Albmarathon Schwäbisch Gmünd 2011

Alle Jahre wieder

Ich laufe nahezu zweimal im Monat über einen der drei Kaiserberge und kenne die Gegend eigentlich schon auswendig. Und dennoch finde ich immer wieder neue Wege. Die Ostalb bietet mir eine Art Trailrunner-Truppenübungsplatz von dem andere nur träumen. Und trotzdem laufe ich den Albmarathon mit, eigentlich eine Massenveranstaltung: 50km, ein wenig über 1000 positive Höhenmeter, die Aussicht genießen und dabei verpflegt werden. Zudem treffe ich mir liebgewonnene Gleichgesinnte. Für einen Ultraläufer ist der Albmarathon entweder ein hartes Rennen oder eine lockere Trainingseinheit zum Saisonausklang. Für andere wiederum, die eine Stammtischwette am Laufen haben und erstmals am Start stehen, eine echte Herausforderung mit Leidensgarantie.

Teilnehmerrekord

Die untere Forstbehörde in Göppingen hatte dem Veranstalter nochmal richtig Teilnehmer beschert, indem sie bekanntgaben, dass es der letzte Lauf über den Hohenstaufen sein soll. Die Gründe hierfür sind, dass die Wege auf den Gipfel zu schlecht seien. Naja, den Weg zum Stuifen hoch und runter sind sie vermutlich noch nie gelaufen, sonst hätten sie den zuerst gesperrt… Rationale und sachliche Gründe hat das mit Sicherheit nicht, da spielen vermutlich andere Dinge eine Rolle.
So stehe ich also am Samstag mit meinem Protestshirt der “3-Gipfel-Volksfront” am Start. Es ist kalt, um die Nullgradgrenze, aber sonnig und so solls auch bleiben – Idealwetter. Ich habe keine Kamera dabei, zudem habe ich die Alb schon so oft fotografiert, da kommt nix Neues dabei raus. Außerdem will ich heute ein wenig aufs Tempo drücken. So richtig schnell bin ich dieses Jahr noch nicht gelaufen und somit wird der jährliche Albmarathon zum Gradmesser meines Trainingszustands. Eine Erkältung und das schlechte Wetter der letzten Tage haben für mich als Ausreden gereicht, um nur wenige Laufkilometer seit dem Voralpenmarathon vor 4 Wochen zu machen. Die Ausrede müsste auch dafür herhalten, falls ich über 5 Stunden brauche. Eine 4 vornedran wäre Idealziel.

Ich treffe mich im Prediger bei der Startnummernausgabe mit vielen Lauffreunden und wir wärmen uns verbal schon mal auf. Dann raus zum Start. Nach einigen Ansprachen, die alle durchklingen lassen, man möge dem Albmarathon den Hohenstaufengipfel lassen, gehts um 10Uhr los.

Rechenspiele

Erst mal locker einlaufen, es geht durch die Stadt, raus in Richtung Beutental. Mir gehts gut, obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, zu schnell zu sein. Die Blicke auf die Uhr spare ich mir lieber, das macht mich nur unruhig, ich höre auf mein Inneres. Und auf Gerhard, der bergab locker an mir vorbei läuft und sagt, dass er dafür bergauf langsamer macht um Kraft zu sparen. Der will’s auch wissen und ist flott unterwegs. Er hat auch die 5-Stundenmarke im Visier, höre aber raus, dass er auch gegen eine persönliche Bestzeit nichts einzuwenden  hätte. Für die ersten 25km habe ich mir eine Zeit von 2:25 Std. vorgestellt und wenn mir dann die Luft ausgeht, könnte ich die zweite Hälfte langsamer in 2:35 Std. angehen.
Wir laufen das Beutental hoch, vorbei an bestens organisierten Verpflegungsposten bis zum Wäscherschloss und dann ist der Hohenstaufen auch schon zu sehen. Die Zeit vergeht wie im Flug, alles läuft rund. Ich möchte alles durchlaufen, auch die bösen Steigungen, das habe ich schließlich das ganze Jahr mit meinen Fivefingers trainiert. Ich habe dadurch auch wirklich einen guten Abdruck. Allerdings kurz unterhalb des Hohenstaufens muss ich gehen, das kostet sonst zuviel Kraft. Ab und zu laufe ich auf Gerhard auf, der schneller bergauf geht als ich laufe, faszinierend.

Run to the hills

Ich laufe den Hohenstaufen rauf, oben eine Wendung, kurz die Aussicht genießen und wieder runter. Der Weg ist weder in schlechtem Zustand noch zu schmal, alles völliger Nonsens. Ich schätze ihn auf drei Meter in der Breite und ist von der Beschaffenheit her Rollatortauglich. Wenn der Zustand des Weges der Grund sein soll, ihn für die Läufer zu sperren, dann müssten in Deutschland 50% aller Gehsteige geschlossen werden.
Bergab läuft’s und mit Schwung geht’s rüber zum Rechberg. Auf halber Strecke sitzt Bernie mit Getränken. Das ist ja ein Service! Ich genehmige mir einen Schluck Cola, etwas Coffein ist nicht schlecht und weiter geht’s. Ich laufe erneut ein Stück mit Gerhard und wir gedenken unserer Gattinnen, die wir in Schwäbisch Gmünd zurückgelassen haben.

Halbzeit

Dann gehts hoch zum Rechberg, wie immer eine ziemlich fiese Steigung. Oben angekommen, laufe ich über die Zeitmatte und ich bin bei 2:28. Tja Max, das sieht schlecht aus unter 5 Stunden zu kommen. Sofort lege ich mir ich meine Ausreden für mich selbst schon mal parat und ich bin mir nicht sicher, ob ich noch so viel Kraft aufbringe den Rest in der gleichen Geschwindigkeit zu laufen. Ich bin über meine eigenen taktischen Gedankengänge überrascht, sind mir doch Zeiten meistens doch ziemlich egal. Aber irgendwie packt mich dann doch der Ehrgeiz. Also, nimm Dich zusammen und lauf. Kurz Verpflegung fassen, dabei ersticke ich fast an einer Salzbrezel. Auch kein schöner Tod, ich kann die Schlagzeilen schon lesen… Dann runter vom Rechberg, Hansjürgen ist im Kilt vor mir und der läuft heute einem fulminanten Sieg über50km und über sich selbst entgegen.

Holla, die Waldfee…

Es geht durch den Ort Rechberg rüber zum Stuifen. Kräftemäßig geht bei mir jetzt noch Einiges und kaum laufe ich in den Wald hinein, werde ich wieder frisch. Straßenläufe sind einfach nicht mein Ding, aber der Trail hoch zum Stuifen macht unglaublichen Spaß und runter auch wieder. Es geht weiter nach Tannweiler auf Feldwegen und Asphalt, wieder an Bernie vorbei, er hat die Position gewechselt und ich sehe ihm an, dass er heute gerne mitgelaufen wäre. Ich glaube der leidet schlimmere Qualen als mancher Läufer. Diesmal verzichte ich auf sein isotonisches Angebot, ich habe gerade den Schwung auf meiner Seite. Nach einer Weile auf dem Thannweiler Weg geht’s runter und dann den – ich nenne ihn – “Bremsklotz” rechts hoch zur Reiterleskapelle. Diese kleine Steigung macht alle Durchschnittszeiten und Berechnungen wieder zunichte. Wir gehen alle und fluchen in uns rein, nur mein Vordermann nicht, der lässt seinen Frust lautstark und gasförmig raus. Ich bin gerade mit der Rechnerei beschäftigt, als mich mit lautem Krawall die Waldstettener Musikkapelle schlagartig in die Realität zurückholt. Nicht meine Musik, aber ich bin wieder wach. Auf Forsttraßen geht’s zur Wendemarke und die Pendelstrecke wieder zurück. Mir kommen Daniel, Gerhard und Hansjürgen entgegen, die sind gerade mal ca. 200m hinter mir. Bei denen läufts, wie mir scheint, sehen alle noch entspannt aus und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis die an mir vorbeiziehen.

Runter…

Wir laufen wieder Richtung Stuifen und dann rechts weg in Richtung Waldstetten durch den Wald. Und es geht schön bergab. Und irgendwas legt den Schalter in mir um und ich laufe los und kann endlich Strecke machen. Ich bin für meine Verhältnisse mit einem 04:10er Schnitt jetzt echt schnell unterwegs, laufe in Waldstetten bei km40 ein und die Uhr zeigt 13:56 Uhr. Wow, jetzt bin ich aber echt platt. Somit hätte ich über 1 Stunde Zeit für 10km. Das geht sich aus, wie der Österreicher sagt.

Die Strecke durch Waldstetten rüber nach Straßdorf ist nicht der Brüller, geht es hier doch auf dem Bürgersteig an der Hauptstraße entlang. In Straßdorf nochmal Verpflegung fassen. Ich trinke wieder Cola und merke nach dem Loslaufen, dass ich für heute schon allzu reichlich Coffein in mir habe. Eigentlich bin ich schlapp, in mir toben viele kleine durchgeknallte Duracellhasen und sorgen dafür, dass ich weiterlaufe und das ziemlich flott. Der letzte Streckenabschnitt ist reine Kopfsache. Diese ehemalige Bahntrasse ist monoton und außer einer Straßenquerung passiert hier 5km lang nix, das muss man wissen und sich rechtzeitg damit abfinden. Als ich den Albmarathon 2009 zum ersten Mal lief, wäre ich hier fast verzweifelt.

Endspurt

Dann läuft plötzlich Daniel neben mir und holt mich aus meiner Lethargie, die sich gerade einstellen will. Er hätte sich schon seit längerem an mich gehängt und jetzt noch die Kraft gehabt zu mir aufzuschließen. Ich muss dazusagen, dass ich bis jetzt in jedem Rennen von Daniel zum Schluss noch eingeholt wurde, es war für mich auch nur eine Frage der Zeit. Dass das heute allerdings so lange gedauert hat, ehrt mich. Er ist eindeutig schneller als ich und schicke ihn weiter (…ich bin nur eine Last für Dich…). Mir reicht mein Tempo und die Gewissheit, dass ich unter 5 Stunden ankomme. Dann der letzte VP, ich lehne hier dankend alle Getränkeangebote ab (noch ‘ne Cola und ich drehe durch). Die letzten zwei Kilometer bin ich schon ordentlich am Ende und freu mich als ich endlich in die Fußgängerzone einlaufe und meine Frau wiedersehe. Da steht auch Daniel wieder auf der Strecke und fotografiert, ich rufe ihm kurz zu, wir laufen zusammen nach 04:52:47 ein. Ich bin echt von meiner Leistung überrascht. Nur wenige Minuten später laufen Gerhard und Hansjürgen ein, super Leistung Burschen! Wir werden vom Chip befreit, bekommen die Medaille und holen unser wohlverdientes alkoholfreies Bier ab. Danach noch in der Sonne sitzen, unglaublich wie wenig man braucht, um glücklich zu sein.

Fazit

Routinierte Veranstaltung bei bester Orga, bestem Wetter und schöner Landschaft. Achja, Gewinner gabs auch, allerdings nur einen. Dafür viele Sieger – alle die im Ziel ankommen.

Klasse Laufberichte mit Bildern auf Marathon4you.de von Daniel und Joe.