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Das Alb-Ammersee-Projekt

Quelle: Google Earth

Im Leben ist es oft so, dass man vor Herausforderungen gestellt wird, die man sich nicht selber aussuchen kann und seinen Erfolg daran misst, ob und wie man sie gemeistert hat. Eine andere Möglichkeit ist, sich selbstdefinierten Herausforderungen zu stellen und dabei die Messlatte gerade mal so hoch zu legen, dass man selber nicht mehr dran kommt. Dann wird’s spannend. Übertragen in den Jargon eines Läufers ließe sich das so formulieren: Als Langstreckenläufer läuft man das ganze Jahr hindurch in mehr oder weniger organisierten Wettkämpfen, unterwirft sich dort einem Reglement und ruft dann eine antrainierte Leistung ab. Mich hingegen drängt es zuweilen nach Erfahrungen, die außerhalb eines organisierten Rahmens stattfinden. Das mündet zum einen in selbstorganisierte Läufe mit ebenfalls passionierten Läufern, deren einziges Ziel der Spaß am Laufen ist. Oder in mein eigenes Ziel, eine Strecke im Alleingang anzupacken, die sich “ein wenig” außerhalb der gängigen Laufstrecken und -veranstaltungen befindet.

Ich wollte deshalb zu meinem runden Geburtstag Anfang Januar die Strecke von meinem jetzigen Wahlheimatort Mögglingen in der Ostalb bis zu meiner Geburtsstätte Herrsching am Ammersee laufen, nonstop. Die Streckenlänge ist ungefähr 165km, was einem 100Meilenlauf entspricht. Ich kalkulierte mit einer Dauer von ungefähr 24-28 Stunden. Aber es kam anders…

Die Route

Die geplante Route (Link) verläuft komplett auf Asphalt. Ich muss dazusagen, dass ich Asphaltlaufen hasse wie die Pest – aber der Zweck heiligt die Mittel, anders finde ich mich ohne GPS im Dunkeln nicht zurecht. Was ich nicht wollte war, dass ich mich im Dunkeln in irgendeinem Wald verlaufe und kein Land mehr sehe.

Die Strecke: Mögglingen – Steinheim – Heidenheim – Giengen an der Brenz – Lauingen – Dillingen – Zusamaltheim – Emersacker – Heretsried – Hirblingen – Augsburg – Kissing – Merching – Steindorf – Moorenwies – Türkenfeld – Inning – Herrsching.

04.01.2012 – 15:00 Uhr Start

Pünktlich um 15Uhr starte ich in Mögglingen. Ich habe meinen Raidlight Endurance 14l-Rucksack dabei: Verpflegung, 2 Trinkflaschen, Regen- und Wechselklamotten (Gewicht mit Geränken ca. 4,5kg). Die guten LaSportiva Raptor GTX an den Füßen, das passt. Auf Stöcke verzichte ich, man wird allzu leicht als Nordic-Walker verkannt, beschimpft und mit Gegenständen beworfen, außerdem nerven die Poles auf Teer. Das Wetter ist windig, aber trocken und die Temperaturen mit 4 Grad moderat, um nicht zu sagen ideal. Orkan-Wetterwarnungen ignoriere ich, da der Wind bei meinem Vorhaben ohnehin von hinten weht. Außerdem kümmern mich Wetterwarnungen generell nicht, sie werden meist von Bürokraten in Bürosesseln gemacht. Das ist auch die gleiche Spezies, die für das Einschalten von Stau-Schildern auf Autobahnen zuständig sind und dadurch erst einen verursachen. Also – wenn schon Sturm, dann soll er mich auch schieben. Mit dabei: Mein Spot-GPS-Sender. Er schickt Signale an einen Satelliten und virtuelle Schaulustige können mein Vorhaben und mein Vorankommen verfolgen.

Ich erreiche bald das Nachbardorf Lautern und nehme erst mal einen Gang raus, als es knapp 200 Höhenmeter nach Lauterburg „auf die Alb“ geht. Hier oben bekomme ich die ersten richtigen Orkanböen um die Ohren gehauen und mich weht es fast vom Weg, das habe ich ein wenig unterschätzt, würde es aber nie zugeben. Auf Flurwegen gehts nach Bartholmä und von dort aus nach Steinheim. Ich laufe, es macht Spaß und komme gut voran. Ich bin aber definitiv zu schnell, das Tempo laufe ich normalerweise ohne Gepäck. Das Laufen auf der Straße ist an Monotonie durch nichts zu überbieten. Sobald ein Auto kommt, bin ich im Grünstreifen bzw. im Straßengraben, dennoch hupt der motorisierte Zeitgenosse gerne mal. Sei es aus Übermut, Schadenfreude oder ganz einfach aus Dummheit.

04.01.2012 – 17:00

Ich erreiche nach circa 18km Steinheim. Hier im Meteoritenkrater zeigt Orkan Uli Zähne und es wird abartig zu laufen. Zudem ist es bereits ziemlich dunkel und ich steuere auf dem Radweg Heidenheim entgegen. Hier mache ich einen Break bei einem Lebensmitteldiscounter und hole mir Wassernachschub, sowie was zum Beißen. Danach geht’s durch die Innenstadt Heidenheims und ich bin froh, als ich da endlich durch bin. Ich laufe die Strecke aus dem Gedächtnis, da jedes Mal wenn ich die Karte raushole, Uli mir einen Strich durch die Rechnung macht und mir die Karte um die Ohren haut. Am Ortsausgang in Richtung Giengen mache ich mich dann fertig für die Nacht. Ich zerbreche einen Leuchtstab und hänge mir den hinten an den Rucksack. Ich sehe damit aus wie einer der eiligen drei Könige mit dem Stern im Gepäck. Stirnlampe an – damit sehen die Autofahrer wenigstens was sie gerade überfahren und ab gehts in die Dunkelheit. Es geht permanent leicht bergauf und ich gehe, um Kräfte zu schonen, bergab läufts dann wieder.

04.01.2012 – 19:30

Ich treffe nach ca. 36 km in Giengen ein und frage mich sicherheitshalber an der Tankstelle nach dem richtigen Weg nach Lauingen durch. Der Tankwart sucht nach einem zu mir gehörenden Auto und kann nicht glauben, dass ich bei dem Wetter zu Fuß laufen möchte, zeigt mir aber freundlich den richtigen Weg. Dann ruft mich Torsten an, er will mich in Zusamaltheim supporten und will eine ungefähre Zeit wissen. Er fürchtet zu spät einzutrudeln, ich befürchte eher das Gegenteil… Sein Anruf baut mich auf und ich laufe weiter Richtung Bachhagel. Mir geht’s gut, aber die Monotonie macht mir zu schaffen. Der Wind bläst hier auf der baumfreien Ebene aus allen Richtungen und besonders schlimm von rechts. Ich laufe ohnehin auf der linken Fahrbahnseite, damit mich der Wind nicht in die Fahrbahn schiebt und bei mancher Windböe muss ich stehenbleiben.

So geht’s jetzt ewig dahin: Nur der 2 Meter große Scheinwerferkegel, eine Straße, ein verdreckter Grünstreifen und der nicht endenwollende weiße Strich. Laufen wird gerade unmöglich und begleitet wird die Monotonie vom ohrenbetäubenden Lärm des Orkans. Ich trotte dahin, für mich fühlt es sich wie eine Ewigkeit an, bin in Gedanken versunken und absolut trandösig. Was die Leute so alles aus dem Auto werfen wenn Sie unterwegs sind… das verkürzt das Ganze ein wenig. Apropos kürzer… wollte ich nicht irgendwann rechts abbiegen? Mist… mich durchzuckt es und hole mitten im Orkan die Karte raus. Gut dass mich dabei niemand sieht. Das wäre eine Komiknummer für Mr. Bean oder ein Werbespot fürs HB-Männchen. Es ist wirklich so, ich bin an einer Ausfahrt vorbeigelaufen ohne sie bemerkt zu haben. Das war vor 3 Kilometer. Ich fluche jetzt alles was ich als Bajuware in meinem Vokabular habe (das ist eine Menge…) und bin absolut frustriert. Umkehren macht jetzt auch keinen Sinn mehr. Alles in allem ergibt das einen Umweg von ca. 3 km. Zumindest bin ich jetzt wieder wach, aber im Stillen ärgere ich mich permanent. So laufe ich auf eine lange gerade Straße zu, am Horizont ist Lauingen zu sehen und der Wind wird immer stärker.

04.01.2012 – 22:15

Ich komme nach einer gefühlten Ewigkeit in Lauingen an und navigiere mich anhand ausgedruckter Karten bis zum vereinbarten Treffpunkt in einem Schnellrestaurant. Meine Frau wartet hier bereits seit Stunden unter einer Schar hyperaktiver postpubertärer Heranwachsender, sie tut mir wirklich leid. Da laufe ich lieber auf der Straße… Jetzt Nahrung aufnehmen, Wasser fassen, Klamottenwechsel und ich bin wieder hergestellt. Eine Stunde später bin ich auf dem Weg nach Dillingen. Um Mitternacht quere ich die Donau und was hier abgeht ist unbeschreiblich. Der Orkan erzeugt in den Bäumen einen derart abartigen Lärm, der mit einem vorbeifahrenden Güterzug vergleichbar ist. Ich suche die ganze Zeit nach irgendwelchen Gleisen aber hier fährt definitiv keine Bahn. Ich durchlaufe die Donauebene und hier ist der Wind auf Rekordgeschwindigkeit. Ich umlaufe jeden Baum so gut es geht weiträumig, um nicht von herabfallenden Ästen erschlagen zu werden. In Fristingen stehen die Mülltonnen vor den Häusern und der Wind hebt stückweise die Deckel hoch. Das Kaff ist um die Uhrzeit ohnehin wie ausgestorben, aber das macht die ganze Szenerie richtig gruselig. Jetzt fliegt mir auch massiv Staub in die Augen und ich muss pausieren. Ich habe die Ebene nach einer gefühlten Ewigkeit durchlaufen und muss durch einen Wald eine Steigung hoch um endlich auf Torsten zu treffen.

05.01.2012 – 01:30

Ich sehe am Ortsrand von Zusamaltheim (73,5 km) schon Torstens VW-Bus und laufe drauf zu. Wir begrüßen uns herzlich und ich nehme im Bus Platz. Hier ists warm und Torsten hat alles dabei um eine 10-köpfige Läuferschar zu versorgen. Ich bringe so gar nichts runter und genieße eigentlich den Komfort des Sitzens in der Wärme mehr als alles andere. Zur Vorgeschichte: Torsten hat über facebook von meinem Projekt gehört und fand die Idee so witzig, dass er sich spontan entschloss mich zu supporten. Ultraläufer sind definitiv verrückt, aber sie leben ihre Passion und können mit anderen leiden. Wir unterhalten uns angeregt und ich würde am liebsten die ganze Nacht hier sitzen bleiben und einfach nur reden, aber das ist für heute nicht meine Mission. Torsten möchte mich noch in Kissing bei Tag unterstützen und dann trotte ich um 02:15 weiter.

Ich komme nicht so recht in Schwung, es geht bergauf und dann wieder bergab nach Bocksberg. Jetzt dreht der Wind und bläst mir mit voller Wucht ins Gesicht. Auch Staub. Ich weiß gar nicht wie ich gehen soll und bin um jedes Haus froh, das den Wind für einen Augenblick zurückhält. Ich komme wie in Zeitlupe voran und stemme mich gegen den Orkan. Jetzt wird mir bewusst, dass das Wetter nicht auf meiner Seite ist. Anfangs noch unmerklich macht sich mein rechter Oberschenkel bemerkbar und schmerzt bei jedem Schritt mehr und mehr. Wenn ich im Laufschritt laufe ist der Schmerz weg, aber der Wind lässt das nicht zu, also unter Schmerzen gehen. Da hilft nur: Ignorieren und den Schmerz „überlaufen“. Irgendwann gibt er schon auf… Das hat mir jetzt noch gefehlt. Bin frisch und könnte noch ewig so dahinlaufen und jetzt das. Entweder ich habe zu Anfang überpaced oder ich werde alt. Ich komme bis Lauterbrunn (85 km) und muss eine Pause zum Dehnen und Regenerieren einlegen. Danach gehts weiter. Das hält genau 5 Minuten, aber das Bein will nicht so wie ich es will und alles ist wie vorher. Was jetzt folgt ist absolut abenteuerlich. Bei diesem Orkan durch den westlichen Augsburger Wald nach Holzhausen. Hier knarzt und kracht es und ich will so schnell wie möglich hier durch, aber ich komme nicht so recht voran. Hatte ich eigentlich schon erwähnt dass ich seit Stunden (mit Ausnahme von Torsten) keine Menschenseele mehr gesehen habe?

05.01.2012 – 05:30

Mein Bein macht immer mehr dicht und kurz vor Holzhausen (ca. 95 km) entschließe ich mich nach einem eher seltenen Anflug von Vernunft, meine Frau anzurufen und das Projekt abzublasen.

Tja, nun saß ich im Auto, nie fiel es mir so leicht aufzuhören… Nur um Fragen vorzubeugen: Ich werde diesen Lauf weder wiederholen, noch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen – ich gehöre definitiv nicht auf die Straße.

Danke an meine Frau und an Torsten. Ohne Euch hätte ich es nicht so weit geschafft. Und natürlich an alle, die mich mit ihren Motivations-SMS daran erinnert haben, welch großen Vogel ich habe :-).

1 Kommentar

  1. Niels

    hallo Max,
    meinen allergroessten Respekt vor Deiner Leistung!
    unglaublich, dass du das tatsächlich allem schlechten Wetter zum Trotz durchgezogen hast. Ich bin schwer beeindruckt, ehrlich!!!
    auch ich mache hin und wieder gern verrückte, verhaltensorginelle Dinge aber bei DEM Sturm trotzdem zu starten, Weltklasse!
    und klar bringst du das zu Ende 🙂
    sehr vernünftig, dass du nicht um jeden Preis durchgezogen hast, die Gesundheit und damit auch die Freude am Laufen muss vorgehen!
    gute Erholung, lg/Niels

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