Herbsttour zum Säntis (2501m)

Irgendwie war die Tour schon längst fällig. Mein Schwager brachte mich auf die Idee, den Säntis zu besteigen. Ich hatte bislang keine rechte Vorstellung von diesem Berg und dem ihn umgebenden Massiv. Ich war schon in vielen Ecken der Schweiz, aber hier war ich noch nie. So überlegten wir uns, auf welcher Route wir zum einen den Berg besteigen und zum anderen, auf welcher Route wir auch wieder runterkommen würden. Im Internet fanden wir viele Infos, ausführliches Kartenmaterial und jede Menge an Laufberichten

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Wir reisen am Sonntag früh durch tiefsten Nebel an. Der Bodensee macht alles dicht. Heute ist hier auch der Marathon durch die D-A-CH-Region. Bis zum Start um 11:11 wird der Nebel sich einigermaßen verzogen haben. Für uns ist aber klar, dass wir der Suppe entsteigen, sobald wir nur ein wenig an Höhe gewinnen. Spätestens die Serpentinen nach Appenzell hoch, lassen wir den Nebel unter und hinter uns.

Start Wasserauen (850m)

Wir starten um 08:00 Uhr bei bestem Herbstwetter und idealen Temperaturen. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Von Wasserauen aus gehts erst mal hoch auf einer Straße und es wollen auch zunächst mal 300HM überwunden werden. Die Straße ist eine relativ fade Angelegenheit, alternativ gäbe es entlang der Straße auch einen Waldweg, aber irgendwie drückts uns da gar nicht rein und wir trotten nach oben. Es ist schon jede Menge los. Viele Familien mit Kindern (und dem dazugehörigen Lärmpegel) sind schon hinter uns zu hören und wir bereuen es nicht, so früh zu starten.

Seealpsee (1141m)

Nach ca. 3km Strecke, bietet sich uns ein grandioser Blick über den Seealpsee, im Hintergrund der Säntis. Leider liegt der See noch im Schatten der umliegenden Berge, aber es ist  traumhaft hier. Ich mache ein paar Fotos und weiter gehts am See vorbei, ins Tal hinein. Wir kommen an dem Bergdorf Oberstofel vorbei. Hier riechts permanent nach Biodiesel, vermutlich läuft hier ein Stromerzeuger im Dauerbetrieb. Wir entkommen diesem olfaktorischem Genuss und danach gehts zum Anstieg, hoch zum nächsten Etappenziel Mesmer.
An einem Bach entlang windet sich der Weg in Serpentinen nach oben und es läuft richtig rund. Grandiose Ausblicke zurück ins Tal, welches zunehmend von der aufsteigenden Sonne erhellt wird..

Mesmer (ca. 1600m)

Nach ca. 400 Höhenmetern erwartet uns der Berggasthof Mesmer. Wir machen kurz Pause, gehen zum zweiten Frühstück über und ziehen weiter. Das Gasthaus selbst müssen wir leider unbesucht lassen, wir wollen ja hoch. Aber eine Tasse Kaffee wäre jetzt auch nicht zu verachten… Wir ziehen weiter, der Weg führt hinein ins Tal, umgeben von den Felswänden und hochragenden tektonsichen Platten. Hier ists schattig und die Temperatur in Verbindung mit dem Wind von vorne ist es etwas unangenehm. Das fällt einem nach einer Pause erst wieder auf. Ich ziehe mir die Armlinge an und dann ist das Thema erst mal gegessen. Wir nähern uns der Wagenlücke, linkerhand das Gamsloch und wir machen jetz erstmal ordentlich Höhenmeter. Es geht durch alpinstes Gelände und erklettern den mit Fixseilen gesichterten Weg. Hier wird uns auch wieder der Ideenreichtum der Eidgenossen bewusst, mit welcher Finesse sie hier Ihre Wege gesichert haben. Wo kein Tritt ist, wird einer reingeschraubt, geschlagen oder mit Tritteisen versehen.

Dann gehts links durch ein Schotterfeld hoch zur Wagenlücke. Der Weg verläuft in Serpentinen und ist gut zu laufen. Der würde mir auch Downhill Spaß machen…

Wagenlücke (2070m)

Hier empfängt uns die warme Sonne, wir setzen uns ins Gras und machen erstmal Pause. Überall liegen Bergwanderer in der Sonne und holen sich noch etwas Sonnenbräune. Der Ausblick auf die umliegenden Bergketten ist grandios. Drittes Frühstück – wir füllen uns erst mal mit Kohlehydraten und Flüssigkeit ab.
Es fällt schwer, aber wir brechen bald wieder auf. Die letzten Höhenmeter zum Gipfel wollen gemacht werden. Der Weg ist breit und gut gehbar, es kommen vermehrt Seilbahnfahrer (ich nenne sie mal so…) von oben. Man erkennt sie zum Tel an der etwas abenteuerlichen Kleidung, die so gar nicht ins alpine Gesamtbild passen will, als auch an der mangelnden Trittsicherheit. Im Vorfeld war uns bewusst, dass hier oben der Bär steppt, noch dazu an einem sonnigen Sonntag. Nicht nur unübersehbar, sondern auch unüberhörbar baut sich der Berg mit der größten Schweizer Wetterstation vor uns auf. Wir queren ein Felsenmeer und wunderschöne, durch frühe Gletscher ausgewaschene Felsformationen. Der Weg windet sich gut gehbar in Serpentinen nach oben.

Säntis (2501m)

Tja, was soll ich sagen, jemand wie ich, der die Stille und die Natur in seiner Gesamtheit liebt? Der Gipfel ist alles andere als schön. Die Wetterstation und der Seilbahnbetrieb dominieren das Gesamtbild. Es ist imposant hässlich hier oben. Soviel Trubel, das ist nichts für mich, aber die Aussicht sucht ihresgleichen. Wir schlendern durch die Hallen der Bergbahn und finden an einer Aufzugtür das Schild “Gipfel”. Das ist so absurd, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Der Aufenthalt hier ist nicht von großer Dauer und die Flucht ins Tal ist angesagt. Es geht unterirdisch durch den Berg auf die andere Seite und dann erwartet alle eine Überaschung. Der Hauptpfad vom Tal windet sich auf einem durch Fixseile gesichterten Fels nach oben. Der Weg ist schmal, die Felsen sind speckig und glatt. Es gibt Ausweichstellen in Form von Metallgittern, damit sich die Entgegenkommenden nicht gegenseitig den Berg runterwerfen.

So weit die Theorie und eigentlich nichts, wovor man sich fürchten müsste. Praktisch siehts allerdings so aus, dass eine nicht endenwollende Schlange von Wanderern sowohl den Aufstieg, sowie auch den Abstieg über diesen schmalen Felspfad rauf oder runter möchten. Das Überwinden von 50HM abwärts dauert 15 Minuten. Die meiste Zeit heißt es Warten und mir wird erneut bewusst, den falschen Wochentag für diese Tour gewählt zu haben. Nach endlosem gegenseitigem “Auf die Füße treten” teilt sich der Weg. Links gehts nach Tierwis und weiter zur Talstation Schwägalp, rechts in Richtung Schäfler. Es geht weiter an Fixseilen hinunter. Hier verhält es sich ähnlich: Viel zu viele Leute heute unterwegs. Unten angekommen quert der Weg ein Geröllfeld, allerdings ist die Markierung etwas irreführend und das Auffinden des Wegs wird zur Glückssache. Die Vegetation wird wieder üppiger und es wird erst mal Pause gemacht. Im Gras sitzen, den feundlich grüßenden Wanderern zuschauen, essen, trinken. Hier fällt auch mein endgültiger Entschluss, dass ich so schnell nicht mehr auf diesen Berg will und wenn dann nur unter der Woche…

So, bis jetzt wars ernst, ab jetzt wird’s spaßig. Trailrunning ist angesagt und es geht ab jetzt nur noch laufend. Die Wege sind sehr anspruchsvoll. Sehr viel lose Felsen, kleine Steine, große Steine, Spalten, genau richtig. Der allseits beliebte Spruch “Mutti kuck mal, der joggt hier oben” fällt öfter. So geht es 2km den Gebirgskamm entlang, öfter wechselt der Weg auf die andere Seite des Kamms. Mal offenbart er den Ausblick über die schroff abfallenden Felsen ins Appenzeller Land, dann auf der anderen vegetationsreicheren Seite wieder tiefe Einblicke in den Alpstein. Dann ist der Öhrli zu sehen. Dieser “Felsbrocken” hat seinen Namen seinem imposanten Aussehen zu verdanken. Sieht er, aus der richtigen Blickwinkel betrachtet, doch aus wie ein überdimensionales Ohr.

Allerdings verliert der Öhrli auch einiges an Ohrschmalz, sprich Geröll, welches er dann auf dem Weg ablagert. Das Laufen wird somit zur Rutschpartie und wer wie ich Stöcke dabei hat, kann sich gut ausbalancieren. Ab und zu setzt es einige Wanderer gnadenlos auf den Hintern.

Es geht über den Lötzlialpsattel (2000m), über schöne Wiesen und klasse Trails, bis sich am Horizont der Schäfler zeigt. Ein lockerer Quergang über ein paar hundert Meter, dann führt nochmal ein kurzer steiler Aufstieg nach oben. Wieder bewundere ich die Kunst der Schweizer, hier Wege begangbar zu machen. Alte Eisenbahnschienen, verbunden mit Rohren und Eisenplatten sorgen dafür, dass der Weg nach oben stabil ist. Ich brauch’s nicht, aber nur so funktioniert der Tourismus. Der Weg windet sich noch einmal kurz um den Berg und dann ist das Berggasthaus auf dem Schäfler erreicht.

Schäfler (1924m)

Hier nur ein kurzer Halt, die Aussicht genießen und dann gehts weiter Richtung Ebenalp. Die Wege werden immer besser und breiter, teils mit breiten Stufen. Schon von weitem ist zu erkennen, dass der Weg auf dem Kamm zur Ebenalp mit seinem Latschenbewuchs gelaufen werden will. Das sieht von hier oben schon klasse aus und ich freue mich schon während des Abstiegs vom Schäfler drauf (Ich kann es einfach nicht leugnen, dass ich gerne Trails laufe…). Der Weg ist dann auch erwartungsgemäß ein Traum, die Sonne im Rücken taucht das ganze Szenario in ein herbstlich goldenes Licht. Ich komme aus dem Staunen nicht raus, was das hier für ein Kleinod ist. Der Kamm ist bald Geschichte und die Ebenalp mit Bergstation, Gasthaus und allen anderen touristischen Annehmlichkeiten kommt in Sichtweite.

Ebenalp (1644m)

Auch hier wird nur kurz durchgelaufen ohne anzuhalten, der Weg ist wieder mal das Ziel. Es geht talwärts durch eine Grotte zum Wildkirchli, eine Altarhöhle im Fels mit einem kleinen Glockenturm. Hier werden auch Gottesdienste abgehalten und dank der Seilbahn zur Ebenalp muss der heilige Geist hier auch nicht zu Fuß hoch, schon irgendwie praktisch.
Es geht nach kurzem Sightseeing weiter über einen Hilfsweg entlang am Felsen. Der Weg führt hier zum Berggasthaus Äscher am Wildkirchli, ein in den Fels gebauter Berggasthof mit einer Aussichtsterasse. Hier ist alles proppenvoll, kein freier Platz mehr und wenn man sich die grandiose Lage ansieht, wird auch klar warum.
So, aber nun weiter und runter, nahezu im freien Fall. Die Seilbahn wird unterquert es geht auf breiten Wegen im Wald hinunter nach Bommen, einem Ortsteil von Schwende. Aus dem Wald heraus führt der Weg über eine Alm mit grünen saftigen Wiesen, allerdings ohne Kühe, die sind vermutlich schon aus dem Paradies ins Tal vertrieben worden. Der kuhfladenfreie Boden ist extrem weich und es läuft sich wie auf Daunen über das Gras. Danach geht’s in einen Wald und in Serpentinen hinunter bis ins Tal nach Wasserauen zum Startpunkt. Geschafft…

Fazit

Für Trailläufer ein Paradies. Die Wege sind allerdings anspruchsvoll zu laufen, da durch die nahezu senkrechte Ausrichtung der aus dem Boden ragenden Felsplatten, einem einiges an Konzentration abverlangt. Den Säntis sollte man nur an Sonn und Feiertagen machen, wenn einem der touristische Trubel nichts ausmacht. Andernfalls bieten sich aber auch andere lohnende und gut zu laufende Touren an. Wenn sich euch die Möglichkeit bietet, fahrt hin und lauft…