Neckarsteig 2012 (Arctic-Edition)

Vor ein paar Tagen trudelte die Mail von Torsten ein, er braucht für den Run2Kill noch Trainingskilometer und will den neu eröffneten Neckarsteig mit einer Länge von circa 126,4 km und 3127 HM an zwei Tagen laufen. So um die jeweils ca. 60km pro Tag sollen es werden und die Versorgung liegt in den Händen von Bäckerinnen und Tankwarten. Das klang schon spannend und reizte mich außerordentlich. Es klinkten sich auch sofort ein paar Laufwillige ein, teils auf der Gesamtstrecke als Fulltime-Runner, als auch nur für Teiletappen als Lauf-Tagelöhner. Ja und ich kann auch nicht nein sagen (und meine Frau auch nicht) und somit stehe ich mit im Starterfeld für die volle Packung. Die Strecke verläuft am Neckar entlang (sagt ja auch der Name), allerdings in sehr eigenwilliger Weise. Auf der Straße würde man hierzu vom Start in Bad Wimpfen bis zum Ziel in Heidelberg 70km veranschlagen, die restliche Strecke von 56km besteht aus Umwegen kreuz und quer durch die Botanik, aber als Fixpunkt immer wieder der Neckar. Das verspricht spannend zu werden.

So weit die Theorie. Praktisch sah es in den letzten Tagen aber so aus, dass uns in deutschen Gefilden arktische Temperaturen erwarteten – und das nicht zu knapp. Laufen bei der Kälte ist eine ganz andere Nummer als an warmen Sommertagen in besten Laufklamotten rumzuposen. Vieles funktioniert hier nicht so wie gewohnt. Weils gerade so schön kalt ist, gleich mal ausführlicher.

Klamotten

Das beginnt schon bei der Kleidung. Sie soll warmhalten und dennoch soll sie den Schweiß bei körperlicher Anstrengung nach außen transportieren – das verspricht zumindest die Industrie und der dickliche bewegungsarme Verkäufer im Sportladen um die Ecke. Aber bei -13 Grad und 8 Stunden Laufen, funktioniert das nicht mehr so richtig. Jedenfalls nicht bei mir. Schwitzen kann man vermeiden in dem man langsamer läuft, oder am besten gleich zuhause bleibt und in Funktionsklamotten vorm Fernseher das Abfahrtrennen der Damen anschaut und ein kühles Weißbier vor dem Verdunsten rettet. Aber ich will ja vorankommen und da brauchts numal Bewegung, außerdem soll’s ja schon ein wenig wärmen. Ich entscheide mich für 3 Lagen (Odlo Unterwäsche, Raidlight Wintershirt und Raidlight-Allwetterjacke), sowie eine zusätzliche Vaude Hardshell-Jacke, die ich dann kurz vor drohendem Erfrierungstod noch überwerfe. Dazu die Raidlight Wintertrail-Hose und noch eine wind- und wasserfeste Überhose von OMM. Soweit die Haute Couture des Trails.

Essen und Trinken

Einen großen Fokus richte ich auch auf die Ernährung. Bei Kälte brauchts mehr zum Verbrennen. Der Hauptgrund für’s Frieren liegt bei mir darin, dass ich nicht genug esse. Problem dabei ist nur die Kälte. Die guten Oatsnacks werden steinhart und alles an Flüssigkeiten friert selbst im isolierten Trinkschlauch ein (Josi sprengts während des Laufs den Deckel seiner Trinkflasche weg). Ich teste ein paar Optionen und komme zu dem Schluss, dass feste Nahrung in die Ersatzjacke im Rucksack gewickelt wird, somit werden die Nahrungsbriketts nur mittelsteinhart. Das Wasser (mit Buffer) fülle ich lauwarm in eine Aluthermokanne mit 0,75 l Fassungsverögen. Da wir ohnehin alle 10-15km einen Boxenstop in den Ortschaften machen möchten, reicht die Menge für die Strecke dazwischen aus.

Start 03.02.2012 – 08:30 – Minus 13 Grad, strahlender wolkenloser Himmel

Nachdem im Großraum Stuttgart einige Weichenanlagen eingefroren waren, wird die Anreise etwas mühsam, aber ich schaffe es doch pünktlich. Torsten, JoSi, Jörg und ich starten um 08:30 von Bad Wimpfen aus. Josi als wandelnde Wanderkarte und ich mit dem Navi, was soll da schiefgehen? Der Weg ist immer ausreichend markiert und wir laufen zunächst am Neckar entlang und dann gehts links nach Heinsheim und dann hoch. Hier sind wir selbst mit uns und so mit dem Schwätzen beschäftigt, dass wir Navigationsgenies schon mal an der Originalstrecke vorbeischrammen, dank Navi korrigieren wir das aber schnell wieder. Auf einer landschaftlich wenig lohnenden Extrarunde über Feldwege gehts hier zum jüdischen Friedhof und weiter zur Burg Guttenberg.

Runter von der Burg auf einem schönen Trail, dann zurück in die Zivilisation nach Gundelsheim. Der Originalweg sieht die Umgehung dieses Ortes vor. Josi hat hier schon mal gewohnt und überzeugt uns, dass wir den Ort sehen müssen. Eine gute Entscheidung, der Ortskern ist durch die Fachwerkhäuser mehr als sehenswert. Uns ist etwas unverständlich, wie man den Neckarsteig außenrum statt mittendurch konzipiert, vermutlich will man die Touristen draußen halten. Es sollte nicht die letzte Ungereimtheit bei der Wahl der Streckenführung werden. Danach gehts hoch und wieder runter, mal gehts tief in den Wald, mal laufen wir Schleifen, deren Sinnhaftigkeit sich mir ein wenig verschließt, aber gut, der Weg ist das Ziel.

Kurz vor Mosbach steht dann Gerhard als rettender Supporter zur Stelle. Ursprünglich ungeplant, er wollte eigentlich mitlaufen, aber erkältungsbedingt fiel er aus und wollte samt frostbedingtem Wasserschaden in den heimischen Wänden lieber ein paar Laufverrückte vor dem Erfrierungstod retten. Der Mann weiß was Mann braucht. Alles da – auch vegetarisch. Wir greifen zu und der Tee tut zum Niederknien gut. Wir neigen mal wieder dazu, uns hier nur allzugerne länger aufzuhalten und dabei unbemerkt auszukühlen, außerdem bläst der Wind empfindlich. Danach wird uns erst bewusst, welchen Luxus uns Gerhard da ermöglicht und wie blauäugig wir die Strecke bei der Kälte angegangen sind. Es war nicht der einzige Einsatz von Gerhard, weitere sollten folgen. Apropos Kälte: Mein Navi hatte von mir nachträglich eine Displayfolie spendiert bekommen. Die Verbindungsschicht zwischen Folie und Gerät veränderte durch den Frost bereits ihren Zustand und wir hatten nur noch Sicht wie durch eine Milchglasscheibe, aber das nur am Rande.

Mosbach durchlaufen wir kurz, um dann auf der Gegenseite einen Hang hochzulaufen und dort im Wald auf Trails und Forststraßen Kilometer zu “fressen”. Dabei stoßen wir dann irgendwann auf den Schreckhof. Hier laufen wir wieder eine dieser seltsamen Schleifen durch den Ort, der Grund warum die Strecke so verläuft, kann nur die dort ortsansässige Gastwirtschaft sein, die wir aber leider links (in Fahrtrichtung rechts) liegen lassen müssen. Vielleicht ists aber auch der Geopark-Pfad, aber wir sind dafür momenten weniger zu haben. Die Neckarschleife bei Binau kürzt der Neckarsteig durch Wälder und Wiesen ab. Schöne Gegend, wenig spektakulär, aber schön zu laufen und kein Mensch unterwegs. Josi hat schon länger Probleme mit der Verdauung, hat sich aber bisher tapfer durchgebissen und zieht es jetzt vor, alleine auf anderen Wegen weiterzulaufen.

Wir wollen ihn in Neckargerach wieder treffen. Wir lassen ihn zunächst ungern alleine ziehen, aber er ist erwachsen und kriegt das hin. Wir laufen zu dritt weiter und schreddern 1km vor der Margarethenschlucht an einer Abzweigung vorbei und merken das glücklicherweise dank Navi nach 500 Metern. Wir laufen zurück und sehen eine etwas unglücklich angebrachte Baummarkierung, die rechts meint, aber geradeaus zeigt. Das wirkliche Highlight ist dann allerdings die Durchquerung der Margarethenschlucht. Der komplette Bachlauf und die Wasserfälle sind eingefroren und verpflichten zum Verweilen und zum Fotografieren. Aber die Kälte macht auch meinem Fotoapparat zu schaffen und friert bei der Kälte dann gänzlich ein – nichts geht mehr.

Wir laufen aus der Schlucht an der Südseite in Richtung Neckargerach. Traumhaftes Wetter, die Nachmittagssonne und Temperaturen um die -5 Grad empfinden wir als äußerst frühlingshaft und am Bahnhof steht Gerhard mit seinem Bauchladen. Wieder kommen wir in den Genuss seines exzellenten mobilen Cateringservices. Torsten, Jörg und ich packen nun eine weitere Schleife an. Sie sollte unsere letzte für heute werden und ich glaube ich spreche für alle – die ist extrem fade. Mir fällt hierzu spontan der “Entsafter” von der Brocken Callenge ein, nur eben nicht so lang. Die Schleife zieht sich auf einer Strecke von 9km um einen Urzeit-Seitenarm des Neckars. Wenn die Kilometerchen mal umlaufen wurde, steht man am Ende in 200m Luftlinie wieder zum Anfang. Da neige auch ich zum Abkürzen, aber wir wollten den Steig in seinem Originalweg laufen – Fazit: Nächstesmal weglassen und gleich zur Ruine Minneburg hoch.

Die Ruine stürmen wir noch mit verhaltenem Halali,  es dämmert bereits kräftig und nach der Burg wartet unsere treue Seele Gerhard. Nach 8 Stunden bei Eiseskälte und einer Distanz von 53km lassen wir es für heute gut sein. Jörg läuft gleich weiter zum Zug und ich stehe nassgeschwitzt in selbigem. Die Stirnlampe bleibt somit heute aus, mir ist mehr als saukalt und ich friere. Wir sammeln dann Josi noch ein und dann geht’s in Gerhards Kleinstraumtaxi zurück nach Bad Wimpfen. Von dort aus ins Basecamp von Torsten, wo mich eine warme Dusche, mehr als genug zu Essen und mein Schlafsack erwartet.

Tag 2 – ohne mich…

Die Nacht über kann ich gut schlafen, aber die Nässe der Klamotten nach Ende des Laufs und die Kälte haben mir zugesetzt. Zu lange hat es gedauert bis ich trockene Kleidung anhatte. Ich hätte mehr Klamotten zum Wechseln mitnehmen sollen, Anfängerfehler, danach ist man immer schlauer – wieder was gelernt. Ich verspüre erste Erkältungssymptome und das damit verbundene typische Krankheitsgefühl, ich hasse das. Als Ultra wird man nicht krank, von wegen… Ich halte es deshalb für vernünftiger, in diesem Zustand keine weiteren 50km draufzupacken, zumal die gefühlten Temperaturen nochmal um Einiges runtergegangen sind, was der Wetterbericht dann im Übrigen auch bestätigte. Wir treffen am Bahnhof in Neckargerach ein um Klaus abzuholen. Er läuft ab heute die zweite Etappe mit Torsten. Ich klinke mich hier aus, übergebe somit symbolisch meinen Staffelstab an die beiden und bin raus.

An der Stelle nochmals vielen Dank an Gerhard für den Support, an Josi und Jörg für die kurzweiligen und angenehmen Gespräche und an Torsten (und Carmen) für die herzliche Gastfreundschaft!!

Fazit

Ich kann nur den Teil bis KM 53 beurteilen (schade…) und ich sehe das durch die Brille eines Läufers der am liebsten die wilderen Pfade läuft. Die Landschaft ist sehr schön, die kleinen Ortschaften auch. Leider macht der Steig sehr viele Schleifen in Gebiete die für mich so gar nichts Reizvolles haben und sich mir der Eindruck aufdrängt, dass hier nur Kilometer geschunden werden. Wenn ich mir die Karten so ansehe, könnte man den Weg von Bad Wimpfen bis Heidelberg noch straffen, die von Torsten erwähnte Wolfschlucht und den Katzenbuckel noch einbauen, dadurch würde er sicher gewinnen – aber wie gesagt, ich seh’s durch die Trailbrille… :-). Ich werde ihn sicher wieder laufen, aber anders…

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