UTMB TDS 2011 – Courmayeur > Chamonix

Der UTMB – TDS (Sur les Traces des Ducs de Savoie) wurde 2009 zum ersten Mal veranstaltet und war das wenig beliebte Rennen, da er in Chamonix nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit um 05:00 Morgens gestartet wurde und in Courmayeur endete.

Dies war für die Läufer wenig attraktiv und wurde vom Veranstalter schnell erkannt. So sollte 2010 der TDS in entgegengesetzter Richtung verlaufen, um den Zieleinlauf in Chamonix zu ermöglichen. Leider fiel der Start 2010, wie auch alle anderen Rennen der Kaltwetterfront zum Opfer und fiel aus. 2011 stehe ich fürs Team Raidlight am Start…

Hinweis: Galerie mit 60 Bildern befindet sich am Ende des Artikels

Daten zum TDS

112km, 7100 positive Höhenmeter, 31 Stunden maximale Zeit. Die Teilnehmerzahl ist auf 1200 Läufer beschränkt und benötigt werden zwei Qualifikationspunkte.

2011 habe ich einen Startplatz ergattert und zugleich ordentlich Respekt… 112 km sind nicht ohne und das bei einem Höhenprofil von 7100 positiven HM. Ich bin fit und bin als Vorbereitung einige Trainings-Ultra-Läufe über 50km mit der kompletten Ausrüstung gelaufen. Dadurch wird man zwar nicht gerade schneller, aber man lernt bei langen Trainingsläufen bereits autonom zu sein und gewöhnt sich an das Gewicht des Rucksacks. Außerdem ist das DIE Gelegenheit, das Material zu testen, ein nicht zu unterschätzender Faktor. Dazu noch ein paar offizielle Ultras und Marathons (Rodgau-Ultra, Brocken-Challenge, Liechtenstein-Marathon, Zugspitz-Ultra, Verbier, K78 Davos) sorgen für eine gute Grundlage.
Ich bin bekennender Hobbyläufer, dessen Ambitionen nicht im Sieg oder in Platzierungen liegen, sondern ich möchte einfach nur gesund und innerhalb der Zeitvorgaben ankommen.
Außerdem: Wer länger läuft, hat länger was davon…

Startnummernausgabe

Am Mittwoch hole ich mir in einer nicht enden wollenden Schlange meine Startnummer im Sportzentrum Chamonix ab. Anfängerfehler… die holt man auch nicht am Vormittag ab, wir braten in der Sonne…
Die Organisation in der Halle ist wie immer vorbildlich und ich bekomme bei der Kontrolle der Pflichtausrüstung sogar von Frau Poletti persönlich noch einmal die Notwendigkeit der derselben vorgetragen. Ich oute mich als einer der Leidtragenden aus dem Vorjahr, der den Rennabbruch des UTMBs hautnah erlebt hat und um die Wichtigkeit des richtigen Equipments weiß. Das lässt sie lächelnd innehalten und wünscht mir Glück fürs Rennen.

Donnerstag, 25.08.2011 – 09:00 Uhr – Start

Wir werden frühmorgens um 06:45 in Bussen von Chamonix nach Courmayeur gefahren. Am Start in Courmayeur ist alles sehr entspannt. Ansprachen auf Italienisch und Französisch, Nationalhymnen zum Mitsingen, letzte Infos zum Wetter, sowie folkloristische Darbietungen – für alle was dabei. Nur für mich nicht, ich stehe hinten und kriege mal wieder nix mit.

Dann die Filmmusik von “Fluch der Karibik” und 1200 Läufer werden endlich losgelassen. Raus geht’s aus Courmayeur, die Skipiste hoch zum ersten VP:

Col Checrouit (1956m – 6,5 km)

Viele geben schon beim ersten Aufstieg mächtig Gas, ich lasse mir noch Zeit. Die Strecke ist schließlich lang genug um sich kaputt zu machen. Außerdem laufe ich hier kein Rennen gegen andere (das ohnehin nur einer gewinnen kann…), sondern für mich selbst. Um 10:20 Uhr komme ich am VP Col Checrouit an und habe schon eine Menge an Flüssigkeit verloren und tanke ordentlich nach.

Die Verpflegung ist hier bereits auf Vollpensions-Niveau und lässt keine Wünsche offen. Ich habe mir vorgenommen, an jedem VP zusätzlich Salztabletten zu mir zu nehmen. Diese Maßnahme hat nicht unwesentlich zum Gelingen des Laufes beigetragen. Ich schieße noch ein paar Fotos und weiter geht’s zum

Col de la Youlaz (2661 m – 11,4 km)

Wir steigen auf anspruchsvollen Wegen, teils Singletrails nach oben und rechterhand liegt das gigantische, noch in Wolken gehüllte Massiv des Mont Blancs. Der weiße Berg ist noch in Wolken gehüllt, aber was wir sehen, ist schon beeindruckend und die Dimensionen sind atemberaubend. Den gleichen Weg werden morgen in umgekehrter Richtung die UTMBler nehmen. Weniger beeindruckend ist die Tatsache, dass es hier langsam eng wird und zwar richtig eng. Manchmal staut es sich ein wenig und es geht nur zäh voran. Die Schlange aus 1200 Läufern hat sich nicht wie vom Veranstalter erwartet, auseinandergezogen, sondern wir treten uns gegenseitig in die Fersen und duellieren uns (versehentlich) mit den Laufstöcken. Die Spitzen- und Werksläufer der großen Sportartikelhersteller kratzt das wenig, die sind hier längst durch.

Nach ein paar Biegungen verlassen wir die UTMB-Strecke und sehen linkerhand hoch oben den nächsten Kontrollpunkt auf dem Col de la Youlaz und: eine nicht enden wollende Schlange aus Läufern. Wir laufen noch ein paar Meter, dann ist endgültig Schluss. Alles steht, manche werden ungeduldig und beginnen zu schimpfen, andere wittern die Gunst der Stunde und beschließen, den Weg zu verlassen und die Route direkt anzugehen, vorbei an allen anderen. Das sorgt für Unmut und die Ausreißer werden mit Buhrufen und Pfiffen zur Raison gebracht. Sie werden (zu Recht) lautstark an das Reglement erinnert, welches besagt, dass die Wege nun mal nicht verlassen werden dürfen. So geht es dann auch nur mühsam schrittweise weiter. Ich beginne allerdings langsam zu frieren, schließlich stehen wir alle schon in verschwitzen Klamotten rum. Manchmal kommt die Sonne durch und wärmt uns ein wenig, Petrus war sicher ein Trailer. Langsam nähern wir uns dem Kontrollpunkt auf einem sehr steilen rutschigen Weg nach oben. Das erklärt auch, warum es sich hier staut. Ein weiterer Grund ist die Ausrüstung meiner Mitstreiter. Viele haben normale Straßenlaufschuhe ohne hochgebirgstaugliches Profil an und rutschen permanent aus, zwei Schritte vorwärts, einen rückwärts. Der Stau hat mich insgesamt eine halbe Stunde gekostet und dann ist’s endlich vorbei. Um 12:00Uhr bin ich oben und der nette Herr mit dem Handscanner begrüßt uns, scannt uns und ab geht’s in Richtung

La Thuile (1448 m – 21,2 km, Cutoff-Zeit: 14:30 Uhr)

Das ist eine fantastische Downhill-Trail-Rennstrecke und ich fliege die nächsten 10 km förmlich ins Tal. Breite Wege, Almen, Wiesen und ich kann es rollen lassen. Schnell finde ich endlich einen Laufrhythmus und habe auch wieder das Gefühl vorwärts zu kommen. Ich muss mich aber zuweilen etwas bremsen und nicht mein ganzes Pulver hier zu verschießen.

Viele Brunnen und Tränken mit frischen Gebirgswasser sorgen für Abkühlung und um 13:24 treffe ich am VP La Thuile ein. Kurz alles auftanken, ein paar Leckereien essen und gleich weiter, nicht zu lange rumtrödeln, eine längere Pause habe ich für später eingeplant. Bis jetzt war‘s ein Halbmarathon mit 1450 HM, weiter geht’s in Richtung

Col du Petit St-Bernard (2188 m – 29,9 km)

Was jetzt folgt ist Leiden. Ich leide, weil es heiß ist. Ich mag Hitze beim Laufen einfach nicht. Noch dazu innerhalb einer Ortschaft auf Asphalt und schon gar nicht gerne bergauf. Damit ist alles gesagt, aber da muss ich (und alle anderen auch) durch. Ich habe im Laufe vieler Rennen gelernt, dass ich manche Dinge einfach so hinnehmen muss wie sie nun mal sind. Es macht keinen Sinn zu jammern oder sich selbst zu bedauern, das bringt nichts, kostet nur Energie und sorgt für schlechte Stimmung. Der Berg kann nichts dafür dass er so steil ist und die Sonne ist auch nicht schuld daran, dass ich hier schwitze. Niemand und nichts hat Schuld. Ich wollte es so, basta. Also kommt jetzt wieder der Punkt, wo ich mein Hirn ausschalten muss und einfach nur gehen. Und das klappt. Die Landschaft ist traumhaft und der Weg zum Col du Petit St-Bernard ist wunderschön, ich mache noch ein paar Fotos und ziehe weiter. Die ersten Läufer liegen schlafend am Wegrand. “Jetzt schon?” denke ich mir. Ich frage sie, ob alles OK ist, aber sie möchten nur etwas Ruhe.

Ich kämpfe schon ordentlich bis ich die paar Höhenmeter zum nächsten VP hinter mir habe. Mein Wasserverbrauch ist enorm und somit die größte Sorge in diesem ganzen Rennen. Durch die Hitze verliere ich viel Flüssigkeit und ich weiß, dass ich saufen muss wie ein Kamel, um nicht komplett zu dehydrieren. Die wenig erfreuliche Vorstellung mit einer Infusion im Arm im Sanitätszelt von einer bösen Oberschwester versorgt zu werden, lässt mich immer wieder trinken. Meine zwei 0,75 Liter-Flaschen reichen zwar einigermaßen, aber ich muss den Inhalt schon rationieren.
Ich erreiche den VP auf dem Col du Petit St-Bernard um 15:20. Erst mal richtig volltanken, was essen, kurze Pause zum Runterkommen und dann langsam weitergehen. Das funktioniert und ich bin wieder komplett hergestellt um das nächste Zwischenziel anzupacken:

Bourg St-Maurice (813m – 44,1 km, Cutoff-Zeit: 19:30 Uhr)

Ich starte zunächst langsam gehend, dann bergab im Laufschritt. Ich kann an Speed zulegen und der “Fahrtwind” kühlt mich angenehm. Ich habe das Gefühl, dass ich noch Stunden so weiterlaufen könnte. Kann ich aber nicht. Irgendwann muss ich drosseln.

In Seez werden die Läufer von einer kleinen Delegation am Ortsrand empfangen. Sie haben es sich an Biertischen gemütlich gemacht, stoßen auf uns an und jubeln uns zu. Ein wirklich spaßiger Anblick. Ich laufe auf Teerstraßen weiter und treffe in der Stadt Bourg St-Maurice ein. Es beginnt leicht zu regnen. An den umliegenden Bergregionen entladen sich bereits heftigere Gewitter.

Der Regen tut gut und kühlt mich ein wenig ab. Das auf der Stirn getrocknete Salz läuft mir jetzt in die Augen und ich komme tränenüberströmt im Stadtzentrum an. Die glauben sicher, dass ich vor Rührung heule… Hier ist der nächste VP aufgebaut, den ich um 17:23 erreiche. Ich habe über zwei Stunden auf die Cutoff-Zeit. Wir werden kurz gesundheitlich gecheckt. Ich verstehe zwar nicht, was der nette Herr von mir will, aber ich scheine seinem Ideal eines gesunden Sportlers zu entsprechen und er winkt mich durch. Jetzt gießt es richtig und wir drängen uns im Versorgungszelt. Es ist viel zu eng hier, überall liegt Equipment rum, sowie die dazugehörigen Läufer. Cola, Suppe, Wasser, Käse, Brot, Kekse… alles stopfe ich in mich rein. Ich glaube ich habe einen Magen wie ein Schwein und komischerweise vertrage ich das alles. Ich entdecke ein Schild, auf dem eindringlich steht, dass der nächste VP in 25 km (!) kommt und man solle genügend Wasservorräte mitnehmen. Ihr Spaßvögel…
Das ist jetzt eine echte Hiobsbotschaft für mich, die haben echt eine Meise, denke ich bei mir. 25km im hochalpinen Bereich mit 1,5 Liter Wasservorrat bei schwülheißem Wetter… ich sehe mich schon aus Pfützen trinken und von Aasfressern umkreist in der hochalpinen Bergwelt verenden. Von der Oberschwester ganz zu schweigen…
Also, nochmal richtig trinken, Flasche auffüllen und los geht’s zum Ausgang. Dort warten bereits die Kontrolleure. Sie kontrollieren jetzt die Pflichtausrüstung. Die Jacke, den verplombten Rucksack und das Handy sind Ihnen wichtig. Wer Letzteres nicht dabei hat wird aus dem Rennen genommen. Das so hart durchzusetzen ist grundsätzlich löblich, allerdings hatte ich die nächsten 40km kein Netz mehr und ich hätte mein Handy im Notfall dazu verwenden können, die Suchmannschaften damit zu bewerfen. Vielen Läufern geht es ähnlich. So kommt es, dass ich auch die SMS nicht erhalte, die mich über eine nicht unerhebliche Streckenänderung informieren sollte… Weiter geht’s nach

Fort du Truc (1997 m – 49,7 km)

Jetzt geht‘s erst durch die Innenstadt und dann hoch und das nicht zu knapp. Also wieder Hirn ausschalten, gehen, Schritt finden, atmen und am besten nichts denken. Es hat aufgehört zu regnen und es ist schwül. Meine Hoffnung ist, dass mit zunehmender Höhe auch die Temperatur runter geht. Vereinzelt sitzen Läufer vollkommen entkräftet am Wegrand, einige kommen mir entgegen und sehen danach aus, als wenn sie aufgeben und zum letzten Kontrollpunkt zurückgehen würden. Ein Läufer liegt in einer Aludecke rum. Bei ihm sind schon 3 Läufer die ihn betreuen.

Hier treffe ich auch erstmals auf Friedbert, einem passionierten Ultraläufer aus dem Schwarzwald. Wir kommen aufgrund meiner Deutschlandflagge am Rucksack ins Gespräch und ziehen uns gegenseitig mental den Berg hoch. Er unterrichtet mich erstmals von einer Streckenänderung, die uns dann am Kontrollpunkt Fort du Truc (18:56) offiziell mitgeteilt wird.

Wir werden in eine andere Richtung gelenkt und es geht die eben mühsam gewonnenen Höhenmeter fast wieder komplett runter auf die Verbindungsstraße D902 von Bourg St-Maurice nach

Cormet de Roselend (1967 m – 68,6 km, Cutoff-Zeit: 01:30 Uhr)

Die Streckenänderung wurde notwendig, weil schwere Gewitter am Col de la Forclaz eine gefahrlose Überquerung nicht zuließen. Damit kann ich leben. Dass die Änderung eine 8km längere Strecke bedingt, auch noch. Dass diese gesamte Umgehungsstrecke allerdings ausnahmslos auf dieser öden Straße stattfinden würde, war schon eine fette Kröte, die es zu schlucken galt. Und dass unsere Wasservorräte für so eine lange Strecke reichen müssen, ließ das Bild der bösen Oberschwester wieder vor meinen Augen erscheinen. Der Veranstalter hatte bei seiner Entscheidung die Risiken abgewogen: 1. Entweder hochalpin vom Blitz erschlagen oder 2. vom Auto überfahren werden – und sich für Letzteres entschieden. Egal jetzt, Hirn ausschalten und los geht’s. Friedbert und ich erzählen uns jede Menge Laufabenteuer und tauschen uns aus. Jeder kennt jemanden und wir können uns viel erzählen. Das lässt die monotone Straße mit ihren nicht enden wollenden Serpentinen erträglicher werden und wir haben richtig Spaß. Wir wissen, dass wir ankommen werden, wie und wann auch immer.
Und tatsächlich gibt‘s auch so etwas wie Glück: Da stehen Angehörige von anderen Läufern am Straßenrand und wir können Trinkbares ergattern. Mittlerweile wird es langsam dunkel und im Schein der Stirnlampen geht es endlich rechts ab auf einen Feldweg und dann in ein hellerleuchtetes Dorf. Da standen viele Menschen und jubelten, schleppten Wasservorräte und Obst an und wir dachten zunächst, das sei der VP Cormet de Roselend. Wir wundern uns nur, dass es hier kein Verpflegungszelt gibt. Ich ziehe mich für die Nacht um und wir stellen anhand des Ortsschilds fest (an dem wir die ganze Zeit lehnen…), dass wir in Les Chapieux sind. Diese Gastfreundlichkeit der Leute in diesem Ort ist unglaublich. Immer wieder werden wir gefragt, ob wir noch etwas benötigen, Kinder schleppen Wasserflaschen ran. Wir müssen los und haben noch ein paar Höhenmeter bis zum VP Cormet de Roselend vor uns. Den Weg dorthin laufen wir bereits komplett im Dunklen und die Sterne leuchten unglaublich intensiv am wolkenlosen Himmel, aber es ist ein absoluter Traum.

Langsam kommt der hellerleuchtete offizielle VP in Sichtweite und hier herrscht Volksfeststimmung. Auf dem Parkplatz stehen Busse der Angehörigen, sowie für den Abtransport von Läufern die das Rennen beenden wollen. Jede Menge Angehörige und Familien in Autos und Wohnmobilen sind den Läufern gefolgt. Hochalpine Familientreffen…

Der letzte offizielle Verpflegungsposten war 25km her und jetzt geht’s wieder mal drum, möglichst viel zu tanken, uns zu erholen und neben dem Magen die Trinkbehälter zu füllen. Draußen vor den Zelten weht mittlerweile ein scharfer und kalter Wind und wirbelt den Staub auf, den ich permanent in die Augen bekomme. Im Zelt ist’s warm und eng und der Service ist mal wieder vom Feinsten. Wir brechen auf zum

Col de la Sauce (2307 m)

Der Weg ist breit und gut zu gehen, allerdings weht ein heftiger Wind und wir ziehen sofort unsere Jacken an. Hier oben wird’s plötzlich ganz schnell kalt, wir sind jetzt nach dem warmen Zelt ohnehin anfälliger und frieren. Schade ist nur, dass wir die Landschaft nur im begrenzten Kreis unserer Stirnlampen wahrnehmen können. Ich differenziere mittlerweile nur noch: schlechter Weg, anstrengender Weg, rauf, runter, große Steine, kleine Steine, lockere Steine… Ein Blick in den Sternenhimmel und die Silhouette der umliegenden Berge sind ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Der Col de la Sauce ist bald erreicht und jetzt bekomme ich für einen Bruchteil ein Netz für mein Handy und es trudeln zwei SMS ein, eine von meiner Frau und eine von Gerhard Börner und seiner Frau Margot. Sie wünschen mir alles Gute für die Nacht. Das tut richtig gut. Weiter geht’s wieder runter in Richtung

La Sausse (1991 m) und Passage du Curé

Ich kenne diesen schmalen und ausgesetzten Weg der ins Tal von La Gittaz führt von Fotos bei Tag: Rechts stark abfallend, unten in der Schlucht ein tosender Gebirgsbach, auf der Gegenseite stark ansteigende Felswände. Ein Trassierband dient im Dunkeln mehr als psychologische Barriere, weniger als ernstgemeinte Sicherung. Wer hier abrutscht, für den sind so ziemlich alle Rennen für die Zukunft gelaufen. Apropos gelaufen: Auf diesen schmalen und gefährlichen Wegen gibt es – pardon – immer noch Spinner, die ein paar Plätze durch waghalsige Überholmanöver glauben gutmachen zu müssen, und das bei Dunkelheit. Sie riskieren nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die der anderen. Später sahen wir sie dann bei der nächsten Steigung erschöpft im Gras sitzen…
Überall in diesem Teilstück sind Streckenposten mit Funkgeräten postiert und überwachen die Trailer. Im Dunkeln sehen wir einen verletzten Trailer im Gras sitzen und sich beim Sturz ernsthaft verletzt hat. Die Hilfskräfte sowie die Ärztin sind bereits bei ihm und versorgen ihn. Spätestens hier wird uns wieder vor Augen geführt, dass das hier kein Spaziergang ist und das mahnt uns zur Achtsamkeit.
Wir erreichen das Tal La Gittaz auf 1665m. Hier haben die Sanitäter ihr Quartier aufgeschlagen und geben uns in englischer Sprache ein paar Tipps für den kommenden Aufstieg. Wir legen einen kleinen Break ein und ziehen weiter zum

Col E. de la Gitte (2315 m)

Die Sanitäter hatten uns unterschwellig vor diesem Aufstieg gewarnt, der Weg sei durch das hohe Gras schlecht zu erkennen und wir sollen die Augen nach Markierungen offenhalten. Ich kann diesen Weg jetzt schon nicht leiden, ich weiß auch nicht warum. Er ist glatt, steil, eng, ausgewaschene Rinnen, schmierig, er teilt sich in Trampelpfade die in alle Richtungen führen, nur nicht da hin wo ich hin will. Mittendrin stehen wir im hüfthohen Gras auf einer 45-Grad-Rampe und sehen keine Markierung mehr. Wir gehen einfach nach oben, oben ist immer richtig. Irgendwann erreichen wir dann auch wieder Markierungen und einen breiten Fahrweg. Um 2:53 Uhr kommen wir zum Kontrollpunkt auf dem Entre-deux-Nants (2164 m – 79,6 km). Kurz die Startnummer scannen lassen und weiter bis zum Gipfel zum Col E. de la Gitte.
Hier weht es ordentlich und ein kalter Wind zieht uns die letzte Kraft aus den Gliedern. In Anbetracht der schlechten Bedingungen einen Tag später für die UTMB-ler, ist das jetzt Jammern auf hohem Niveau, aber wir frieren und ich werde nicht müde zu behaupten: Die Pflichtausrüstung mach Sinn! Wir ziehen alles an Kleidungsschichten an, was wir dabei haben und dann stapfen wir fröstelnd auf dem Bergrücken entlang. Ich möchte nicht wissen, wie es hier bei schlechtem Wetter abgeht und bin nachträglich froh, dass der Lauf einen Tag früher gestartet wurde. Dann höre ich irgendwann Musik aus der Ferne, sowie Stimmen. Ich traue mich Friedbert gar nicht zu fragen, ob er das auch hört. Ich hätte Angst, dass er “nein” sagt und ich mir erste akustische Halluzinationen eingestehen müsste. Dann teilt er mir die gleichen akustischen Wahrnehmungen mit und sind daraufhin beide beruhigt: Hier ist irgendwo eine Party im Gange. Wir laufen weiter in Richtung

Col du Joly (1989m – 87,6 km, Cutoff-Zeit: 07:15 Uhr)

Auf diesem Teilstück können wir die lange, sich den Berg hinaufwindende Lichterkette der Läufer vor uns sehen, die dann in einer Querung am Refuge de la Roselette hinter dem Bergrücken erschwindet. An einer Stelle wird‘s extrem technisch und wir machen ein paar Höhenmeter unter Zuhilfenahme der Hände – Klettern ist angesagt. Felsblöcke, rauf und runter. Das unterscheidet den TDS von allen anderen Läufen, aber es macht unglaublichen Spaß und bringt Abwechslung. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als bei Nacht auf einem eintönigen Weg dahinzutrotten. Hier pennt jetzt keiner mehr und alle sind wieder hellwach. Dann geht es die bereits erwähnte Querung in Richtung zum nächsten Verpflegungspunkt. Ein Blick zurück ins Tal offenbart die Lichterkette der Läufer, welche die Kletterpartie noch vor sich haben. Dann wird die Musik lauter und die Stimmen auch. Wir kommen vorbei an Kuhweiden und sehen bereits schon den VP Col du Joly.
Hier ist also die Party. Es ist 05:14 Uhr, 19km sind seit dem letzten VP vergangen und wir haben hierfür über 6 Stunden benötigt. Das Erste was uns empfängt, ist die Meldung des Sprechers, dass in zwei Minuten der Bus nach Chamonix abfährt, für alle die aufhören wollen. Wir machen hierüber Scherze und stellen uns vor, wie schön Busfahren jetzt wäre. Aber Aufgeben kommt überhaupt nicht in Frage. Die bekommen mich heute nur gegen meinen Willen mit Polizeigewalt oder mit der Finisherjacke von der Strecke. Angekommen im Zelt ist das Elend bereits sehr groß. Läufer liegen auf Bänken in Alufolien eingewickelt. Angehörige kauern daneben, als würden Sie um Verstorbene trauern. Wir sind relativ pietätlos und lassen uns dennoch die Suppe und alle anderen Leckereien schmecken. Wir sind nach dieser Gebirgsstrecke allerdings auch ziemlich am Ende und freuen uns auf die Morgendämmerung und auf den Abstieg nach

Les Contamines (1170 m – 96,5 km, Cutoff-Zeit: 10:00 Uhr)

Der Abstieg verläuft zunächst auf einer Straße, wir werden aber dann zum Glück wieder ins Gelände geschickt und laufen fortan auf einem an sich schönen Waldweg mit viel Wurzelwerk nach unten ins Tal. Und da beginnt auch das Problem, wenn man schon länger unterwegs ist. Ich stolpere ein paar Mal, kann mich aber fangen, die Stirnlampe ist im Morgengrauen schon ziemlich am Ende. Ich bin ehrlich gesagt auch zu faul, jetzt noch Batterien zu wechseln. Außerdem gibt’s in Les Contamines beim nächsten VP ohnehin Frühstück.

Es wird zunehmend wärmer und wir entledigen uns unserer Bekleidungsschichten. Wir laufen auf der UTMB-Strecke in entgegengesetzter Richtung und erreichen den nächsten VP. Alle Cutoffzeiten wurden aufgrund der Streckenänderung um eine Stunde nach hinten verschoben und somit haben wir genügend Zeit um aufzutanken.

Friedbert schlägt vor, wir sollen uns aus dem gegenüberliegenden Supermarkt noch ein Bierchen gönnen, aber ich vertrage nichts und wäre für den Rest der Strecke breit wie eine Tür. Wir verwerfen diese Idee und einigen uns auf das Bier im Ziel. Wir starten um 07:52 los zum

Chalet Du Trucs (1721 m)

Jetzt ist’s noch ein lockerer Halbmarathon bis ins Ziel, den packen wir auch noch… Wir unterliegen diesem Irrglauben aber nur 200 Meter und werden von der Realität in Form eines Anstiegs schnell wieder eingeholt. Was auf den Höhenprofil wie drei Hügel aussieht, entpuppt sich noch mal richtig als harte Nummer. Es geht 3 km auf einer Forststraße knapp 500 HM hoch, das hatte ich echt unterschätzt und nach der zurückgelegten Strecke tut das nochmal richtig weh. Wir haben aber noch Glück, dass dieser Aufstieg auf der sonnengeschützten Nordseite ist. Anfangs ist der Weg steil, weiter oben wird es dann leichter. Friedbert muss auf halber Höhe pausieren, sein Fuß macht Probleme. Er vermutet eine größere Blase, die ihm große Schwierigkeiten bereitet. Ich will warten, aber er schickt mich weiter. Ich mache das nur ungern, weil wir bislang unseren Weg gemeinsam gegangen sind und ihn auch gemeinsam zu Ende bringen wollten. So mache ich mich zumindest mal langsam auf den Weg und warte öfter an Wegbiegungen, aber ich sehe ihn nicht nachkommen. Ich erreiche den höchsten Punkt des Chalet Du Trucs, die Aussicht ist atemberaubend, das Wetter perfekt. Es ist ein wunderschöner sonniger Morgen.

Ich warte hier noch eine Zeit lang auf Friedbert, aber er kommt nicht. Ich hoffe, dass alles ok ist und er weiterlaufen kann. Ich ziehe langsam weiter und sehe im Tal gegenüber meine letzte große Herausforderung:

Col de Tricot (2120 m – 103,6 km)

Im Höhenprofil sieht es aus, als müsste man nur Anlauf nehmen und mit Schwung die nächste Steigung hochlaufen. Es ist aber so, dass es über einen nicht gerade komfortablen Abstieg (was anderes hatte ich zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr erwartet) wieder auf 1570 m runter geht, um dann nochmal 550 Höhenmeter in Serpentinen steil nach oben anzusteigen.

Meine Beine sind mittlerweile schon richtig sauer, ich auch. Manchmal wurde bei der Wegführung auch komplett auf Serpentinen verzichtet und es geht direkt und gerade rauf. Die Waden jubeln. Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen, schalte wieder das Hirn aus, atme gleichmäßig und lasse mich von überholenden Läufern nicht beirren. Nur auf nichts einlassen, sage ich mir, wenigstens laufe ich im Schatten. Ab und zu sehe ich die Oberschwester mit der Infusion vor mir herlaufen, aber damit kann ich mittlerweile umgehen. Ich sehe nicht nach oben, das frustriert nur. Ich konzentriere mich auf jeden Schritt und weiß, dass ich das schaffe und bald oben bin. Dann ist’s um 10:14 endlich geschafft und nach dem mein Chip gescannt wurde, lasse ich mich ins Gras fallen und genieße erst mal die Aussicht.
Nach einem Energieriegel und Wasser ist die Welt wieder in Ordnung und ich weiß, dass es jetzt so gut wie in trockenen Tüchern ist. Der Rest bringt mich auch nicht mehr um. Ich kann jetzt bergab wieder gut laufen. Weiter geht’s zum letzten “Hügel”:

Bellevue (1801 m – 107,6km)

Was jetzt kommt ist Spaß pur. Ich laufe durch wunderschöne Wälder, es riecht überall nach Harz, ich kreuze Bäche und darf auch noch über eine lange Hängebrücke über die Gletscherzunge des Bionnassay Gletschers. So etwas habe ich auch noch nie gemacht und mir ist nicht ganz wohl dabei, als ich den Abgrund zwischen den Brettern durchscheinen sehe. Unter mir tobt der Bach und als ich auf der anderen Seite ankomme, würde ich gerne noch verweilen, aber so langsam möchte ich auch mal ankommen.

Das kommende Waldstück verleitet dazu, sich einfach mal hinzusetzen und die Morgensonne zu genießen. Einige meiner Mitläufer haben das getan, liegen im Gras und schlafen. Es geht noch einen kleinen Anstieg nach oben und ich bin noch so voll mit Adrenalin, dass ich in Bellevue die Kontrollposten fast umrenne (11:25 Uhr). Hier gibt’s eine kleine Erfrischung und danach geht’s nur noch runter nach

Les Houches (1012 m – 112,4 km, Cutoff-Zeit: 15:15 Uhr)

In Bellevue rufe ich wie versprochen meine Frau an und sage ihr, dass ich Chamonix bereits sehe und ich in ca. 2 Stunden da sein will, Helden wollen schließlich gebührend empfangen werden. Schöne Wanderwege bringen mich nach unten, die Vegetation wird dichter und mein Wasservorrat allerdings immer knapper. Ich habe einen Riesendurst, aber es dauert länger, als erwartet, die “paar Höhenmeter” bis zum nächsten VP in Les Houches zurückzulegen. An einer Wegbiegung glaube ich auch die Oberschwester wieder zu erkennen. Als ich auf sie zulaufe, ist’s eine Engländerin. Sie kämpft wie ich mit sich und der Erdanziehung. Dann mündet der Weg in eine Teerstraße und die Zivilisation hat mich wieder. Lautstark werde ich beklatscht und angefeuert. Das gibt’s nur hier. Nette Omas stehen mit Wasserflaschen und anderen gut gemeinten Spezialitäten, die ich nicht näher identifizieren kann, am Gartenzaun und verköstigen die Läufer, Kinder machen Lärm mit Kuhglocken und allem was laut ist, es ist unglaublich. Um 12:29 Uhr erreiche ich den VP in Les Houches. Hier treffe ich auf 4 weitere Deutsche, schon lustig, wenn man bedenkt dass nur 32 Deutsche gemeldet waren. Kurz was essen, trinken, Wasservorrat für 8km aufnehmen und ab geht’s zum Endspurt nach

Chamonix (1035 m – 120,3 km, Zielschluss: 17:00 Uhr)

Hier laufe ich auf der UTMB-Strecke in umgekehrter Richtung. Ich weiß nicht genau, was den Schalter in mir umgelegt hat, aber ich kann auf einmal Kräfte in mir mobilisieren, von denen ich bislang nichts wusste. Ich beginne zu laufen und halte das bis zum Schluss nach Chamonix durch. Es ist ein atemberaubender Augenblick durch die abgesperrte Läufergasse zum Ziel zu laufen. Überall Menschen die mir zujubeln. Ich muss mich immer wieder mal umdrehen, aber da ist außer mir keiner, die meinen wirklich mich.

Dann entdecke ich Daniel Steiner, ich halte kurz an und wir begrüßen uns. Ich freue mich riesig über ihn. Dann geht’s weiter und kurz vor dem Ziel wartet meine Frau, die ich kurz umarme. Dann kommt der große Moment: Der Zielbogen. Laute Musik, Jubel, der Sprecher nennt meinen Namen und ich überschreite die Ziellinie. Endlich geschafft… Nach 28:37:24 bin ich um 13:37 Uhr im Ziel. Die Platzierung ist mir letztendlich egal, aber es geschafft zu haben ist ein Triumph für mich und gibt mir die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben.

Danach halte ich die langersehnte Finisherjacke in Händen, esse ein paar Happen, tausche mich mit Daniel und meiner Frau noch aus und dann geht’s ab ins Hotel, duschen, entspannen, schlafen…

Fazit:

Wunderschöne und anspruchsvolle Strecke, ohne das umleitungsbedingte Straßenstück wäre sie perfekt gewesen. Es ist alles dabei, stellenweise sehr anspruchsvolle und rauhe Trails. Die Verpflegung ist erstklassig und wem wie mir permanent die Wasservorräte ausgehen: Es gibt genügend Bäche und Tränken am Wegrand. Die Stimmung in der Bevölkerung ist grandios. und die Arbeit der vielen unermüdlichen Freiwilligen nicht mit Gold aufzuwiegen.

Equipment:

  • Rucksack: Raidlight Endurance 14l + 2x 0,75 L-Flaschen
  • Schuhe: La Sportiva Raptor GTX
  • Gamaschen: Inov8
  • Socken: X-Socks Run-Evolution (Doppelsocke)
  • Leki Stöcke
  • Kompression: BV-Sports Boosters
  • Textilien: Salomon ¾ Tight Hose, NorthFace Funktionsshirt, Buff Headware, Vaude Event Jacke, OMM Kamleika Race Hose, Sealskinz Ultragrip Handschuhe, Ersatzklamotten.
  • Peronin, High5 Gels und High5 Drinks (Nicht dass das wichtig wäre, aber wenn schon, denn schon…)

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