Schneefelder, mit den Stöcken kein Problem und dann bin ich oben am Pass. Diesmal kein Arzt der mich in Empfang nimmt und mir komische Fragen stellt. Hier zieht’s wie Hechtsuppe und ich inspiziere noch schnell die Rettungshütte. Immer gut zu wissen, wo man sich mal unterstellen oder sich bei Wetterumschwung hinüberretten kann.

Runter zum Dürrboden

Ich mache mich dann schnell vom Acker und nehme Fahrt auf zum Dürrboden, werde allerdings durch einige Schneefelder ausgebremst. Dann sehe ich von weitem schon die Höfe und den nicht enden wollenden Blick ins Tal bis nach Davos. Hier mache ich kurz Pause und genieße die Sonne, mache Fotos und weiter gehts. Am Wegrand entdecke ich Holzskulpturen und Installationen von Künstlern. Sie sehen imposant aus und lassen mich innehalten. Am Dürrboden angekommen ist mir definitv zu viel Rummel, viele Leute. Ich laufe durch und nehme die letzten Kilometer im Laufschritt. Über mir zieht sich der Himmel zu und ich habe zu viel rumgetrödelt. Ich könnte schon lange im „Ziel“ sein. Wenns jetzt noch regnet ists allerdings auch egal. Ich bin runter vom Berg und Wasser ist kein Problem.

Nasser Endspurt

Über mir wirds jetzt bedrohlich finster und in Teufi fängt’s urplötzlich an zu stürmen, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes die Balken biegen. In Waldstücken knarzts und krachts ordentlich und mir fliegen einige kleinere Äste um die Ohren. Der einsetzende Regen ist zunächst erfrischend, aber die Vernunft und der danach einsetzende Hagel lässt mich die Regenjacke anziehen. Jetzt trotte ich den Rest der Strecke so dahin, es gießt wie aus Kübeln. Ich erreiche am frühen Abend Davos, der Regen lässt wieder nach. Hier ist einiges los. Ich kann dem Trubel sowie dem dort stattfindendenen Fest so gar nichts abgewinnen. Zuviel Rummel. Nach der Ruhe ist das Ganze hier wie ein Kulturschock. Die Hoffnung, jemanden Bekanntes hierzu treffen, schwindet. Entweder alle beim Essen oder schon im Bett :-). Ich bin nassgeschwitzt, mir ist kalt und ich brauche frische Klamotten, also ab zum Auto…

Fazit

Das wars – es geht auch nonaided und auf eigene Faust. Heute bin ich den K78 nicht gelaufen, sondern habe ihn erlebt – more than a race…

6 Kommentare

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  1. Jutta Mader

    Hallo Max,
    deine Fotos vom K78 sind wunderschön und wecken Erinnerungen und Lust, dort gleich loszulaufen. Mit deinem Bericht sprichst du mir aus der Seele. Oft bin ich dort auf Teilstrecken alleine gelaufen und habe die einzigartige Landschaft voll genossen. Den K78 aber auch den K42 habe ich bisher 5x gefinisht und habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr die große Runde alleine zu laufen.
    Wie du auch schreibst, das Wichtigste, Wasser, kann man unterwegs fassen. Verpflegung und Klamotten werden im Rucksack transportiert. Und vollkommen alleine ist man nie. Da sind immer alle möglichen Leute unterwegs.
    Übrigens lese ich deine Berichte immer voller Interesse. Vielen deiner Betrachtungen und Ansichten kann ich voll zustimmen.
    LG und frohe Weihnachtsfesttage sowie einen guten Rutsch ins neue Laufjahr
    Jutta

    1. trailmaxx

      Hallo Jutta!
      Danke fürs Feedback und: Frohes Fest!! 🙂

  2. Sus:)nne

    Oh, so ein schoener Bericht! Vielen Dank! Ganz besonders fuer die traumhaften Fotos. 🙂 Und wer nicht laufen kann, der darf ruhig wandern. Steht jetzt auf meiner Wunschliste. 🙂

  3. jörg

    hallo,

    2versuch weiß nicht ob es geklappt hat, mit link

    , hab Deinen Track bei gpsies gefunden. Gestern sind wir nach Bergün leider die Straße gelaufen. Hast du die orig-Strecke in einem Zustand erlebt, der die asphalt-umleitung rechtfertigt?

    Zum Vergleich der Zeit: hättest Du mir einen gpx aus dem ich abschätzen kann, wieviel die asphalt-abkürzung langsamer ist? vor dem ziel gab es noch ne abkürzung, aber aus gpsies seh ich nur den Unterschied der Entfernung.

    http://www.gpsies.com/viewTracks.do?fileId=vrhucejyvzgmresx&fileId=ebdmkhkhcfpsligf

    http://www.gpsies.com/viewTracks.do?fileId=xnzbsvgjgwgdnjxk&fileId=khdumfybrdmsbyup

    Laufe auch oft Ostalb, meine Eltern wohnen in Oberkochen, aber im Allgäu läuft es sich nat. auch nicht schlecht.

    Jörg

    1. trailmaxx

      Hallo Jörg!
      Ich bin die Strecke zwischen Filisur und Bergün im Wald gelaufen >
      2011er Variante: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=esruzystdimddvvg
      Ich habe hier auch erstmals den Streckenmarkierer gesehen, markiert war also schon mal. Der Weg war in bestem Zustand zumindest als ich dort gelaufen bin. Die Beweggründe der Orga das umzuleiten, kann ich nicht beurteilen. Ich habe leider meine alten Tracks nicht mehr, bei gpsies gibts aber jede Menge.
      Beste Grüße!
      Max

      1. Daniel

        Streckenänderung Filisur-Bergün: Ganz einfach, als du, Max, am Abend in Davos geduscht wurdest, hat ein Murgang die Strecke inkl Holzbrücke derart verändert, dass eine Begehung am Samstag nicht möglich war…
        LG Daniel

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