Voralpenmarathon Kempten 2011

Wer im Kreis läuft, spart sich den Rückweg.
alte Läuferweisheit.

2009 lief ich den Voralpenmarathon, ein Rundkurs in der 45km Variante und man kratzte mit dieser Distanz somit schon mal die Marke zum Ultramarathon. Ich versprach mir damals im Folgejahr wiederzukommen. 2010 fiel er allerdings aus und 2011 ist er in einer wirklich ultratauglichen Variante wieder da.

Der Veranstalter verspricht gemischte Wegbeschaffenheit und ich lese daraus “Morast und Straße – für alle was dabei”. Laut Ausschreibung weg von der Straße, hin zur Landschaft.
Es soll ein richtig warmer Tag werden, kurze Klamotten. Es ist ein – ich nenne ihn – Vollpensionslauf. Da ist alles an Verpflegung und sonstigen Annehmlichkeiten dabei, auf die ich sonst bei meiner bevorzugten Art, nämlich “semi-aided” zu laufen, verzichte. Somit habe ich außer meinem Fotoapparat und Minimalstbekleidung nichts dabei. Ich bin zwar eingefleischter Trailläufer, aber es ist auch mal ein schönes Gefühl, ohne Trinkrucksack und alpiner Pflichtausrüstung laufen zu können. Und wem, so wie bei manchen Startern, die Strecke und das Höhenprofil zuwenig Schinderei sind, der nimmt halt zum Beschweren dann doch noch den Trinkrucksack mit. Und wer sich damit immer noch nicht genug quält, der läuft auch noch in langen Klamotten…

Die Galerie mit vielen Fotos befindet sich am Ende des Artikels

Um 09:00 gehts los. Wir laufen zunächst auf Parkwegen und Straßen aus der Stadt raus, bis zum ersten Anstieg. Und schon bin ich zuhause: Trails. Ein klasse Singletrail verläuft durch einen Wald, durch den die Sonne ihre Strahlen schickt. So könnte es echt weitergehen, wir kommen an schönen Bauernhöfen vorbei und es geht wieder hinab zum ersten VP nach 5km.
Kurz auftanken und danach gehts weiter auf Singletrails, Wiesenwegen, Forststraßen und Kuhweiden. Dieses Wechselspiel der Wegbeschaffenheit macht Spaß, die Ausblicke ins Voralpenland mit den am Horizont sichtbaren Gebirgsketten sind grandios und ich bleibe öfter mal stehen und schaue mir das an, mache ein paar Fotos und ziehe weiter. Wenn ich daran denke, dass man sich zeitgleich in der Bundeshauptstadt gerade mit 40000 anderen auf 42km über den Asphalt quält, kann ich nur den Kopf schütteln.

Es geht langsam aber sicher durch den Kürnacher Wald dem ersten harten Brocken entgegen, dem Blender. Der Veranstalter hatte zwar in seiner Ausschreibung geschrieben, dass es keine schwierigen Passagen gibt, ich kenne das Stück bis oben allerdings noch aus 2009. Sollten die jetzt keinen Shuttlebus eingeplant haben oder weitgehende Erdarbeiten vorgenommen haben, ists mit Sicherheit immer noch so steil wie vor 2 Jahren. Laufen ist mir zwar möglich, aber ich will nicht. Wir gehen – das macht auch mehr Sinn. Einen wirklichen Zeitvorteil holt man in unserer Leistungsgruppe durch Laufen an dieser Steigung ohnehin nicht raus und die gesamte Strecke ist lang genug um die verlorene Zeit an anderer Stelle wieder reinzuholen. In Anbetracht des Wetters und der schönen Gegend tendiere ich heute ohnehin eher zum Genusslauf. Hatte ich mir zu Beginn noch vorgenommen, jede Steigung nach Möglichkeit durchzulaufen, entschließe ich mich ab jetzt dazu, einfach mal stehenzubleiben und zu genießen. Manchmal ertappe ich mich auch beim Trödeln…

Irgendwann hat auch diese Steigung ein Ende und der Wald gibt uns wieder auf dem höchsten Punkt des Blenders (1070m) frei. Sein von weitem sichtbarer Sendemasten und sein nicht minder imposanter Ausblick in die umliegende Gegend machen ihn zu etwas Einzigartigem. Wir laufen auf einem Singletrail den Bergrücken entlang. Dort treffe den Gripmaster beim Fotografieren. Ich gebe mit Sicherheit kein Weltklasse-Motiv ab, aber ich behaupte mal, dass ich heute mehr Spaß habe als er… Danach geht’s abwärts in Richtung VP Wegscheidel (KM 10). Hier überholt mich zum ersten Mal eine Staffelläuferin einer Mütter-Gruppierung, deren Namen ich mir nicht merken kann und ich sie deshalb “die Muttis” nenne. Die ist verdammt schnell und das sollte nicht das einzige Mal sein an diesem Tag, dass die Muttis meinen Weg kreuzen.

Kurz Verpflegung tanken und sofort weiter. Die Sonne heizt langsam aber sicher das Terrain und wir befinden uns auf baumlosen und somit schattenfreiem Gebiet. Dann geht’s nach ein paar Kilometern ab auf eine Forststraße und weiter Richtung VP Hangweg (KM 15). Wir laufen ab jetzt für die nächsten 20km im Wald und bei der Temperatur ist’s sehr angenehm hier zu laufen. Am VP Hangweg trennen sich die 30er von den 50ern und es wird auf einen Schlag ruhiger. Wir machen uns auf zum höchsten Punkt der ganzen Strecke (1120m). Immer treffe ich noch ein paar Läufer und wir kommen, wenn auch nur wortkarg, zum Reden. Es geht hoch und da ist jeder mit sich gerne alleine.

Danach gehts klilometerlang bergab und ich kann endlich Strecke machen bis zum nächsten VP im Kürnachtal (KM 20). Ich laufe auf einem Forstweg, entlang an einem wunderschön gelegenen Bach. Eigentlich ist’s wieder viel zu schade um nur durchzulaufen. Vor mir wieder eine Staffelläuferin der Muttis, nur diesmal haben sie gewechselt. Die sieht frischer aus, die muss neu sein und läuft auch dementsprechend flott und dynamisch. Allerdings kann ich bis zum VP-Punkt zu ihr aufschließen. Kaum erliege ich der Hoffnung, sie danach bergauf zu überholen, wechseln die wieder gegen eine noch frischere und ich habe erneut das Nachsehen. Glaubt mir, das ist schon frustierend… Ich kann dann irgendwann zu ihr aufschließen und sie überholen. Sie sagt, dass sie bei der Schwedenschaze rausgeht und dann jemand Neues startet. Na super…

Es geht auf Forstwegen stetig, aber dafür im Schatten, bergauf. Wir erreichen die Schwedenschanze (KM 25,4). Ich schreibe das jetzt stellvertretend für alle Streckenposten: Sie sind alle sehr freundlich, engagiert und hilfreich, die Verpflegung ist für einen Ultra mehr als ausreichend. Ich hätte mir nur etwas Salz gewünscht, später wirds dann doch heiß und man schwitzt doch einiges raus.

Danach gehts noch auf Forstwegen durch den Wald, bis dieser uns dann irgendwann entlässt und wir auf einer Straße landen. Die führt jetzt gnadenlos nach unten. Die Schenkel und Waden jubeln, meine Mitläufer auch, vor Schmerzen. Wenn man die ganze Zeit stetig bergauf läuft, tut das richtig weh. Aber es hilft der Muskulatur, nicht in Monotonie zu verfallen – so verkaufe ich mir das zumindest… Nach dieser Oberschenkeltortur erreichen wir den VP im Eschachtal (KM 30). Von dort aus wieder hoch zum Hohen Kapf. Achja, die Muttis habe ich noch einmal überholt und dann habe ich sie nicht mehr gesehen. Dafür überholen uns weiterhin Staffelläufer, man gewöhnt sich dran und ich denke mir immer, wer jetzt noch schneller läuft als ich, ist nicht die ganze Strecke gelaufen.

Wir kommen zum VP Alpe Wenger Egg (KM33), die Aussicht hier ist einfach zu schön. Wieder will ich mich nur hinsetzen und schauen, aber das werde ich später irgendwann mal nachholen müssen. Heute habe ich Startgeld und kein Sitzgeld bezahlt, zudem steht auf der Urkunde nur die Zeit und nicht die Bemerkung: Er hatte sichtlich Spaß auf der Strecke… also weiter…

Wir erklimmen den Hohen Kapf und dann runter zum Eschacher Weiher. Mein Beweisfoto vom See wird vermutlich als versuchte Spannerei der anwesenden Nudisten gewertet und ich flüchte lieber, verdecke hierbei allerdings vorsichtshalber mal meine Startnummer.

Wir laufen dann durch einen Wald, endlich wieder ein Trail, diesmal von der etwas dreckigeren Variante. Ich fühle mich dabei richtig wohl, durch dem Matsch zu stapfen und ich dachte schon, das kommt gar nicht mehr. Am Ortsrand von Buchenberg gehts nach dem VP (KM 43) wieder auf der Straße raus und dann rechts auf einem Flurweg in die Pampa. Hier bin ich bereits etwas trandösig und laufe in die falsche Richtung, da ich eine Wegmarkierung übersehe. Passanten pfeifen mich zurück und lotsen mich in die richtige Richtung – Danke an die Unbekannten!

Jetzt geht’s flach dahin und ich komme zum ersten Mal in so etwas wie einen Laufrhythmus und kann Reserven mobilisieren. Mit einem 5er Schnitt gehts bis zum VP Ermengerst (KM 46). Laut Höhenprofil sollte demnächst noch eine Steigung zum Marienberg kommen. Aber sie kommt und kommt nicht. Sollte das der Veranstalter diesmal ausgelassen haben? 2009 habe ich ordentlch geflucht, weils nochmal richtig zäh wurde. Zu früh gefreut, plötzlich gehts doch noch zur Maria nach oben. Mittlerweile bin ich ein Meister im Zähnezusammenbeißen, stelle mir den Herrn Saukel vom Veranstaltungsteam als Sadisten vor und ich komme diesen Hügel dann auch noch hoch.

Die Aussicht entschädigt allerdings für die vorangegangene Pein. Traumhafte Ausblicke nach Kempten und auf die umliegenden Berge, wir laufen den Berg runter zum letzten VP an der Mariaberg-Kapelle (KM 49) und jetzt kommts: Endlich nach 49 Kilometern gehts einen richtigen Trail nach unten. Große Wurzeln, Waldboden, Steine. Alle Müdigkeit ist wie weggeblasen, ich bin frisch wie am Anfang und springe wie ein Steinbock nach unten. Das tut so gut und das Stück ist leider viel zu kurz, es macht riesigen Spaß – bitte mehr davon! Ich laufe mittlerweile wieder auf Teerwegen und bereits an der 51km-Marke vorbei, dann kommt eine 52km-Marke und werde langsam skeptisch, ob ich heute noch ankomme und vor allem auf welchem Weg. Dann ist’s irgendwann vorbei, ich sehe den Zielbogen, den ich nach 05:31:48 Stunden durchquere. Keine Brüllerzeit, aber wer bei dieser Landschaft Bestzeit läuft, bekommt nichts mit. Danach Empfang der Medaille, Finsihershirt, Bleifreies Weizen und noch eine Weile die unterwegs geschlagenen Gegner beim Zieleinlauf beobachten.

Fazit:

So muss das sein, ein richtig entspannter Landschaftslauf. Klasse Wetter, die Strecke und die Ausblicke sind ein Traum, die Verpflegung und die Orga perfekt. Dass nur 150 die 50er Runde gemacht haben ist schade und da ist noch Platz nach oben. Optimierungspotential: Eine Schale Salz pro VP tut nicht weh und müssen Startnummern unbedingt so großformatig sein? Weniger ist oft mehr.

Hier der Link zum tatsächlich gelaufenen GPS-Track und hier zur Website der Veranstaltung.