Ostalbtrauma – oder der Fluch der Navigation

Navigationsgeräte und das dazugehörige Kartenmaterial sind Fluch und Segen gleichermaßen. Ich befinde mich auf dem “Weg” von Herdtlinsweiler hoch zum Hornberg, stehe im dichtesten Dickicht an einer 45Grad-Rampe knietief im Laub. Das Gerät behauptet, ich müsse den Weg gerade aus nehmen. So weit das Auge reicht ist hier kein Weg zu sehen, nicht mal der, auf dem ich bis hierher gekommen bin. Es lässt sich in etwa erahnen, dass hier vor 100 Jahren mal was verlief, aber heute ist das kein Weg mehr. Mag sein dass der in einem Katasteramt noch geführt wird, aber hier ist definitiv keiner mehr. Ich könnte jetzt umkehren und nach einem Weg suchen, oder ich schlage mich weiter nach oben durchs Gestrüpp. Nach oben ist immer richtig, da will ich auch unbedingt hin. Also quäle ich mich da durch, mit Laufen hat das nichts zu tun…

Rückblende

Wie kann man Berglauf in der Ostalb trainieren? Bestens! Man nehme eine der ortsansässigen Erhebungen und läuft die ein paar Mal rauf und runter bis man genug hat. Auf Dauer ist es allerdings langweilig ständig das Gleiche zu laufen. Also muss eine Route her, die möglichst viele dieser Raufs und Runters beinhaltet. Außerdem wollte ich noch eine längere Trainingseinheit vor dem Junut in zwei Wochen anpacken. Die Strecke plante ich mittels der Garmin Basecamp-Software und dem dazugehörgen Garmin-Kartenmaterial. Hier sind Wege eingezeichnet von denen ich bislang nichts wusste, ich hingegen weiß Wege, von denen Garmin nichts weiß – ergänzt sich also alles prima. Heraus kam eine ca. 70km Tour über jede Menge Hügel der Ostalb. Mit knapp 3000 Höhenmetern übertreffe ich so manchen Qualilauf für den UTMB und das reizt mich besonders. Sowas direkt vor der Haustür zu machen – das hat was. Keine lange Anreise, keine überteuerten Hotels, keine horrenden Startgebühren. Der Preis ist allerdings die Einsamkeit, aber das hat letztendlich auch was.

Depots

Bei so einer Strecke braucht’s Verpflegung wie Wasser und feste Nahrung. Die habe ich am Abend zuvor an 4 strategisch günstigen Punkten sicher verpackt im Wald versteckt. (Ich bin somit temporärer Umweltsünder, habe den Müll während meines Laufs aber wieder komplett mitgenommen). Heraus kam eine Versorgungskette alle 10-15km. Klingt üppig, aber die Strecke ist ja nicht flach.

Die Streckenverlauf

Hier die markantesten Berge der Strecke: Pfaffenberg – Rosenstein – Hochberg – Nägelberg – Scheuelberg – Bargauer Horn – Bernhardus – Hornberg – Stuifen – Rechberg – Hohenstaufen. Die eigentliche Herausforderung besteht allerdings darin, dass jeder einzelne Berg von unten hochgelaufen wird. Also rauf, komplett ins Tal runter und wieder hoch (Ausnahme Rechberg). Manche Gipfel ließen sich auch zusammenhängend überqueren, aber das ist langweilig und tut nicht mal weh. Außerdem – irgendwo müssen ja die Höhenmeter her kommen.

Hier die Strecke zum Nachfühlen

Speedhiking

Morgens um 6 starte ich, ich wollte eigentlich noch früher los, aber irgendwie bekam ich den Hintern nicht aus dem Bett. Es ist kalt und windig, aber es regnet nicht, somit ideal. Die ersten Berge Pfaffenberg, Rosenstein, Hochberg, Nägelberg und Scheuelberg gehören zum alltäglichen Repertoire und ich laufe die Strecke schon (oder noch) im Schlaf, ich komme nur langsam voran. Zum einen habe ich 3 Kilo Gepäck dabei, zum anderen will ich einen Lauf im Midtempobereich machen und die wirklichen Brocken kommen ja noch.

Der Weg vom Scheuelberg zum Bargauer Horn ist Neuland und hier leimt mich zum ersten Mal das Navi. Ein Weg der zwar auf der Karte existiert, aber komplett zugewachsen ist. Noch bin ich frisch, nehme die Herausforderung an und kämpfe mich durchs Unterholz nach oben. Der Weg wird dann tatsächlich besser und ich komme zumindest gehend voran. Allerdings ist das nur im Frühjahr zu machen, im Sommer ist der zugewuchert und dann geht hier mit Sicherheit nichts mehr. Oben angekommen bin ich wieder auf normalen Wanderwegen unterwegs und laufe den Bergrücken entlang zum Bargauer Horn. Traumhafte Aussicht – soweit das Wetter es zulässt und laufe auf Singeltrails hinunter ins Tal um den Bernardus in Angriff zu nehmen. Ich entschließe mich kurzerhand abzukürzen und folge erneut einem laut Navi begangbarem Weg. Wie der endet muss ich nicht groß erläutern…

Dann stehe ich am Fuße des Bernardus und laufe an der Ölmühle vorbei und nehme den kurzen “vertikalen Direktweg” nach oben. Ich finde mich in einem ausgetrockentem Bachbett wieder und erneut bleibt nur der Kampf, mich durchs Gestrüpp zu prügeln. So langsam zweifle ich an meiner Streckenplanung. Das Ganze hat allerdings einen enormen Trainingseffekt, danach schreckt mich mit Sicherheit nichts mehr. Oben angekommen sollte ich laut Navi wieder auf einen Weg treffen, der real nicht existiert, na super. Ich gelange dann endlich auf eine Forststraße und sehe den Bernardus in seiner ganzen Schönheit: Ziemlicher Kahlschlag, die Holzindustrie leistet ganze Arbeit und selbst geplante Windkraftanlagen könnten diesen Berg nicht mehr entstellen. Also rauf mit den Windrädern, ist eh schon egal…

Ich will nur schnell wieder runter nach Herdtlinsweiler um dann den Hornberg in Angriff zu nehmen. Unten angekommen geht das auch einige hundert Meter ganz gut und dann nimmt das eingangs erwähnte Drama seinen Lauf. Dickicht, tiefes Laub, Äste, Gestrüpp und ich mittendrin. Ich gelange nach Langem und auf allen Vieren kriechend auf einen Wanderweg und komme dann endlich oben an. Die Durchschnittspace leidet bei solchen Survivaleinlagen empfindlich. Oben läuft ein schöner Wanderweg entlang des Hornbergs und ich nehme endlich wieder Fahrt auf, hänge aber im Zeitplan ordentlich hinterher. Gegenüber sehe ich schon den Stuifen und ich entscheide jetzt aus dem Bauch raus, abzukürzen. Diese Dickicht-Orgien kosten Zeit und Kraft und meine ursprünglich geplante Route sieht wirklich danach aus, als wenns so weiterginge.

Also nächste Abfahrt runter ins Tal nach Weilerstoffel, diesmal auf einer geteerten Straße und danach wieder hoch auf meiner Lieblingsroute zum Gipfel des Stuifen. Danach rüber zum Rechberg und sofort wieder runter. Da ich ja Höhenmeter sammeln will, laufe ich nicht einfach nur auf der Albmarathonstecke, sondern erst mal runter nach Ottenbach und dann aus dem Tal hoch zum Gipfel des Hohenstaufen. Als ich in Hohenstaufen eintreffe läuten gerade die Glocken der Ortskirche. Na, das ist ja mal ein Empfang und meiner durchaus würdig. 10 Stunden habe ich bislang gebraucht, viel zu lange für meinereiner, aber ich habe alle Gipfel auf meiner Tour geknackt. Die restlichen 10Kilometer  nach Schwäbisch Gmünd sind dann nur noch ein lockeres Auslaufen.

Fazit

Ursprünglich hatte ich mal die Idee, diese Tour mit Gleichgesinnten zu laufen. Zum Glück war da niemand dabei, meine Mitläufer hätten mich komplett für verrückt erklärt und mir die Freundschaft gekündigt. Die Strecke optimiere ich noch… Letztendlich waren es 64km und 2750 positive Höhenmeter. Das reicht auch für einen Trainingslauf… oder? 🙂